Annie Ernaux - Erinnerungen eines Mädchens

Annie Ernaux - Erinnerungen eines Mädchens

Annie Ernaux - Erinnerungen eines Mädchens

Von Martin Krumbholz

Die Entdeckung des Sex – und wie ein Trauma daraus werden kann. Ein autobiografischer Text, der in die Fünfzigerjahre zurückgeht – ein Jahrzehnt vor der "sexuellen Revolution".

Annie Ernaux
Erinnerungen eines Mädchens

Aus dem Französischen von Sonja Finck
Suhrkamp, Berlin 2018
167 Seiten
20 Euro

Ein intimes Erlebnis

In den letzten Jahren sind in Frankreich einige Bücher erschienen, in denen es um die erzählerische Exploration des Autobiografischen geht; Annie Ernaux‘ eigenes Buch "Die Jahre" gehört dazu. In der "Erinnerung eines Mädchens", das sie selbst ist oder genauer: war, berichtet die 1940 geborene Schriftstellerin von einem intimen Erlebnis, das ihr mit achtzehn Jahren widerfuhr.

Als Betreuerin in einem Kinderferienlager verbrachte sie eine Nacht mit einem Zweiundzwanzigjährigen, der sie anschließend verstieß. Sie hat darunter gelitten, dann versuchte sie zu vergessen, zu verdrängen, und schließlich, 50 Jahre später, versucht sie zu verstehen, was eigentlich geschehen ist. Auf den ersten zwei Seiten des Buchs sind die Fakten zusammengefasst: Man wird mitgerissen vom Begehren und Willen eines anderen; das Ich scheint sich aufzulösen, der andere wird zum "Herrn", auf den man weiterhin hofft und wartet, aber der "Herr" hat das Interesse verloren, das ein grob-sexuelles war; was bleibt, ist eine furchtbare Scham und ein zernagtes Selbstwertgefühl. Eine der Fragen, die Ernaux thematisiert, ist die, ob das "Mädchen von 58", wie sie es nennt, ein Mädchen aus kleinbürgerlich-katholischem Milieu, und die etablierte Schriftstellerin überhaupt ein und dieselbe Person sind. Sie schreibt:

Annie Ernaux

Annie Ernaux

"Ich konstruiere keine Romanfigur. Ich dekonstruiere das Mädchen, das ich gewesen bin. Ein Verdacht: Wollte ich diesen Moment meines Lebens insgeheim nicht vielleicht deshalb auseinanderfalten, um die Grenzen des Schreibens auszuloten, um beim Erfassen der Wirklichkeit bis zum Äußersten zu gehen…"

Sie sieht nicht, was er tut

Bis zum Äußersten gehen: Meint das den krassen Realismus der Darstellung, die psychologische Wahrhaftigkeit und Präzision? Das sicher auch; es meint jedenfalls nicht irgendeinen feministischen Furor, der Ernaux fernliegt. Natürlich wird sie später Simone de Beauvoir lesen und deren denkwürdigen Satz, die erste Penetration sei immer eine Vergewaltigung. Was die Achtzehnjährige erlebt, hat damit wenig zu tun, zumal es H., ihrem Partner, gar nicht gelingt, in sie einzudringen; es kommt lediglich zum Oralverkehr.

"Sie sind in ihrem Zimmer, im Dunkeln. Sie sieht nicht, was er tut. Er sagt: "Zieh dich aus." Seit er sie zum Tanzen aufgefordert hat, hat sie alles getan, was er von ihr verlangt hat. Zwischen dem, was ihr passiert, und dem, was sie tut, gibt es keinen Unterschied. Sie legt sich neben ihm auf das schmale Bett, nackt."

Ihre erste "Liebesnacht"

Worin liegt der Skandal, wenn davon überhaupt die Rede sein kann? Es handelt sich nicht wirklich um eine Vergewaltigung, auch wenn H. grob und rücksichtslos ist. Er scheint Annie zu verachten, weil sie leicht zu erobern ist. Die katholische Annie ist in jeder Hinsicht unschuldig, sie begreift nicht einmal, warum die anderen Mädchen über Paul Claudels Satz kichern, für einen Mann gebe es kein größeres Glück, als seinen Samen in fruchtbaren Boden zu pflanzen. Aber auch sie ist, wie vermutlich viele Mädchen ihres Alters, mit der heimlichen Erwartung in die Ferien gefahren, zum ersten Mal mit einem Mann zu schlafen. Und nun erlebt sie in vollkommener Passivität ihre erste "Liebesnacht" – in Anführungszeichen wohlgemerkt. Was bei Annie den Sturz in die Scham auslöst, ist die unbegreifliche Tatsache, dass H. sie anschließend zurückweist. Ihre Reaktion darauf: Sie lässt sich wahllos mit anderen Männern ein, die anderen Betreuerinnen bekommen es mit, und wenig später wird Annie verhöhnt, gedemütigt, isoliert. Und Ernaux notiert:

"Wenn man eine vorherrschende Wahrheit ans Licht holt, was ja der Sinn und Zweck einer Selbsterzählung ist, mit der man sich der eigenen Kontinuität vergewissern will, fehlt immer etwas Entscheidendes: Die Tatsache, dass man in dem Moment, wo man etwas erlebt, nicht versteht, was man da gerade erlebt…"

Erinnerung eines Mädchens

Dinge, die man erlebt, nicht zu verstehen, ist das eigentliche Thema des Buchs. Und das Geheimnisvollste und Unverständlichste im Leben vieler junger Menschen ist alles, was mit Eros und Sex zu tun hat. "Erinnerung eines Mädchens" ist keine feministische Abhandlung im üblichen Sinn. Ernaux ist eine Intellektuelle, die de Beauvoir gelesen hat und weiß, dass sie, die unschuldige junge Katholikin, ein "Sexobjekt" gewesen ist. Aber in den Kontext von "Me Too" ist der Text gar nicht so leicht einzuordnen. Es ist Annie nichts widerfahren, was sie nicht gewollt hätte. Sie wollte diese Nacht erleben, und sie wollte sogar, drei Wochen später, eine Wiederholung, die nicht erfreulicher verlief. Die Scham, die sie danach, vielleicht für den Rest ihres Lebens ausfüllt, hat damit zu tun, dass ihre Erniedrigung öffentlich wurde. Nichts ist peinlicher als ein Liebesbrief, der von Unbeteiligten gelesen wird, und die dadurch ausgelöste Verachtung. Verachtet zu werden, weil man begehrt, ist der Skandal, um den es in diesem Buch geht. Nicht Thesen oder harte Begriffe wie "Nötigung" oder "Vergewaltigung" prägen den Diskurs, sondern subtile Gefühle wie verschmähte Liebe, Verachtung, Scham.

Dass die inzwischen über siebzigjährige Schriftstellerin Ernaux eine andere Person ist als die achtzehnjährige Annie, scheint evident; ebenso unabweisbar ist, dass die Schriftstellerin sich aus dem Bewusstseins-Repertoire der Achtzehnjährigen nährt. "Erinnerung eines Mädchens" macht verständlich, warum die "sexuelle Revolution" ein Jahrzehnt später so dringend notwendig war – auch wenn Gefühle zweifellos so widersprüchlich bleiben, wie sie in diesem klugen Buch beschrieben sind.

Stand: 05.02.2019, 14:50