Buchcover: "Warnung vor Büchern" von Hans Fallada

"Warnung vor Büchern" von Hans Fallada

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Da er als Kind oft kränkelte, versorgte ihn sein Vater reichlich mit Büchern. Später wurde er Schriftsteller. Unter dem ironischen Titel "Warnung vor Büchern" sind nun mehrere Texte aus dem Fallada-Nachlass erschienen, die Ulrich Noethen feinfühlig und nuancenreich vorträgt. Eine Rezension von Christoph Vratz.

Hans Fallada: Warnung vor Büchern
Gelesen von Ulrich Noethen.
Osterwold Audio, 2022.
3 CDs, 14 Euro.

"Warnung vor Büchern" von Hans Fallada

Lesestoff – neue Bücher 28.01.2022 06:07 Min. Verfügbar bis 28.01.2023 WDR Online Von Christoph Vratz


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Die Welt der Bücher

Eine Frage, die ihn immer wieder umgetrieben hat: Wie wird man Schriftsteller? Doch nein, eigentlich "wird" man es gar nicht, behauptet Hans Fallada:

"Ich glaube nicht daran, dass man ein Schriftsteller wird, sondern dass man einer ist, vom Beginn des Lebens an. Es kann sehr lange dauern, bis man es erkennt, ich zum Beispiel war 37 Jahre alt, als ich meinen ersten richtigen Roman schrieb."

Unter teils dramatischen Umständen gelingt es Fallada nicht, das Abitur zu machen, was er in diesem autobiographisch geprägten Text auffallend deutlich verharmlost. Eine Juristenkarriere, wie in seiner Familie üblich, ist damit jedenfalls passé, bevor sie überhaupt beginnen kann. Gelesen aber hat er als kränkelnder Junge von Anfang an.

"So ist es gekommen, dass ich vor der wirklichen Welt die Welt der Bücher kennengelernt habe, ehe ich noch was vom Leben wusste, lernte ich das erdichtete Leben erdichteter Gestalten kennen."

Einmal quer durch die Weltliteratur

In großen Kartons verwahrt der Vater eine Reihe von Büchern, und Fallada stürzt sich hinein ins Lesevergnügen, quer durch die Weltliteratur.

"Zola und Flaubert, Dumas und Scott, Sterne und Petöfy, Manzoni und Lie, die ganze Weltliteratur kunterbunt durcheinander und in keiner Weise ausgewählt und gereinigt. Ich darf es hier wohl sagen, dass ich nicht glaube, mir mit meinem wahllosen [Lesen] irgendeinen Schaden getan zu haben."

Geschichten aufs Papier bringen

Nachdem der Gießener Literaturwissenschaftler Carsten Gansel mehrere unveröffentlichte Erzählungen im Fallada-Nachlass gefunden hatte, veröffentlichte er sie 2021 zusammen mit bereits publizierten Texten in dem Band "Warnung vor Büchern".

Aus diesen rund 350 Seiten Material ist nun eine gekürzte Lesefassung entstanden, vorgetragen von Schauspieler Ulrich Noethen. Der in der Buchausgabe an letzter Stelle stehende Text "Wie ich Schriftsteller wurde" steht in der Hörbuch-Version gleich am Anfang.

"Ach, diese herrlichen Stunden, die ich da in meinem Zimmer in der Calvinstraße verbrachte, als ich anfing, das, was in mir so lange gelebt, nun zu Papier zu bringen! Ach, diese kläglichen Stunden, da ich mit den Schwierigkeiten der Technik kämpfte, da ich nicht wusste, was zuerst zu erzählen, wie eine Handlung vorzubereiten, etwas schon früher Geschehenes dem Leser nachträglich beizubringen war."

Erinnerungen an ein Osterfest

Ulrich Noethen hat für das Label Osterwold in den vergangenen Jahren bereits mehrere Fallada-Romane und -Erzählungen aufgenommen, darunter "Ein Mann will nach oben" und "Jeder stirbt für sich allein". Dass in der neuen Produktion ausgerechnet der titelgebende Text "Warnung vor Büchern" fehlt, liegt wahrscheinlich an gelegentlichen Überschneidungen mit dem Text über den Weg zum Schriftsteller.

Einen Schwerpunkt dieser Hörbuchfassung bilden die rund 50 Seiten langen Erinnerungen mit dem Titel "Osterfest 1933 mit der SA", erstmals veröffentlicht 1945 nach Kriegsende rund ein Jahr später in der "Täglichen Rundschau".

"Sie wurden niedergeschrieben im Alten Zuchthaus zu Strelitz, wohin mich im Sommer 1944 eigene Torheit und die Feindschaft der braunen Umwelt geführt hatten."

Leben als "unerwünschter Autor"

Fallada hat sich mit seiner Familie nach Mecklenburg begeben, weg von Berlin; denn er gilt inzwischen als "unerwünschter Autor". Doch auch in der vermeintlichen sicheren Idylle fernab der Hauptstadt gerät Fallada in die Fänge der SA:

"Was hatten sie mit mir vor? Warum hielten sie mich hier fest? Ich sah in die Gesichter meiner beiden Bewacher und zog es vor, sie nicht zu befragen. Es waren die rohen Raufboldgesichter von Männern, die in hundert Saalschlachten mit Schlagring und Stuhlbein den Worten ihres Führers Nachdruck verliehen hatten. Es waren die gemeinen Gesichter bedenkenloser Henker, die auf ein Wort jeden Schädel zerschlagen hätten."

Beißende Schärfe und Bitterkeit

Anschaulich und unmittelbar, mit beißender Schärfe und Bitterkeit erzählt Fallada. Ulrich Noethen wiederum meidet erfreulicherweise jedes übertriebene oder gar falsche Pathos – auch wenn sich die Situation für Fallada zuspitzt.

"All mein Wille war nur darauf konzentriert, im Wagen erschossen zu werden. Das wollte ich. Dass ich erschossen werden würde, das interessierte mich im Moment kaum noch, aber nachweisbar sollte dieses Erschießen sein, nachweisbar, nicht auf der Flucht, sondern im Wagen!"

Ein Hörbuch mit vielen Nuancen

Einfühlungsvermögen geht bei Ulrich Noethen, selbst in den dramatischen Momenten, nicht mit großer Lautstärke einher, allenfalls mit einem zügigeren Sprechtempo. Ob in Passagen, die menschliche Abgründe offenbaren, oder in Momenten heiterer Ironie: Noethen moduliert sehr genau. Hans Falladas Erinnerungs-Texte klingen in dieser Hörbuch-Fassung ungemein feinfühlig und leben von vielen Nuancen.