Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger - Louisiana Story

Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger - Louisiana Story

Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger - Louisiana Story

Von Martin Krumbholz

Eine frühe Arbeit von Hans Magnus Enzensberger: "Louisiana Story" wurde 1957 als Hörspiel gesendet. Man findet darin schon viele der Qualitäten, die den späteren homme des lettres auszeichnen, darunter "eine kleine Neigung zur Pedanterie".

Andreas Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger
Louisiana Story

Mit Illustrationen von Hannes Binder
Hanser Verlag, München 2019
80 Seiten
19 Euro

Andreas Thalmayr: "Louisiana Story"

WDR 3 Buchrezension 04.12.2019 05:33 Min. Verfügbar bis 03.12.2020 WDR 3

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Zettelkasten

Eine der interessantesten Figuren in diesem Text heißt "Zettelkasten". Wer Enzensberger liest, kann immer auch eine Menge lernen – das ist nicht erst heute so, da der Autor die 90 überschritten hat, das war bei dem 28-jährigen literarischen Debütanten bereits genauso. Und schon damals, 1957, hatte der junge Enzensberger, der sich noch nicht Thalmayr nannte, eine Erklärung dafür:

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger 2013 in einer Talkshow

Hans Magnus Enzensberger

"In einem Land wie Louisiana, das in seiner kurzen Geschichte so viele Zungen hörte, ist es gut, wenn man ein Glossar zur Hand hat. Ich habe eine kleine Neigung zur Pedanterie. Daher zitiere ich so gern aus meinem Zettelkasten."

Eine Fülle nützlichen, oft etymologischen Wissens

Dem Enzensberger’schen Zettelkasten verdankt der Leser eine Fülle nützlichen, oft etymologischen Wissens. Er erfährt, dass der Name des Staates Louisiana auf König Ludwig XIV. zurückgeht, unter dessen Regime das Land kolonialisiert wurde; dass die Magnolie die Wappenblume des Landes und nach dem Botaniker Magnol benannt ist; dass Storyville das Rotlichtviertel von New Orleans heißt und dass ebendort der Dixielandjazz vor dem ersten Weltkrieg seine Blütezeit erlebte. Man weiß ja eher wenig über diese geschichtsträchtige Ecke der Vereinigten Staaten, vielleicht nicht einmal, dass New Orleans ursprünglich „La Nouvelle Orléans“ hieß. Kurz und gut, die anderen auftretenden Figuren, die Nicht-Zettelkästen, reden hier, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. In Storyville trifft der Erzähler auf eine Stripperin namens Anita Solomon.

"In Storyville bin ich groß geworden. Es war ein Saustall. Meinetwegen können sie heute Bücher darüber schreiben, wie gut der Jazz damals gewesen ist und was für eine tolle Zeit das war. Aber lustig war es nie, das können Sie mir glauben. Ein Haufen schmutziger Baracken voller Niggerkinder, das ist alles, was davon übrig ist."

Ein historisches Dokument

Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger

Den seinerzeit noch zitierfähigen flagranten Rassismus hat Enzensberger für die Neuausgabe nicht bereinigt. Dieser Text ist ein historisches Dokument, als solches aber von einigem Reiz. Die Story ist dabei nicht viel mehr als ein Vorwand für die Topografie- und Milieustudien eines jungen Weltreisenden; den Titel "Louisiana Story" kann man nicht ernst genug nehmen. Ein französischer Rechtsanwalt, aus Boston angereist, stellt in New Orleans und Umgebung Nachforschungen an, um etwaige Erben einer im amerikanischen Norden verstorbenen Lady aufzuspüren. Dabei trifft er auf Persönlichkeiten wie eben die Stripperin, die den gleichen Nachnamen trägt wie die Verstorbene, oder auf einen Ölmagnaten namens Ralph E. William:

"Ralph E. William. Freut mich sehr. Willkommen in Beauregard. Einen Sherry? Sie entschuldigen meine Formlosigkeit. Sie wollen also diese Erbschaft loswerden. Kann ich Ihnen helfen? Sie brauchen wahrscheinlich ein paar Auskünfte über mich. Da ist nicht viel zu sagen. Ich bin ein Selfmademan, einer vom alten Schlag. Ich weiß, was ein gutes Geschäft ist."

Nicht frei von Klischees

Der knorrige, hemdsärmelige Geschäftsmann – frei von Klischees ist der Text nicht, schließlich werden alle auftretenden Personen bis auf den Ich-Erzähler nur schlaglichtartig in Szene gesetzt, die sie abrupt wieder verlassen. Eine der Damen, eine Parfumherstellerin, ist pikiert darüber, dass der Gast ihr eine derart anrüchige Erbschaft in Aussicht stellt: Die Ahnin der Erblasserin war im New Orleans des 19. Jahrhunderts nämlich eine Kurtisane, darüber hinaus eine sogenannte "Mulattin", genauer ein "Quadroon", was uns der Zettelkasten wie folgend erklärt:

"Quadroon, Substantiv. Das spanische cuarto kommt aus dem Lateinischen. Quattuor heißt vier, und ein Cuarterón ist zunächst bloß ein Viertelpfund. Aber in Louisiana wurde daraus bald ein Viertelmischling, eine „Person mit einem Viertel Negerblut."

Danke sehr, damit wären wir auf dem laufenden. Nun aber die pikierte Parfümherstellerin, eine feine Dame namens Stéphanie Louvé, die anfangs noch ganz entzückt darüber ist, dass ihr Lieblingsparfum den Besucher "intriguiert". Am Ende jedoch wird sie ihn hinauswerfen:

"Ein Quadroon Girl? Monsieur, Sie missbrauchen meine Gastfreundschaft! In meiner Familie gibt es keine Kurtisanen. Was fällt Ihnen ein! In meinen Papieren nachsehen? Es könnte vorteilhaft für mich sein? Gibt es einen Vorteil im Beweis der Unehre? Ich hätte besser von Ihnen gedacht, mein Herr. Sie brauchen keine Summen zu nennen. Der Betrag ist mir gleichgültig. Mit jener Dame habe ich nichts zu tun. Ihre Entschuldigung nehme ich an."

Ein Lesevergnügen

Gegen Ende der Story geht es ins Mississippi-Delta, und wir erfahren, falls wir es noch nicht wussten, dass der vierte Buchstabe des griechischen Alphabets schon von Herodot auf das dreieckige Gebiet zwischen den Nilmündungen übertragen wurde, inzwischen aber auf andere "Ästuarien" übergegriffen hat. Ja, in diesem frühen Enzensberger ist schon manches von dem späteren angelegt, die Gelehrtheit, der Wissensdurst, der nonchalante Ton beispielsweise. Nicht zuletzt machen die schwarz-weißen Grafiken von Hannes Binder das Büchlein zu einem kurzen, aber exquisiten Vergnügen.

Stand: 02.12.2019, 15:17