Miron Białoszewski - Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand

Miron Białoszewski - Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand

Miron Białoszewski - Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand

Von Wolfgang Schneider

Die Ermordung einer Metropole: Der polnische Lyriker Miron Białoszewski erlebte den Warschauer Aufstand von 1944 als Zweiundzwanzigjähriger. Sein Erinnerungsbuch vermittelt die Leiden der Zivilbevölkerung und den allgegenwärtigen Tod in den Trümmern.

Miron Białoszewski
Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand

Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort versehen von Esther Kisnky
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
345 Seiten
26 Euro

in der Trümmer-Hölle von Warschau

Üblicherweise bieten historische Werke die Vergangenheit in thematisch aufgeräumter Form und in begründeten Zusammenhängen. Davon kann hier keine Rede sein. Miron Białoszewski wollte keine Abhandlung ÜBER den Aufstand verfassen, über die Aktionen und ihre strategischen Hintergründe, sondern den Lesern Chaos und Untergang vermitteln – wie es sich anfühlte, in diesen beiden heißen Spätsommermonaten in der Trümmer-Hölle von Warschau unter ständigem Beschuss von Wehrmacht und SS-Einheiten zu leben und, wenn man Glück hatte, zu überleben. Oft lesen sich die Seiten dieses Buches in ihrem Stakkato der Eindrücke wie mit einer wackligen Handkamera aufgenommen.

"Und plötzlich ein Einschlag in unserem Haus. Rahmen, Fenster, Türen, Glasscheiben fliegen raus. Krachen. Das Ende? Wieder Krachen. Explosionen, weiter weg. Wir gehen sogleich hinaus. Der Hof sieht ganz verändert aus, schwarz, staubbedeckt, ergraut, die Fenster leere Löcher, mit Scherbenzacken. Vor dem Haustor ein Trichter über die ganze Fahrbahn. Plötzlich großes Durcheinander. Ein furchtbarer Schrei. Die Menge wie im Strudel. Leute tragen etwas. Jemanden. Legen ihn nieder. Leichen?"

Wenn das Grauen alltäglich wird

Was sich bei der Lektüre einprägt, sind vor allem einzelne Szenen: Menschen, die die Möbel aus den Wohnungen werfen, um daraus Barrikaden zu bauen. Der Pianist, der unter Artilleriebeschuss Chopins "Revolutionsetüde" ungerührt weiterspielt. Vor allem aber und immer wieder: die in Angst und Schrecken zusammengedrängten Menschen in den Kellern, die zu zählen beginnen, wenn eine Bombe nach dem Abwurf zu heulen beginnt. Wenn sie es bis dreizehn schaffen, war es wieder ein Blindgänger aus tschechischer Produktion; die haben eine hohe Sabotage-Rate.

Miron Białoszewski

Miron Białoszewski

Wie in einer absurden unterirdischen Fußgängerzone drängen und kriechen Tausende durch die Kellerdurchbrüche, Tunnel und Abwasserkanäle unter der Stadt, während über ihnen die Häuser zusammenstürzen. Sie werden getrieben von der Hoffnung, einen Ort zu finden, an dem die Mauern vielleicht ein bisschen fester sind, die Luft weniger staubig und schwül, und die Vorräte an Lebensmitteln ein wenig zureichender. Und dabei begegnen sie Menschenscharen, die sich in ihrer Verzweiflung genau dasselbe von dem Ort erhoffen, von dem sie gerade herkommen. Der Text zeigt auch, wie das Grauen alltäglich wird. Nach den Bombenangriffen werden Innereien von Menschen "mit der Schaufel aufgesammelt". Die zu formlosen Klumpen verschmorten Toten werden "Frikadellen" genannt:

Essensgedanken, Unterkunftsgedanken, Verstecksgedanken

Die Aktionen und strategischen Hintergründe des Aufstands selbst werden dagegen kaum geschildert. Das liegt daran, dass Białoszewski selbst nicht zur Untergrundarmee, sondern zu den Zivilisten gehört, die die Geschehnisse wie ein Strafgericht erdulden. Den Menschen geht es ums tägliche Überleben, sie verwenden ihren Kopf ganz auf die "Essensgedanken, Unterkunftsgedanken, Verstecksgedanken". Jedes Laufen nach Wasser und Nahrungsmitteln ist lebensgefährlich, verschafft mitunter aber auch Momente der Euphorie, es wieder geschafft zu haben, inmitten des allgegenwärtigen Sterbens noch am Leben zu sein.

Die Landung der Alliierten in der Normandie, das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 und das schnelle Vorrücken der Roten Armee stimulierten den Aufstand. Die Polen, vor allem die Angehörigen der Heimatarmee AK, wollten nicht bloß passive Objekte russischer Befreiung sein, sondern selbst die Initiative in die Hand bekommen. Dabei spielte Stalin allerdings nicht mit. Im Blick auf den zukünftigen sowjetischen Herrschaftsbereich wollte er nichts von polnischen Freiheitskämpfern wissen. Białoszewski beschreibt, wie die Warschauer Bevölkerung in den Kellern vergebens auf das Eingreifen der Roten Armee hofft, die bereits die Stadtteile auf der östlichen Weichselseite erreicht hat.

"Wenn sie bloß einmarschierten.
Wenn sie bloß kämen.
Wenn sie bloß schon da wären.

Man hörte die Front. Sie stampfte die Erde. Sie rückte vor.
Manchmal hielt sie inne."

Der Prozess des Erinnerns

Bei diesem Innehalten blieb es. Fast könnte man von einem zweiten Hitler-Stalin-Pakt sprechen. Die Rote Armee wartete ab, bis SS-Einheiten die Aufständischen abgeschlachtet hatten. Später versuchten die Sowjets, jede Erinnerung an den Aufstand und die eigene unrühmliche Rolle dabei aus den Geschichtsbüchern zu tilgen. Der Aufständischen darf in Polen erst seit 1989 offiziell gedacht werden. Dieses Buch erschien in zensierter Fassung bereits 1970, und auch wenn eine historisch-politische Einordnung darin nicht stattfindet, eckte Białoszewski nicht nur bei den sozialistischen Geschichtsverwaltern, sondern auch bei den Veteranen des Aufstands mit seiner Darstellung an. Sie ließ keinerlei Heroismus erkennen, auch die Verklärung und Mythisierung des gemeinsamen Opfers, wie sie in der traditionellen polnischen Geschichtsschreibung einen hohen Stellenwert hat, liegt dem unpathetischen, streckenweise gewollt ungelenken Text fern.

Der Prozess des Erinnerns selbst, der Andrang der wiederkehrenden Eindrücke ist bestimmend für seinen getriebenen Stil. Das Vergangene ist keine runde Sache, sondern ein Scherbenhaufen, ein Gefetze. So wird auch der Satzbau zerschlagen. Viele Sätze in diesem Buch bestehen nur aus ein oder zwei Wörtern, und es ist das Verdienst der Neuübersetzung von Esther Kinsky, den Ton einer ruppigen Mündlichkeit auch im Deutschen zu vermitteln. Eindringlich zeigt dieses Erinnerungsbuch die "Ermordung" von Warschau.

Stand: 20.10.2019, 18:40