Michael Finkel - Der Ruf der Stille

Michael Finkel - Der Ruf der Stille

Michael Finkel - Der Ruf der Stille

Von Lina Brünig

Christopher Knight lebte 27 Jahre allein in den Wäldern von Maine. Der Journalist Michael Finkel erzählt seine Geschichte in "Der Ruf der Stille" empfindsam, aber mit angemessener Distanz.

Michael Finkel
Der Ruf der Stille
Aus dem amerikanischen Englisch von Joannis Stefanidis
Goldmann Verlag, 2017
256 Seiten
18,00 Euro

Der Einsiedler vom North Pond

Stanley Keach & Barefoot Dan Simons: North Pond Hermit Song

"Twenty seven years ago he went into the woods
He didn't really have a plan,
guess he did it 'cause he could
He was only 19, didn't know he'd stay that long
He came to think of the woods of Maine as a place that he belonged.

You and I will never know what the North Pond Hermit knows
What it's like to sleep outside when its twenty five below."

Mittlerweile werden ihm anerkennende Lieder gewidmet – aber 27 Jahre lang war er für die Anwohner des malerischen Sees in Maine ein bedrohliches Phantom, das lautlos in ihre Feriendomizile einbrach und alles Mögliche mitnahm. Von Erdnussbutter über Boxershorts bis hin zu Matratzen und Büchern. Der mysteriöse Besucher kam stets, wenn keiner da war und hinterließ fast keine Spuren. Bald war er eine lokale Legende und wurde nur noch Einsiedler vom North Pond genannt. Wer sich dahinter verbarg, daran schieden sich die Geister.

"Einige Leute mutmaßten, hinter den Einbrüchen würden Jugendliche aus der Gegend stecken. Andere meinten, die Aktionen seien das Werk eines gesellschaftsscheuen Vietnamveterans. Außerdem waren da noch diese verdächtig aussehenden Hirschjäger aus einem anderen Bundesstaat. Es könnte auch einer jener Flugzeugentführer aus den siebziger Jahren sein, die heute noch auf der Flucht waren. Oder womöglich war es ein Serienkiller? Und was war eigentlich mit diesem Kerl, der immer ganz allein angelte?"

Michael Finkel - Der Ruf der Stille

WDR 3 Buchrezension | 29.11.2017 | 05:42 Min.

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Festnahme und die blanke Ehrfurcht

Als die Polizei den Gesuchten schließlich auf frischer Tat ertappt, ist die Überraschung groß: Da ist ein gepflegter, mittelalter Mann, der sich sofort festnehmen lässt und die über 1000 Einbrüche in der Gegend sofort gesteht – und außerdem angibt, er habe die letzten drei Jahrzehnte allein im Wald verbracht. Der Jagdaufseher Terry Hughes hatte viel Zeit und Energie darauf verwendet, den Dieb zu fassen und mit den Jahren einen regelrechten Groll entwickelt. Aber als der Plünderer sich als Christopher Knight vorstellt und ihn schließlich zu seinem Camp führt habe ihn die blanke Ehrfurcht ergriffen.

"Was er mit ansah, als er Knight folgte, sei ein Kunstwerk gewesen. Jeder einzelne seiner Schritte, jede Bewegung sei von vornherein festgelegt. Er trat immer auf dieselben Stellen, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Er trat nirgendwohin, wo er eine Spur hinterlassen hätte. Er zertrat keinen Zweig, keinen Farn trat er platt, kam gegen keinen Pilz. Schnee umging er."

Die Geschichte des Mannes, der über Jahrzehnte die Einsamkeit gesucht und gefunden hatte, wird rasch zum Medienhype. Fernsehteams und Schaulustige belagern die kleine Stadt. Doch Christopher Knight, der mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt, schweigt.

Michael Finkel

Michael Finkel

Der Journalist Michael Finkel liest im Internet über den Fall und schreibt Knight einen Brief ins Gefängnis. Zu seiner eigenen Überraschung erhält er eine Antwort.

"Habe Ihren Brief offenkundig erhalten, begann er ohne Umschweife. Dass er das Wort "offenkundig" gebrauchte – ein bisschen skurril und herablassend –, ließ mich schmunzeln. Er antworte auf meinen Brief, weil er hoffe, durch das Schreiben ein wenig den Stress und die Langeweile seiner Haft zu verringern."

Briefe und Begegungen

Die beiden schreiben sich über Wochen hinweg lange Briefe, doch irgendwann bricht Knight den Kontakt ab. Er leidet zu sehr an seiner Inhaftierung und verfällt in Depression. Finkel mag sich damit nicht abfinden und fliegt über den halben Kontinent, um Knight an der Ostküste zu besuchen.

"Es ist mir in meinem Leben selten passiert, dass sich jemand so wenig freute, mich zu sehen. Seine schmalen Lippen waren zusammengekniffen, seine Mundwinkel hingen herab, er hob nicht den Blick, um mich anzuschauen."

Finkel entscheidet sich zu warten und die Stille auszuhalten.

"Meine Geduld zahlte sich aus. Erst hörte er auf, mit dem Bein zu wackeln, dann sich zu kratzen. Und schließlich, als hätte er in dieser Umgebung endlich sein inneres Gleichgewicht gefunden, erwachte Knight zum Leben."

Und er erzählt dem Journalisten in mehreren Sitzungen seine Geschichte.

Einsiedler und willkommene Projektionsfläche

Im dabei entstandenen Buch lässt Finkel nicht nur Knight selbst zu Wort kommen, sondern auch die Anwohner, die er über Jahre beraubte, und Menschen aus seiner Vergangenheit. Er nähert sich Knight mit tiefem Einfühlungsvermögen ohne dessen Schattenseiten außen vor zu lassen. Dabei wird deutlich, dass Knight als Einsiedler vor allem auch eine willkommene Projektionsfläche ist. Viele Menschen erwarten von solchen Figuren Einblick in höhere Wahrheiten. Andere lehnen sie wegen ihres Bruchs mit der Gemeinschaft besonders verbissen ab. Knight selbst sieht diese öffentliche Wahrnehmung spöttisch:

"Einige Leute wollen mich gern als schrulligen Zausel sehen, sagte er, der die Eremitenweisheiten nur so aus dem Ärmel schüttelt und sinnreiche Glückskekssprüche aus seinem Eremitenzuhause von sich gibt."

Finkel gelingt es spielend, die kuriose Geschichte ausführlich darzustellen und dabei kulturgeschichtliche Exkurse über Eremiten, Einsamkeit und Stille einzuflechten. Warum ist das Einsiedlertum eine menschliche Grundkonstante? Was bewirkt selbstgewähltes Alleinsein auf die Hirnstruktur und die Denkleistung? Wo ist die Grenze zwischen wohltuender Ruhe und quälender Einsamkeit? Finkels eigentliches Verdienst ist dabei, dem Leben Christopher Knights sein Geheimnis zu lassen und es nicht mit Psychologisierung zu entzaubern. Gerade weil sich weder Knights Motive noch seine Zeit der Einsamkeit völlig aufschlüsseln lassen, ist diese Geschichte so nachhaltig faszinierend.

Stanley Keach & Barefoot Dan Simons: North Pond Hermit Song

"No, we don’t know what the North Pond Hermit knows."

Stand: 29.11.2017, 09:00