Buchcover: "Das andere Mädchen" von Annie Ernaux

"Das andere Mädchen" von Annie Ernaux

Stand: 05.10.2022, 12:00 Uhr

Plötzlich festzustellen, kein Einzelkind zu sein, sondern eine Schwester "im Himmel" zu haben – davon handelt "Das andere Mädchen" von Annie Ernaux. Das Buch ist ein langer Brief an eine Abwesende, eine Heilige, eine Konkurrentin. Und auch eine poetologische Selbstvergewisserung. Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Annie Ernaux: Das andere Mädchen
Aus dem Französischen von Sonja Finck.
Suhrkamp Verlag, 2022.
80 Seiten, 18 Euro.

"Das andere Mädchen" von Annie Ernaux

Lesestoff – neue Bücher 05.10.2022 05:39 Min. Verfügbar bis 05.10.2023 WDR Online Von Ulrich Rüdenauer


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Der Kern von Ernaux‘ Schreiben

Lange gab es im Werk von Annie Ernaux einen blinden Fleck, eine Leerstelle, um die vieles zu kreisen schien. Erst in dem 2018 auf Deutsch herausgekommenen Buch "Erinnerung eines Mädchens" erzählte sie davon: 1958 fährt die damals 18-jährige Annie zum ersten Mal ohne die Eltern in ein Feriencamp, mit großen Erwartungen und romantischen Vorstellungen.

Sie lässt sich mit dem älteren Betreuer H. ein. Was dann passiert, ist von einer Vergewaltigung kaum zu unterscheiden. Anschließend beachtet H. die junge Frau nicht mehr. Die Tage in der Ferienkolonie verdichten sich zur Urszene; es entsteht ein "Gedächtnis der Scham", um das Ernaux‘ Schreiben sich seither dreht.

Das Kind auf dem Foto

Es gibt aber noch eine andere lebensbegleitenden Szene, die kaum weniger bedeutsam für die schriftstellerische Entwicklung von Annie Ernaux gewesen war und von der sie 2011 in "L’autre fille" erstmals ausführlich Zeugnis ablegte. Nun erscheint dieser Text auf Deutsch, unter dem Titel "Das andere Mädchen" und in der auch diesmal genauen Übersetzung von Sonja Finck. Wie so oft bei Annie Ernaux, steht auch hier eine Fotografie am Anfang.

"Als Kind glaubte ich – jemand muss es mir gesagt haben –, ich wäre das Kind auf dem Foto. Ich bin es aber nicht, du bist es."

Du – das ist das "andere Mädchen", von dem die kleine Annie beiläufig und umso brutaler hört. Einmal belauscht sie, wie die Mutter mit einer Nachbarin spricht.

"Sie erzählt, dass sie und ihr Mann vor mir eine andere Tochter gehabt hätten, die vor dem Krieg in Lillebonne an Diphtherie gestorben sei. Sie beschreibt die Beläge in Hals und Rachen, die Atemnot. Sie sagt: bei ihrem Tod sah sie aus wie eine kleine Heilige."

Ersatz für das verstorbene Kind

Es ist ein Schock: Sätze, schreibt Ernaux, die wie eine "kalte, lautlose Flamme" über das Kinderleben hinwegfahren. Nicht nur erfährt das Kind ganz unvorbereitet, dass sie eine Schwester hatte, von der sie nichts wusste. Dass sie als Ersatz für dieses "Kind im Himmel" auf die Welt kam, die Leere füllen sollte, die der Tod des erstgeborenen Mädchens ins Dasein der Eltern gebracht hatte. Schlimmer noch:

"…über mich sagt [die Mutter], sie weiß von nichts, wir wollten sie nicht belasten. Am Schluss sagt sie über dich, sie war viel lieber als die da. Die da, das bin ich."

Eine poetische Erkundung

Die Kränkung führt zu einem Gefühl des Argwohns. Zwischen dem vermeintlichen Einzelkind und den Eltern steht jetzt das andere Mädchen. Es beansprucht einen großen Teil des Raums, den Annie ganz eingenommen zu haben glaubte. Das Verschweigen verwandelt sich, nun da sie von der Vorgeschichte weiß, in ein unheilvolles Schweigen. Nie reden die Eltern von Ginette, so der altertümliche Name des toten Kindes.

Fortan wird sie zur unfasslichen, unbekannten Begleiterin, nicht anwesend und doch in der Welt. Es gibt nur ein paar wenige Fotografien von ihr und eine Grabstelle. Umso präsenter aber ist dieses andere Mädchen für Annie Ernaux. Und bedrängender wird der Wunsch, sich mit ihm auseinanderzusetzen. "Das andere Mädchen" ist ein langer Brief, eine poetische Erkundung, die etwas Geheimnisvolles bewahrt und eine existenzielle Unruhe erzeugt.

Enge Verbundenheit

Wie eng die Existenz der Toten mit Annie Ernaux verbunden ist, das scheint die eigentliche Frage dieses Briefes: Erst ihre der Wirklichkeit verpflichtete Literatur, das Schreiben über die eigene Herkunft und den schambehafteten Milieuwechsel vom Proletariat ins Bildungsbürgertum habe, vermutet Ernaux, möglicherweise einen Schleier gelüftet: Wäre das andere Mädchen sonst…

"…aus der inneren Dunkelheit aufgetaucht, in der ich dich jahrelang gefangen gehalten habe?"

Eine Aufforderung zum Schreiben

Nicht nur verhandelt Annie Ernaux in ihrem Text die Frage, wie man dem Bedrängenden der Realität widerstehen kann, wie brüchig die eigene Identität wird angesichts einer verstörenden Offenbarung, ob Verleugnung oder Konfrontation das Seelenheil garantieren kann. Die Pointe dieses kurzen, verdichteten, autobiographischen Textes:

"Ich schreibe nicht, weil du gestorben bist. Du bist gestorben, damit ich schreibe, das ist ein großer Unterschied."

Das andere Mädchen, die Doppelgängerin, das Kind im Himmel – das ist einerseits ein unerreichbar fernes Wesen und für die Erzählerin ein Trauma. Es ist andererseits aber auch eine Aufforderung zum Schreiben, ein gewaltiger Antrieb: Der Impuls zu glauben, nicht ohne Grund auf der Welt zu sein.