Jörg Fauser - Caliban Berlin. Kolumnen 1980-1984. & Ich habe die großen Städte gesehen. Die Gedichte.

Jörg Fauser - Caliban Berlin. Kolumnen 1980-1984.

Jörg Fauser - Caliban Berlin. Kolumnen 1980-1984. & Ich habe die großen Städte gesehen. Die Gedichte.

Von Dirk Hohnsträter

Jenseits der Posen: Eine Neuedition des Werks von Jörg Fauser ermöglicht es, den unkorrekten Autor als Literaten ernst zu nehmen.

Jörg Fauser
Caliban Berlin. Kolumnen 1980-1984

Diogenes Verlag, Zürich 2019
368 Seiten
24 Euro

Jörg Fauser
Ich habe die großen Städte gesehen

Die Gedichte
Diogenes, Zürich 2019
352 Seiten
24 Euro

Jörg Fauser: "Die Jubiläumsedition"

WDR 3 Buchrezension 11.11.2019 04:29 Min. Verfügbar bis 10.11.2020 WDR 3

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Volles Risiko

Jörg Fauser muss man nicht empfehlen. Der Mann, der sich rumtrieb, Kette rauchte, soff und in Untergrundmagazinen veröffentlichte, ist zu einem Liebling des Kulturbetriebs geworden. Wer Fauser lobt, will nur zu gerne, dass etwas vom Cool dieses Autors auf ihn abstrahlt. In der Rückschau gerät freilich rasch aus dem Blick, dass Fauser beim Klagenfurter Literaturwettbewerb vor laufender Kamera niedergemacht wurde und in den etablierten Literaturzirkeln keine Anerkennung fand. Fauser ging volles Risiko, und seine Texte wären ohne dieses Risiko nicht so lebenssatt und unbestechlich, wie sie es eben sind:

"Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig."

Ein Chronist der alten Bundesrepublik

Jörg Fauser

Jörg Fauser

Stilistisch zwischen den Beatpoets und Charles Bukowski angesiedelt, ist Fauser ein Chronist der alten Bundesrepublik jenseits der Gruppe 47, einer, der in keinen Korrektheitskanon passt und gerade deshalb Vielen so viel Spaß macht.

In den vergangenen Jahren meldeten sich freilich auch kritische Stimmen zu Wort, die in Fausers Texten Frauenfeindlichkeit, Homophobie und rassistische Klischees ausmachen. Wie cool war dieser Autor tatsächlich, der auf alten Filmaufnahmen einen eher schüchternen Eindruck macht?

"Ich bin er
der ihr nicht sein wollt
der Verletzlichste
eingeübt in das Ungeordnete
ein Finger
über die Schmerzgrenze gestreckt"

Jörg Fauser: "Die Jubiläumsedition"

WDR 3 Buchrezension 11.11.2019 04:29 Min. Verfügbar bis 10.11.2020 WDR 3

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Neuzugänge

Fauser wird nicht zum ersten Mal wiederentdeckt. Auf die 1990 begonnene Werkausgabe bei Rogner & Bernhard folgte 2004 eine gut gemachte Neuedition im Berliner Alexander-Verlag; jetzt liegen die Rechte in Zürich, bei Diogenes. Zählt man Erst- und Taschenbuchausgaben mit, erscheinen Fausers Romane nun also zum fünften Mal. Nicht schlecht für einen vermeintlichen Außenseiter. Interessanter sind daher diejenigen Bände, die verstreute Texte versammeln und bislang unbekanntes Material erschließen. Zu ihnen zählen die beiden jüngsten Neuzugänge, ein Buch mit Fausers Kolumnen aus den 1980er Jahren und eines mit seinen Gedichten.

"Ein grauhaariger Herr nimmt am Nebentisch Platz,
sagt zum Kellner »Das Gleiche wie immer«
und bekommt: einen Kaffee,
ein Eisbein, einen Underberg.
Sorgfältig raucht er eine Juno,
zahlt, geht. Kein Wort zu viel."

Literarisch präzise

Das nachgeschobene "Kein Wort zu viel" macht aus der reportageartigen Kneipenschilderung ein Gedicht von Jörg Fauser. Nur vier Wörter, handwerklich tadellos platziert, verwandeln das stickige Milieu in einen Ort gelebten Lebens und schlagen das lyrische Ich auf die Seite der Verlierer. Man kann Fauser als exzessiven Typen bewundern oder ihn wegen seiner Drogenkarriere, den Krimiplots seiner Romane und dem Umherstreifen im Bahnhofsmileu als hartgesottenen Poser ablehnen. Entscheidend ist, dass hier ein ebenso empfindsamer wie weltzugewandter, vor allem aber literarisch präzise arbeitender Autor zu entdecken ist. Das teilt Fauser mit einer anderen Randgestalt der bundesdeutschen Literatur, dem seit einiger Zeit ebenfalls mit einer Werkausgabe geehrten Wolf Wondratschek. Und wie zuvor Wondratschek, hat es auch Fauser verdient, endlich als Literat ernstgenommen zu werden.

"Vielleicht hat es in der Nacht geregnet, und der Morgen ist kühl und frisch, bevor die Sonne wieder brennt. Vielleicht ist es einer jener Herbsttage, die deine Träume für dich auf- bewahren, indes der Wind, der an den Fenstern rüttelt, zum Weitermachen drängt. Der Kaffee ist gerade so stark, wie er sein muss, die Zigarette schmeckt noch so, wie früher alles schmeckte, und selbst der Stapel von weißem Papier verspricht an diesem Morgen nichts, was nicht ein paar Stunden harte Arbeit halten können. Mit anderen Worten, es ist ein guter Tag, um zu schreiben […]"

Stand: 10.11.2019, 23:34