Madeleine Albright - Faschismus. Eine Warnung.

Madeleine Albright - Faschismus. Eine Warnung.

Madeleine Albright - Faschismus. Eine Warnung.

Von Marko Martin

Es kommt nicht oft vor, dass ein Erinnerungsbuch gleichzeitig als politische Handlungsanweisung taugt, und noble Gesinnung Energie freisetzt. Genau das ist der ehemaligen amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright mit ihrem Buch gelungen.

Madeleine Albright
Faschismus. Eine Warnung.

Aus dem Englischen von Bernhard Jenricke und Thomas Wollermann
Dumont Verlag, Köln 2018
319 Seiten
24 Euro

Unter Präsident Bill Clinton war Madeleine Albright von 1997 bis 2001 amerikanische Außenministerin, als erste Frau in diesem Amt. Albrights politische Weltsicht ist auch von ihrer europäischen Herkunft beeinflusst, 1937 wurde sie in der Nähe von Prag geboren, das Münchener Abkommen von 1938 trieb ihre Familie ins Exil. Nun hat die renommierte Politikwissenschaftlerin ein Buch mit dem Titel "Faschismus. Eine Warnung" geschrieben. Es ist das erfreuliche Gegenteil einer wohlfeilen Gesinnungsschrift, mit dem Elder Statesmen in der Regel ihre Karriere nachträglich versilbern. Albright untersucht die Webmuster vergangener und gegenwärtiger despotischer Staatsführung und offenbart in ihrer Analyse auch die Möglichkeit von deren Scheitern. Albright verteidigt konsequent die Bürgerrechte und die Mitte der Gesellschaft.

Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Faschismus

Madeleine Albrights Gewährsmann ist der italienische Schriftsteller Primo Levi. Ihrem Buch stellt sie ein Zitat des Holocaust-Überlebenden voran: "Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Faschismus." Levi wusste, wovon er sprach: Mussolinis Faschismus besaß zwar nicht den eliminatorischen Antisemitismus des deutschen Nationalsozialismus, war jedoch Vor-, späterhin dann Mitläufer des Hitler- Regimes und hatte bereits frühzeitig Italiens ohnehin fragile Demokratie effektiv zerstört. Auf diesen Prozess-Charakter faschistischer Bewegungen kommt Madeleine Albright immer wieder zu sprechen: Analytisch als Politikwissenschaftlerin und reportagehaft-packend mit der Erfahrung einer ehemaligen Spitzenpolitikerin, die - von Kim Yong-il bis Slobodan Milosevic - zahlreiche Gewaltherrscher getroffen hat.

"Der Faschismus ist weniger als politische Ideologie zu betrachten, sondern eher als Mittel zur Erinnerung der Macht und deren Erhalt. Was eine Bewegung faschistisch macht, ist also nicht die Ideologie, sondern die Bereitschaft, alles zu tun, was nötig ist - einschließlich Gewaltanwendung und der Missachtung der Rechte anderer -, um sich durchzusetzen und Gehorsam zu verschaffen."

Ein Buch ohne Nähkästchen-Eitelkeit

Albrights Buch unterscheidet sich fundamental von den üblichen Alterswerken pensionierter Politiker und ist frei von plaudernder Nähkästchen-Eitelkeit.

Madeleine Albright

Madeleine Albright

Vor allem jedoch fehlt jene folgenlos humanistische Anklage-Rhetorik, die sich wortmächtig an den "neuen Populisten" abarbeitet. Gerade diesen unpräzisen Sammelbegriff nämlich verwirft Albright und weist darauf hin, dass jede politische Bewegung auf ein bestimmtes Gesellschaftsmodell fokusiert und damit automatisch partiell "populistisch" wird. Daran sei, solange der politische Wettbewerbscharakter gewahrt bleibe, jedoch noch nichts Schlechtes – ebenso wenig wie an der Präsenz "starker Führer", denn "wer wolle schon schwache"? Hinzu komme ein weiterer Wahrnehmungsfehler in der gängigen Beschreibung:

"Die Medien verweisen oft auf Wladimir Putin als einen Bannerträger des weltweiten Populismus, obwohl sein innerer Zirkel mehrheitlich aus ehemaligen KGB-Agenten besteht und ihn nichts mehr ärgert als ein Demonstrant mit Megaphon."

Quasi- Inkarnationen in ihrem Wahn

Für Albright am wichtigsten ist deshalb das Staats- und Institutionenverständnis, welches wiederum auf das Menschenbild führender Politiker schließen lasse. Die Männerriege, die Albright in den konzisen Kurz-Essays ihres Buches beschreibt, mögen sich in unterschiedlicher Nähe zu einem rabiat illiberalen Faschismus befinden; schon jetzt jedoch machen sie kein Hehl aus ihrem Wahn, die Quasi- Inkarnation "ihres" jeweiligen Volkes zu sein und deshalb institutionelle Checks and balances-Mechanismen bekämpfen zu müssen: Kim Jong-un, Recep Tayyip Erdogan, Venezuelas Machthaber Maduro ebenso wie Viktor Orbán mit seinem pseudo-christlichen Staatsverständnis, das wie selbstverständlich "den Juden George Soros" als identitätsstiftendes Feindbild benötigt. Madeleine Albright weist darauf hin, dass dies weniger mit übersteigertem Nationalgefühl zu tun habe als vielmehr mit einem Haß auf das Einhegende von Gesetzeswerken, welche die Bürger- und Menschenrechte schützen. Gerade Donald Trump ist das Paradebeispiel für eine solche Verachtung der Gewaltenteilung:

"Es ist befremdlich, dass jemand wie dieser Präsident, der sich stets für den Allerbesten hält, blind zu sein scheint gegenüber dem, was das Wichtigste an Amerika ist – und der so ungern für die Prinzipien eintritt, mit denen die Vereinigten Staaten enger verbunden sind als jedes andere Land."

Bürgerrechte und Unabhängigkeit

In der Tat macht es schaudern, was die versierte China-Kennerin Albright aus der dortigen Parteipresse zitiert - wahre Lobeshymnen auf Trumps Verachtung der Medien und des Rechsstaates. Gerade deshalb aber hält doch die Institutionen- Verteidigerin Madeleine Albright denkbar wenig von mäandernden Klagen über "das" Establishment oder "den" Kapitalismus. Ihr vermeintliches Minimalprogramm besteht stattdessen in der konsequenten Verteidigung der Bürgerrechte und parlamentarischer, justizialer und medialer Unabhängigkeit – und klingt damit bei weitem praktikabler als so manch globalisierungskritische Jeremiade.

Madeleine Albright - Faschismus. Eine Warnung.

WDR 3 Buchrezension | 10.08.2018 | 04:53 Min.

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Stand: 09.08.2018, 12:24