Buchcover: "Mary Shelleys Zimmer" von Timo Feldhaus

"Mary Shelleys Zimmer" von Timo Feldhaus

Stand: 03.06.2022, 07:00 Uhr

Ein Vulkanausbruch in Indonesien verdunkelt 1816 die Welt, verändert das Klima in Europa und prägt die europäische Kultur. Timo Feldhaus erzählt vom "Jahr ohne Sommer". Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Timo Feldhaus: Mary Shelleys Zimmer
Rowohlt Verlag, 2022.
320 Seiten, 26 Euro.

"Mary Shelleys Zimmer" von Timo Feldhaus

Lesestoff – neue Bücher 03.06.2022 05:06 Min. Verfügbar bis 03.06.2023 WDR Online Von Corinne Orlowski


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Es schneit und friert mitten im August. Faustgroßer Hagel und blutroter Regen führen zu Missernten. Hunger und Krankheiten wüten. In Europa kommt es zu einem „Jahr ohne Sommer“. 1816 ist es so dunkel, dass gar das Weltende proklamiert wird. Niemand weiß, dass 12.000 Kilometer entfernt der Tambora ausgebrochen war und das Klima verändert.

"Drei glühende Lavasäulen schossen in den Himmel, fielen wieder herab und verwandelten den Vulkanberg in ein Inferno aus Feuer. Der Magmastrom traf den Ozean mit solcher Kraft, dass sich ein mächtiger Tsunami bildete. Zugleich ließ die heiße Luft, die aus dem Schlund kroch, Orkanwinde zusammenlaufen, die Häuser und Menschen aufs Meer hinaustrugen. Die Erde bebte, alles ging in Flammen auf, selbst kleinste Fliegen fingen Feuer."

1816 ist das Jahr in dem Goethe kaum schlafen kann und mehr als jemals zuvor in den Himmel schaut, in dem Caspar David Friedrich die farblich intensiven, teuflisch anmutenden Sonnenuntergänge malt und es ist das Jahr, in dem Mary Shelley ihr Kind verliert und unter dem Eindruck nicht enden wollender Regenfälle ihren ersten Roman schreibt: „Frankenstein“. Sie liebt Schauergeschichten und merkt gar nicht, dass sie selbst in einer steckt.

"Es war die wüste, schleimige, präzise, von lautem Lachen angefeuerte Geburt der modernen Naturwissenschaft. Jahrelang hatten die Erdplatten geruckelt, jetzt schleuderten sie das Innere nach außen und veränderten die Atmosphäre ihrer Zeit. Die Menschen staunten, sie grölten, und natürlich erschauderten sie ob dieses Spektakels."

Der Journalist und Autor Timo Feldhaus fängt diese Welt im Umbruch, in der Nationalismus und Kapitalismus aufkeimen, in seinem Buch „Mary Shelleys Zimmer“ erzählerisch ein. Kapitel für Kapitel wechseln einige der bedeutendsten Persönlichkeiten jener Zeit und deren Perspektiven. Sie alle eint der Blick in den verdunkelten Himmel. Am meisten Raum gewährt Feldhaus dabei der jungen, hochtalentierten Schriftstellerin Mary Shelley, die sich bei Lord Byron, dem Rockstardichter, in Genf versteckt. Es folgt ein künstlerisches Erweckungserlebnis.

"Mary war seit dem von Byron ausgerufenen Wettbewerb völlig entzündet von der Idee, endlich zu schreiben. Sie musste ihr Schicksal in die Hand nehmen, sich in unbekanntes Gebiet vorwagen, so wie jeder Held in jeder Geschichte. […] Am meisten Angst habe ich vor mir selbst, verstand Mary. Am meisten Angst habe ich vor dem, was in mir versteckt liegt. […] 'Was mich entsetzt hat, wird auch ander entsetzen, und ich brauchen nur die Erscheinung zu beschreiben, die meine nächtliche Ruhe gestört hat.'"

Zunächst scheinen die unterschiedlichen Zeitgenossen nichts miteinander zu tun zu haben. Erst nach über achtzig Seiten verbinden sich einige Biografien. Es entsteht ein Panorama in Florian-Illies-Manier. Die Idee ist gut, aber nicht mehr allzu neu. Feldhaus wählt für jedes Kapitel einen szenischen Einstieg, reichert ihn dann mit Dialogen an. Das entwickelt einen Sog. Die Erzählstimme aber beschreibt aus heutiger Sicht zuweilen überraschend undifferenziert und kommt hier und da stilistisch ungelenk daher, pathetisch, überfrachtet:

"Mary Wollstonecraft, die Haare wie glänzender Rost hatte, war immer sehr hart zu sich, denn anders konnte man nicht unabhängig bleiben. Wenn sie anderen zuhörte, bekam ihr angriffslustiges Gesicht eine Verschmitztheit."

Dennoch: Feldhaus vergnügt mit Anekdoten, spannenden historischen Momentaufnahmen und privaten Einblicken. Der Clou: Alles ist miteinander verbunden. Der Tambora ist übrigens immer noch aktiv. Verheerende Ausbrüche sind heute jederzeit möglich. Die Folgen für unsere digital vernetzte Welt wären nicht absehbar. Aber das ist eine andere Schauergeschichte.