Anna Weidenholzer - Finde einem Schwan ein Boot

Anna Weidenholzer - Finde einem Schwan ein Boot

Anna Weidenholzer - Finde einem Schwan ein Boot

Von Andreas Wirthensohn

Anna Weidenholzer erzählt in ihrem neuen Roman davon, was Zuhause bedeuten könnte – und landet in der Unbehaustheit heutiger Gesellschaften.

Anna Weidenholzer
Finde einem Schwan ein Boot

Matthes & Seitz, Berlin 2019
214 Seiten
20 Euro

Anna Weidenholzer: "Finde einem Schwan ein Boot"

WDR 3 Buchrezension 13.11.2019 05:28 Min. Verfügbar bis 12.11.2020 WDR 3

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Verliebt in ein Tretboot

2006 gab es in Nordrhein-Westfalen ein ganz besonderes Sommermärchen zu bestaunen, das weit über das Land hinaus für Aufsehen sorgte. Verantwortlich dafür war die Trauerschwänin Petra. Sie hatte sich auf dem Aasee in Münster offenbar in ein Tretboot in Schwanenform verliebt.

"Bald wich die Schwänin ihrem neuen Partner nicht mehr von der Seite, sie verteidigte ihn gegen die weißen Segel der Boote, folgte ihm überallhin. Ihr Partner blieb ruhig. Er schaukelte im Takt der Wellen, wenn sie mit ihm kommunizierte. Er ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen, widersprach ihr nicht, er verhielt sich angenehm, war groß und gut auszuhalten. Der Herbst löste den Sommer ab, und viel zu schnell der Winter den Herbst. Sie folgte ihm in das Winterquartier, in das er gebracht wurde, als es auf dem See zu kalt für ihn war. Ihr wurden andere Schwäne vorgestellt, die als geeignetere Partner galten. Die Schwänin blieb bei ihrem Entschluss, bei ihrem Partner, von dem keine Widerrede kam."

Ein jeder Topf hat mehrere Deckel

Bei den Paaren in Anna Weidenholzers Roman geht es nicht ganz so widerspruchslos zu. Aber dass Elisabeth und Peter zusammenleben, scheint eher dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und weniger wahrer Liebe geschuldet zu sein. Nicht anders ist es bei Karla und Heinz, die sich nur mit Nachnamen anreden. Und die übrigen Protagonisten dieses skurrilen Figurenensembles leben partnerlos-einsam vor sich hin: Peters Schwester Magda, die frisch getrennt ist und sehnsuchtsvoll die titelgebende Schwanengeschichte zum Besten gibt; Herr Fleck, der immer öfter untenrum frei vor dem Fernseher sitzt und regelmäßig in den Aufzug pinkelt; Frau Richter, die alles immer im Blick hat; und die Professorin, die am liebsten allein bei Maria im Café sitzt und ungebeten von irgendwelchen psychologischen Experimenten erzählt. Karla erklärt diese Beziehungslogik so:

"Dass sie sich nur für Heinz entschieden habe, weil sie damals gerade aus einer langjährigen Beziehung gekommen sei. Dass sie nicht mehr alleine geschlafen habe, seit sie sechzehn gewesen sei. Und dass das doch seltsam sei, dass man als Kind lerne, allein in einem Zimmer zu sein, mit all den Geistern und Gedanken, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, und sich dann den Rest des Lebens das Bett mit jemandem teilt. Ich kann nicht allein schlafen, sagte Karla, ich schaffe das nicht. Ein paar Wochen habe sie es versucht, dann fand sie Heinz in einer Bar. […] Eine gewisse Anziehung sei durchaus vorhanden gewesen, aber von der großen Liebe spreche sie nicht. Ein jeder Topf hat mehrere Deckel, die halten, solange das Wasser nicht übergeht. Das Wichtigste ist, dass sich der neue Deckel möglichst angenehm tragen lässt."

Was dieses Zuhause ist

Anna Weidenholzer

Anna Weidenholzer

Schauplatz des Romans ist eine Wohnblocksiedlung in einer namenslos bleibenden Stadt. Erzählt wird aus der Perspektive von Elisabeth, die nachts nicht schlafen kann und stattdessen die erleuchteten Fenster im Haus gegenüber beobachtet. Dabei gehen ihr alle möglichen Geschichten aus dieser Hausgemeinschaft durch den Kopf. In einem zweiten Erzählstrang, dessen Episoden jeweils mit dem Satz "Was dieses Zuhause ist" beginnen, erfahren wir Näheres über die Beziehung zwischen Elisabeth und Peter. Ein Zuhause finden, heimisch werden, geborgen sein: Diese Sehnsucht eint die Menschen in diesem Mikrokosmos. Und doch ist das Zusammensein stets nur eine Kompromisslösung, nach dem Motto: Zusammen ist man weniger allein.

"Das wird unsere Höhle sein, hast du gesagt, als wir die erste Nacht hier gelegen sind. Das Zimmer war leer bis auf das Bett, mein Kopf auf deiner Brust, ich konnte dein Herz schlagen hören. Ich mag es nicht, wie Herzen klopfen, das wusstest du damals schon. Als ob sie sagen möchten, mit jedem Schlag rase ich näher auf das Ende zu, vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Herzen sind schwer zu verstehen, und vielleicht ist es gerade das, was mich unruhig macht."

Ein scharfes wie liebevolles Gesellschaftsporträt

Anna Weidenholzer zeichnet auch in ihrem dritten Roman eine Welt, die irgendwo zwischen urkomisch und reichlich traurig changiert. Ihre Bücher sind nicht wirklich schräg, aber die Weltwahrnehmung ist doch immer eine Spur anders als normal. Daraus erwächst ein scharf und doch liebevoll beobachtetes Gesellschaftsporträt, das die Autorin am Ende allerdings ein wenig verschenkt. Peter nämlich, der Journalist ist, wechselt vom Wetterressort einer Gratiszeitung in die Politikabteilung und wird dort zum autoritären Law-and-order-Verfechter. Was auch Elisabeths Beziehung zu ihm abkühlen lässt. Das zielt natürlich auf die Situation in Österreich, doch statt solcherart Abgründe und Entfremdungen subtil zu entwickeln, bleiben sie bloße Behauptung. Trauerschwänin Petra übrigens war nach zwei Jahren treuer Beziehung urplötzlich verschwunden. Ein paar Jahre später tauchte sie angeblich in einer Vogel-Pflegestation in Osnabrück wieder auf, wo sie einen neuen Partner gefunden hatte. Diesmal war es dann doch ein echter Schwan.

Stand: 10.11.2019, 23:58