Jean-Henri Fabre - Erinnerungen eines Insektenforschers X

Buchcover: "Einnerungen eines Insektenforsches X"

Jean-Henri Fabre - Erinnerungen eines Insektenforschers X

Von Darsow, Kurt

Profane Erleuchtung in zehn Bänden: Jean-Henri Fabres naturgeschichtliches Meisterwerk „Erinnerungen eines Insektenforschers“ ist jetzt komplett übersetzt .

Jean-Henri Fabre: "Erinnerungen eines Insektenforschers X" WDR 3 Buchkritik 31.07.2020 05:34 Min. Verfügbar bis 31.07.2021 WDR 3

Profane Erleuchtung in zehn Bänden: Jean-Henri Fabres naturgeschichtliches Meisterwerk "Erinnerungen eines Insektenforschers" ist jetzt komplett übersetzt. Eine Rezension von Kurt Darsow.

Jean-Henri Fabre: Erinnerungen eines Insektenforschers X
Aus dem Französischen von Friedrich Koch, Ulrich Kunzmann, Heide Lipecky und Milena Adam
Matthes & Seitz, Berlin 2020
400 Seiten, 36,90 Euro

Als Jean-Henri Fabre 1870 mit dem Studium begann, sorgten noch Jäger und Sammler wie Henry Walter Bates und Alfred Russell Wallace in seiner Wissenschaft für Aufsehen. Während sie in den Tropenwäldern Brasiliens und Indonesiens nach exotischen Arten Ausschau hielten, lenkte der arbeitslose Physiklehrer Fabre den Blick auf die Naturwunder seiner Heimat. In einem von mannshohen Disteln umgebenen Bauernhaus nahe der Ortschaft Sérignan-du-Comtat nahm er die Insekten der Provence unter die Lupe. Allein schon die poetischen Namen der bizarren Mitbewohner seines thymian- und lavendelduftenden Anwesens sprechen für sich: Pillendreher, Dolchwespe, Bienenwolf, Mondhornkäfer, Haselnussbohrer, Schaum-zikade, Labyrinthspinne, Stierkotfresser. Was der sonnengegerbte kleine Mann mit dem breitkrempigen Hut in seinen zehnbändigen „Erinnerungen eines Insektenforschers“ über sie herausgefunden hat, ist zwar nicht immer stubenrein und moralisch vorbildlich, doch staunenswert sind ihre trickreichen Überlebenskünste allemal. Unglaublich, was etwa die Grabwespe Ammophilia im „Kampf ums Dasein“ für subtile Fertigkeiten entwickelt hat. Sie ist der Klassenprimus, das Paradebeispiel unter Fabres Studienobjekten.

"Wir töten unser Wild durch Schüsse und schreckliche Verwundungen. Die kultivierten Sitten des Hautflüglers sind uns fremd: Er will eine unversehrte Beute mit aller Schönheit in Form und Farbe. Keine zerschmetterten Glieder, keine klaffenden Wunden, keine grässlichen Ausweidungen. Seine Beute ist frisch wie ein lebendiges Tier."

„Gelehrte Mörderin“ nennt Fabre die schwarzbehaarte Grabwespe respektvoll. Zur Aufzucht ihrer Nachkommen greift sie ausgerechnet auf die unförmige Larve des Nachtfalters Agrotis segetus zurück. Warum plagt sich das Raubinsekt mit diesem fünf Mal so schweren, heftig um sich schlagenden Monstrum ab? Grabwespe und Schmetterlingslarve passen nach Fabres Expertise zueinander wie Schlüssel und Schloss. Dank intimer anatomischer Kenntnisse ist die Räuberin auf ein Beutetier spezialisiert, das sich mit neun punktgenauen Stichen in der richtigen Abfolge lähmen lässt. Es bleibt also am Leben und ist damit für die Eiablage geeignet, da es der Nachkommenschaft eine unverwesliche Nahrungsquelle bietet. Fabre zögert nicht, dieser raffinierten Instinkthandlung die „Ressourcen einer sublimen Wissenschaft“ zuzuschreiben. Die von der Evolutionstheorie vertretene „natürliche Auslese“ durch Versuch und Irrtum hält er als Erklärungsansatz für viel zu umständlich. Die kultivierten Sitten der Räuberin sind nach seiner Ansicht nicht erworben, sondern angeboren. Doch wie kommt man dem rätselhaften Vorwissen auf die Spur, das heute unter der Bezeichnung „intelligentes Design“ kursiert? Am Seziertisch nicht, behauptet Fabre, sondern nur durch teilnehmende Beobachtung.

"Ihr weidet das Tier aus, ich studiere es lebend; ihr macht aus ihm ein Ding des Schreckens und des Mitleids, ich mache, dass man es lieb gewinnt; ihr arbeitet in der Werkstatt der Folter und der Zerstückelung; ich arbeite unter blauem Himmel, beim Gesang der Zikaden; ihr erforscht den Tod, ich erforsche das Leben."

 „Ich glaube nicht an Gott, ich sehe ihn“, hat Fabre seine Grundüberzeugung definiert. Bis ins hohe Alter war er der profanen Erleuchtung auf der Spur. Dafür fristete er ein Leben als mitleidig belächelter Sonderling abseits der Metropolen und der Kathederwissenschaft. Statt die krabbelnden Intelligenzen in ihre kleinsten Bestandteile zu zerlegen, ließ er sich von ihnen unter blauem Himmel überraschen. Seine religiös grundierte Instinkttheorie wurde von der Verhaltensbiologie zwar längst zu den Akten gelegt und auch sein Vorzeigeinsekt Ammophilia hat sich als weitaus verhaltensunsicherer erwiesen, als Fabre dachte, aber der Literatur hat er mit seinen „Souvenirs“ ein wunderbares Zeugnis der Anschaulichkeit und des Scharfsinns beschert. Immer wieder stößt der Insekten-Dichter darin auf „Rätsel“. Nicht auf ihre „Lösungen“ kommt es ihm an, sondern auf die Denkschritte, die zu ihnen führen. Nach dem Modell dieser „Ermittlungen“ muss man nicht lange suchen. Wie er das „Sandwespengeheimnis vom Mont Ventoux“ und zahlreiche andere Kriminalfälle löst, erinnert auf frappierende Weise an die Methoden des Meistersdetektivs Auguste Dupin aus der 1841 veröffentlichten Geschichte „Die Morde in der Rue Morgue“ von Edgar Allan Poe. Auch er sammelt Indizien und zieht logische Schlüsse daraus. Auch er verfügt nicht nur über einen analytischen Verstand, sondern auch über psychologische Einfühlung. Wer auf solche Qualitäten wert legt, ist bei Jean-Henri Fabre und den bibliophil ausgestatteten, vorbildlich übersetzten und mit zarter Hand illustrierten Bänden seiner „Erinnerungen eines Insektenforschers“ an der richtigen Adresse. Mit dem zehnten Band der bei Matthes & Seitz erschienenen Gesamtausgabe liegt das legendäre Hauptwerk des „Nature Writing“ jetzt erstmals vollständig in deutscher Sprache vor.

Stand: 05.08.2020, 14:17