Kai Weyand - Die Entdeckung der Fliehkraft

Kai Weyand - Die Entdeckung der Fliehkraft

Kai Weyand - Die Entdeckung der Fliehkraft

Von Christian Kosfeld

Die Hautpfigur diskutiert mit Gefangenen über Literatur, mit seiner Frau über die Beziehung, mit einem Nachbarsjungen über schwarzhumorige Witze, mit einem Mechaniker über Fahrräder. Kai Weyand liest selbst seinen lebensklugen, sympathischen Roman.

Kai Weyand
Die Entdeckung der Fliehkraft

Roman
gelesen vom Autor
Griot Hörbuch Verlag
ISBN 978-3-95998-035-7

Ein Zeichen von Leben

"Was Lydia als Unordnung empfand, war für ihn ein Zeichen von Leben. Karl war der Auffassung, man müsse sehen, dass in den Räumen gelebt, geliebt und gearbeitet werde. Wohnen habe etwas mit Bewegung zu tun, Wohnen sei ein Verb, ein Tun-Wort, kein Zustand. „Denken“ sei auch ein Verb, meinte Lydia, aber das heiße nicht, dass man jeden Gedanken allen anderen mitteilen müsse. Vielmehr heiße „denken“, die Gedanken zu ordnen. Außerdem „wohne“ er, Karl, nicht alleine und ein Verb stehe auch selten alleine. Karl mochte es sehr, wenn sie ihr Zusammenleben grammatikalisch in Einzelteile zerlegten, und wenn sie am Ende trotz allem einen Satz bauen konnten, der Subjekt, Prädikat und Pronomen enthielt und ungefähr so lautete: Wir lieben uns. Oder zumindest: Wir mögen uns."

Doch das fällt Karl und Lydia immer schwerer, ihre Beziehung steckt in einer Krise. Seit der Geburt des Sohnes Linus ist die Liebe dem Alltag gewichen. Sie arbeitet als Physiotherapeutin, er fährt jeden Tag mit dem Fahrrad „in den Knast“. In den Vorgärten sieht er die Trampoline mit Sicherheitsnetzen. Für Karl sind das Sinnbilder einer eingezäunten Welt. Und dabei kommt ihm eine Diskussion mit Gefangenen über Rilkes Gedicht „Der Panther“ in den Sinn.

"Verstehst du, Lehrer? Ein Gedicht hat die Welt noch nie besser gemacht. Du redest von Strophen, Versen, Wiederholungen, sagst Wörter wie „bemerkenswert, erklärst wie großartig Rilke dieses und jenes gemacht hat, aber steht einer auf und geht den Panther befreien? Steht einer auf?“ Seltsam, dachte Karl, dass ihm diese Geschichte, die bestimmt schon zwei Jahre her war, jetzt auf einmal bei dem Anblick der Gartentrampoline so deutlich in Erinnerung trat."

Kai Weyand "Die Entdeckung der Fliehkraft" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 16.01.2020 05:27 Min. Verfügbar bis 15.01.2021 WDR 3

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Ich bin jetzt hier und kann nicht woanders sein

Karl sammelt die Fragen und Antworten aus seinem Unterricht. Immer wieder steigt er 333 Stufen auf einen Kirchturm hinauf und schickt sie mit Papierfliegern in die Welt. Da fällt ihm Karoline Merlinger ein. Die lernte er bei einer verunglückten Schulbuch-Veranstaltung kennen, wo sie fröhlich meinte „Ich bin jetzt hier und kann nicht woanders sein“. Er schickt ihr eine SMS und bekommt Antwort.

"Hallo Herr Löffelhans. Ich erinnere mich. Sie erzählten, dass Sie in einem Gefängnis unterrichten und ich fragte Sie, worin Sie den Unterschied zu einer normalen Schule sehen. Ihre Antwort lautete, dass die meisten Ihrer Schüler kaum über Schulerfahrung verfügten, dafür aber über eine Menge Lebenserfahrung. Ich denke oft darüber nach, ob man lebenserfahren sein sollte, bevor man die Schule besucht, oder ob die Schule hilft, das Leben besser zu erfahren. Was meinen Sie? Karoline Merlinger."

Sie tauschen sich aus

Karl schickt Karoline weitere Nachrichten und E-mails, sie tauschen sich aus über das Leben und die Sprache, über die Bedeutung von Worten, eines Händedrucks, über Schuld und Verantwortung, doppelte Verneinungen, Konjunktive, das Duzen und Siezen.

"Liebe Karoline. Natürlich wäre es schon längst angemessen, uns zu duzen. Es ist ja so, dass sogar Goethe den Mond geduzt hat, obwohl die beiden viel weiter entfernt waren als wir es sind. „Lösest endlich auch einmal meine Seele ganz.“ Ohne Goethe nahe treten zu wollen, aber er klingt wie ein quengelndes Kind. Bei der Ansprache würde es mich nicht wundern, wenn der Mond Goethes Seele links liegen gelassen hat…. Stellen Sie sich vor, Goethe hätte den Mond gesiezt: Vielleicht mögen Sie auch meine Seele einmal lösen, lieber Mond..."

Kein schlechtes Fahrrad

Kai Weyand hat für seinen Roman eine ganze Reihe plastischer Figuren geschaffen. Im Pflegeheim besucht Karl regelmäßig seinen Vater, zu dem er allerdings kaum eine Beziehung hat. Auf der Straße trifft er Frau Kircheisen mit ihrem behinderten Sohn Homer, der Karl schwarz-humorige Witz-Fragen stellt. Und er begegnet einem philosophischen Fahrrad-Mechaniker, der in jedem Fahrrad auch ein Sinnbild erkennt.

Kai Weyand

Kai Weyand

" Ein Mensch, der immer was braucht, ist halt auch einer, dem immer was fehlt. Und das ist nicht so schön. Wie gesagt, mir nur ein Bremszug. Das ist nicht viel. Der Monteur kam zu Karl, betrachtete die Bremse fuhr mit der Hand über den Lenker und Rahmen, drückte an den Schalthebeln und nickte. Dann brummte er ein langes Mmmmm. Ist doch kein schlechtes Fahrrad sagte Karl. Reicht Ihnen das? Was? Kein schlechtes Fahrrad zu haben. Sie sind nicht alleine. Vielen Menschen reicht es, kein schlechtes Fahrrad zu haben. Wissen Sie auch warum? Warum? fragte Karl. Weil sie nicht mehr wissen, was ein gutes Fahrrad überhaupt ist."

Liebe und Verantwortung, Schuld und Strafe, Literatur und Leben

Das sind die Themen, die Kai Weyand in seinem Roman und diesem Hörbuch "Die Entdeckung der Fliehkraft" verhandelt. Das gelingt ihm auf eine leichte, sympathische Weise, mal tiefsinnig, mal komisch. Ruhig und bedacht liest er, und ja, wir hören keinen Profi-Sprecher. Aber gerade deswegen hört man gern zu, weil Weyand direkt aus dem Leben erzählt, und große Themen sehr selbstverständlich, ohne Pathos verhandelt. Ein lebenskluges, gelungenes Hörbuch.

Stand: 14.01.2020, 19:50