Fernando Aramburu - Patria

Fernando Aramburu - Patria

Fernando Aramburu - Patria

Von Fabian May

In Patria geht Fernando Aramburu den einzig angemessenen Weg, einen Konflikt wie den baskischen zu erzählen: Er lässt alle sprechen, und zwar so lange, bis alles gesagt ist.

Fernando Aramburu
Patria
Übersetzt von Willi Zurbrüggen
Reinbek: Rowohlt 2018
768 Seiten
25 Euro

Euskadi Ta Askatasuna

Vor sieben Jahren erklärten drei vermummte Männer im Fernsehen den bewaffneten Kampf für beendet. An jenem Tag beginnt Fernando Aramburus Roman Patria, "Heimat“ oder „Vaterland". An jenem Tag geht die Witwe Bittori auf den Friedhof, um ihrem Mann Txato etwas Wichtiges zu sagen. Der wurde in den Neunzigern von der ETA erschossen – obwohl Baske, mutmaßlich weil er sich weigerte, als Unternehmer die sogenannte Revolutionssteuer zu zahlen. Die Witwe Bittori sagt ihrem toten Mann, dass sie an den Tatort und in ihr altes Haus zurückkehren wird:

"Du bist der Einzige, der es weiß. Unterbrich mich nicht. Der Einzige, der weiß, dass ich wieder zurückgehe. Ich muss es unbedingt wissen, um mich hinsetzen zu können und zu sagen: Gut, es ist vorbei. Was ist vorbei? Tja, Txato, genau das muss ich herausfinden. Und die Antwort – falls es überhaupt eine gibt – findet sich nur im Dorf, und deshalb gehe ich da heute Abend noch hin."

Sie lassen die Vergangenheit nicht ruhen

In der besten aller Welten würde jetzt eine kurze, geradlinige Erzählung über Versöhnung folgen. In Fernando Aramburus rund 750-seitigem Epos passiert erst einmal das, was nach vielen derartigen Konflikten passiert: Man wirft den Opfern vor, dass sie die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Dass sie stören.

Vor allem die einfach gestrickte Miren stört sich an Bittoris Anwesenheit im Dorf. Einst waren sie beste Freundinnen. Dann fiel Txato im Dorf in Ungnade, Mirens Sohn Joxe Mari ging für die ETA in den Untergrund und später ins Gefängnis. Vielleicht ist er Txatos Mörder. Nach der Heimkehr der Witwe sagt Miren nachts im Bett zu ihrem Mann:

"Irgendwas haben sie vor. Merkst du das denn nicht? Sie haben sich in unser Leben eingeschlichen, sie sind schon im Haus, sogar schon hier bei uns im Bett; sie haben es geschafft, dass wir nur noch von ihnen sprechen. Was glaubst du denn, warum sie zurückgekommen ist, sich überall sehen lässt, eine Geranie auf den Balkon stellt und zum Einkaufen in die Läden geht? Sie sind hinter uns her."

Ein Roman über den baskischen Konflikt

Der spanische Autor Fernando Aramburu

Fernando Aramburu

Es seien noch viele Wunden offen in diesem Konflikt, sagt Fernando Aramburu, Jahrgang 1959. Er wuchs spanischsprachig im Baskenland auf. In den Siebzigern war er Teil einer surrealistischen Literatengruppe und widerstand der allgegenwärtigen Radikalisierung durch die Kraft der Literatur, wie er sagt. Heute lebt er in Hannover. Er stand bei seinen Landsleuten schon länger im Verdacht, eines Tages den Roman über den baskischen Konflikt vorzulegen. Es gibt zwar bereits ETA-Romane, etwa Bernardo Atxagas Sohn des Akkordeonspielers über ehemalige Mitglieder der ETA. Aber wenig aus Sicht ihrer Opfer, sagt Aramburu.

Aramburu antwortet auf diese Situation mit einer epischen Darstellung. Neun Figuren, zahlreiche Nebenfiguren und ein ziemlich gut informierter Erzähler nehmen exemplarisch alle Rollen ein, die es in diesem menschlichen und politischen Drama einzunehmen gibt.

Aramburu erzählt oft wie mündlich, in einfacher Sprache, ohne Scheu vor Redundanzen mal diese, mal jene Episode aus den Achtzigern bis in die 2010er-Jahre. Man folgt ihm gerne. Er erzählt vielleicht das Wichtigste, was es an einem Konflikt wie diesem überhaupt zu erzählen gibt: Jede Episode ist durchdrungen von einer großen Menschlichkeit mit all ihren Ambivalenzen. Wie diese, als der nichtsahnende Txato kurz vor seinem Tod im strömenden Regen den untergetauchten Joxe Mari sieht:

"Kräftig, untersetzt, stand er an der Ecke. Er hatte sich zwar die Kapuze über den Kopf gezogen, aber er erkannte ihn trotzdem, und er ging auf ihn zu, überquerte die Straße und sprach ihn an: Mensch, Joxe Mari. Bist du wieder da? Das freut mich.

Diese Augen, diese zusammengekniffenen Lippen, diese angespannten Gesichtszüge. Ihre Blicke begegneten sich kurz, und in Joxe Maris Blick lag Härte/Verwirrung, Beunruhigung/Ungläubigkeit. Sie standen still und stumm voreinander. Txato wartend, dass Joxe Mari etwas sagte, Joxe Mari wie versteinert, die Hände in den Taschen seiner Lederjacke."

Jetzt sprach er nur noch das Nötigste

Tragisch sind beide Figuren. Auch Joxe Mari. Als jugendlicher Handballheld lässt er sich in der Taverne von Rotwein-Cola und patriotischen Reden zum ETArra radikalisieren. Doch erst nach einem langen, zermürbenden Lebensentzug im Knast versteht er.

"Früher hatte er die Diskussion gesucht, Tiraden vom Stapel gelassen. Jetzt sprach er nur noch das Nötigste, an manchen Tagen nicht einmal das. Er strahlte Ruhe aus, doch das war die Ruhe des umgestürzten Baums. Seinen grübelnden Gedanken fehlte mittlerweile die Hintergrundmusik der Parolen und Argumente, dieses ganzen verbalen/sentimentalen Schrotts, der jahrelang seine tiefe innere Wahrheit übertönt hatte. Dass er Wunden geschlagen und getötet hatte. Weswegen? Nach all dem Blut, kein Sozialismus, keine Unabhängigkeit, gar nichts. Er war zu der tiefen Überzeugung gelangt, Opfer eines Betrugs geworden zu sein."

In Spanien hat Patria seit dem Erscheinen hohe Wellen geschlagen. Das Buch verkaufte sich rund 700.000 Mal, sein Autor wurde mehrfach ausgezeichnet, demnächst wird es als TV-Serie verfilmt. Doch viel wichtiger: Aramburu berichtet von Lesungen in überfüllten Sälen in baskischen Großstädten wie San Sebastián. Über seinen Stoff wird diskutiert. "Endlich scheint bei uns im Baskenland eine friedliche Debatte möglich", sagt der Autor. Sage noch mal einer, Literatur könnte nicht die Welt verändern.

Fernando Aramburu - Patria

WDR 3 Buchrezension | 13.03.2018 | 05:56 Min.

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Stand: 19.03.2018, 10:19