Annie Ernaux - Der Platz

Cover des Hörbuchs "Der Platz" von Annie Ernaux gelesen von Stephanie Eidt.

Annie Ernaux - Der Platz

Von Christian Kosfeld

In „Der Platz“ erkundete Annie Ernaux das Leben ihres Vaters – eines einfachen Arbeiters - und ihr Verhältnis zu ihm. In diesem Hörspiel gelingt es Stephanie Eidt auf beeindruckende Weise, Zuneigung, Scham, Distanz und Nähe auszudrücken.

Annie Ernaux: Der Platz (Hörbuch) WDR 3 Buchkritik 06.08.2020 05:59 Min. Verfügbar bis 06.08.2021 WDR 3

Annie Ernaux erkundet das Leben ihres Vaters, eines einfachen Arbeiters, und ihr Verhältnis zu ihm. In diesem Hörspiel gelingt es Stephanie Eidt auf beeindruckende Weise Zuneigung, Scham, Distanz und Nähe auszudrücken.


Annie Ernaux: Der Platz.
Übersetzt von Sonja Finck.
Hörspiel mit Stephanie Eidt.
Hörspielbearbeitung und Regie: Erik Altdorfer
Der Audio Verlag, 78 Minuten Laufzeit

"Das Foto mit gezackten Rändern zeigte eine Gruppe von Arbeitern, verteilt auf drei Reihen. Alle blickten in die Kamera, alle hatten eine Mütze auf. Ein typisches Foto aus dem Geschichtsbuch, zur Illustration eines Streiks, oder der Volksfront. Ich erkannte meinen Vater in der hintersten Reihe, mit ernster, fast sorgenvoller Miene. Viele lachen. Der Zeitungsartikel listete die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung an der Fachschule für Grundschullehrerinnen auf, nach Noten sortiert. Mein Name stand an zweitoberster Stelle."

Nach dem Tod ihres Vaters findet Ernaux das Foto in seinem Portemonnaie. Sie realisiert, wie weit sie sich mit ihrer bürgerlichen, liberalen Existenz als Lehrerin von dem Leben des Arbeiters entfernt hat. Sie beginnt, über ihn zu schreiben, und damit auch über sich selbst. Ernaux legt diesen Prozess offen, versucht, klar und objektiv zu bleiben, damit nicht Gefühle oder Klischeé-Bilder die Geschichte ihres Vaters verfälschen. Der wuchs als Kind eines Landarbeiter-Tagelöhners in der Normandie auf. Der Vater wird mit 12 von der Schule genommen, lebte und arbeitete auf einem Bauernhof, schlief über dem Stall. Ein hartes Leben, keine Landidylle.

"Kühe am Morgen, Kühe am Abend, Nieselregen im Oktober, Äpfel scheffelweise in die Presse schütten, Hühnermist aus dem Stall holen, Hitze, Durst, Kuchen am Dreikönigstag, geröstete Kastanien, Cidre trinken, Frösche mit einem Strohhalm zum Platzen bringen..... (Stille) Es wäre leicht, etwas in dieser Richtung zu machen. Die ewige Wiederkehr der Jahreszeiten, die einfachen Freuden, die Stille auf den Feldern. Mein Vater arbeitete auf den Äckern anderer, er sah ihre Schönheit nicht, die Großzügigkeit von Mutter Erde und andere Mythen waren ihm fremd..."

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitet er in einer Fabrik. Dort lernt er seine Frau kennen. Sie betreiben bald einen kleinen Laden mit Kneipe, steigen sozial auf. Ernaux wirft einen schonungslosen Blick auf dieses Milieu, ihren Vater und sich selbst. Ihre Eltern leben mit einem Klassenbewusstsein, voller Demut, Scham. Man arbeitet hart, leistet sich nur das Nötigste, will nicht auffallen, die Sprache ist schlicht, seine Meinung behält man für sich. Bürgerliche Konventionen und Ausdrucksweisen sind dem Vater unverständlich, er fühlt sich unterlegen, ist misstrauisch. Immer wieder erkundet Ernaux Fotografien. 

"Um die 50. In den besten Jahren. Den Kopf sehr gerade, mit besorgtem Blick, als fürchte er, das Foto könnte misslingen. Er trägt einen Anzug, dunkle Hose, helle Jacke, ein Hemd mit Krawatte. An einem Sonntag aufgenommen, unter der Woche trug er Blaumann. Überhaupt machte man Fotos ausschließlich am Sonntag, da hatte man mehr Zeit und war bessser gekleidet. Ich bin neben ihm zu sehen, in einem Rüschenkleid. Die Hände am Lenker meines ersten Fahrrads, ein Fuß auf dem Boden. Im Hintergrund die offene Tür zur Kneipe. Blumen auf der Fensterbank. Darüber die Plakette mit der Schanklizenz. Man lässt sich mit den Dingen fotografieren, auf deren Besitz man stolz ist, dem Geschäft, dem Fahrrad, später dem Renault 4 CV, eine Hand auf das Dach gestützt, eine Geste, durch die sein Jackett hoch gerutscht war. Auf keinem der Fotos lächelt er."

Die Sprecherin Stephanie Eidt glänzt in dieser Hörspielfassung von Erik Altorfer, die sich dramaturgisch ganz auf Eidts Stimme konzentriert, und so Ernauxs Erinnerungs- und Schreibprozess zeigt. Sparsam sind Bassläufe, Streichertöne, rhythmische Figuren eingesetzt. Durch unterschiedliche Raum-Effekte oder Wort-Dopplungen werden Motive verbunden. Mit ihrer etwas spröden, hellen Stimme wirkt Stephanie Eidt zuerst distanziert. Sie gestaltet ruhig, neutral, objektiv, ganz so, wie es Annie Ernauxs Ansatz entspricht. Doch es gelingt ihr auf beeindruckende Weise, die Unter- und Zwischentöne hörbar zu machen, Zuneigung, Scham, Distanz und Nähe auszudrücken. Denn das Verhältnis zum Vater ändert sich, als Annie auf eine Höhere Schule geht, zu lesen und zu diskutieren beginnt. Schließlich wird sie Lehrerin und heiratet einen Akademiker. Ihr Vater, der Arbeiter, kennt das bürgerliche Milieu, dessen Sprache und Konventionen nicht. Annie lebt in schließlich einer anderen Welt als er. Nur über ihren Sohn können sie Nähe herstellen, verbunden sein. Eine anrührende, wahrhaftige Geschichte und ein großartiges Hörspiel mit Sogwirkung.

"Mein Vater erwartete uns in der Küche. Er schien mir nicht gealtert zu sein. Meine Mutter wies mich darauf hin, dass er am Vorabend extra beim Friseur gewesen war. Zu Ehren seines Enkels. Sie freuten sich. Sie versuchten zu ergründen, „nach welcher Seite er kommt“. Meine Mutter nahm ihn mit zu den Bonbongläsern. Mein Vater zeigte ihm im Garten die Erdbeeren, die Kaninchen und die Enten. Den Prinzipien meiner Erziehung, die ich für Notwendig hielt, begegneten sie mit Misstrauen, Mittagsschlaf halten und keine Süßigkeiten.  Wir aßen alle vier am Tisch vor dem Fenster, das Kind auf meinem Schoß. Ein schöner ruhiger Abend. Ein Moment, der etwas von einer Wiedergutmachung hatte."

Stand: 08.08.2020, 10:53