Enrico Brissa - Auf dem Parkett – Ein Plädoyer für die schönen Künste der Höflichkeit

Enrico Brissa - Auf dem Parkett – Ein Plädoyer für die schönen Künste der Höflichkeit

Enrico Brissa - Auf dem Parkett – Ein Plädoyer für die schönen Künste der Höflichkeit

Von Monika Buschey

Es spricht der Protokollchef. Enrico Brissa stand in den Diensten von zwei Bundespräsidenten. Seine Aufzeichnungen zeugen von viel Erfahrung und dem Bemühen, weiter zu geben, was er für wichtig hält. Von A wie Ablauf bis Z wie Zurückhaltung.

Enrico Brissa
Auf dem Parkett – Ein Plädoyer für die schönen Künste der Höflichkeit

Gelesen von Nick Benjamin
John-Verlag
ISBN 978-3-942057-97-4
1 MP3 CD

Wie formuliert man möglichst stilvoll eine Absage? Welche Anrede darf der Papst erwarten? Was genau versteht man unter Anciennität? Enrico Brissa leitet das Protokoll des deutschen Bundestags, vorher war er Protokollchef bei gleich zwei Bundespräsidenten. Er ist promovierter Jurist, er weiß Bescheid in allen Lebenslagen. Seine Aufzeichnungen sind als Hörbuch im John-Verlag erschienen, es liest Nick Benjamin.

Für alles gibt es eine Form

"Ich erinnere mich gut an die harte Schule meiner italienischen Familie, besonders an meine Großtanten. Aus der Normalität meiner süddeutschen Kindheit kommend, tauchte ich in unserem alten Familienhaus im Piemont regelmäßig in eine Welt von gestern ein."

Es sind nicht allein die vielen Bücher, die Bilder, die schweren Teppiche, die er als Kind einerseits bestaunt hat und die ihn andererseits einschüchterten. Den lebendigen Traditionsverteidigern kommt weit mehr Gewicht zu. Enrico Brissa – deutsche Mutter, italienischer Vater – lernt bei den italienischen Verwandten, dass es für alles eine Form gibt. Dass es nicht immer leicht ist, den Erwartungen anderer zu entsprechen, dass es den Umgang miteinander jedoch deutlich erfreulicher macht, wenn alle sich an Spielregeln halten.

Formalitäten im Familienkreis

"Es war jedenfalls ratsam, sich schon auf der Autofahrt die Namen und korrekten Begrüßungsformeln für die Mitglieder meiner nicht gerade kleinen Familie einzuprägen. Außerdem die wichtigsten Regeln, also die, deren Nicht-Befolgung geahndet wurde."

"Die Formalitäten im Familienkreis waren offenbar nicht zur Pose erstarrt, das Kind hat kein Trauma erlitten, im Gegenteil. Als Erwachsener hat Enrico Brissa den guten Ton zur Hauptmelodie seines Lebens gemacht. Als Hüter des Protokolls in allerhöchsten Kreisen kann er gut gebrauchen, was er früh gelernt hat."

"Als Kind war mir nicht bewusst, dass bei all dieser Strenge das Einhalten dieser Regeln kein Selbstzweck war. Sondern auch ein Zeichen von Achtsamkeit und Respekt. Die Regeln, so harsch ich sie auch empfunden habe, gaben mir Halt. Und sie halfen mir auch, eine bestimmte Haltung zu entwickeln, die von Höflichkeit und Rücksicht geprägt ist."

Höflichkeit gewährt Freiheit

Enrico Brissa

Enrico Brissa

In Erfüllung seiner Aufgaben hat Enrico Brissa die Erfahrung gemacht, dass das Beherrschen der Höflichkeitsregeln nicht einengt, sondern Freiheit gewährt und es möglich macht, sich um die wichtigen Dinge zu kümmern.

"Seit ich im Protokoll arbeite, fällt mir auf, dass viele Menschen, was Umgangsformen und gutes Benehmen angeht, eine große Verunsicherung spüren. Oft werde ich um Rat gefragt. Etwa, wie man sich an einer großen Tafel verhält oder jemanden korrekt begrüßt. Ich konnte Damen und Herren beobachten, die schon mit einem etwas förmlichen Abendessen derart überfordert waren, dass sie den Abend gar nicht mehr genießen konnten."

Von A wie Ablauf bis Z wie Zurückhaltung

Zur Abhilfe hat der kundige und mit allen Wassern der Höflichkeit und des Anstands gewaschene Experte die wichtigsten Regeln einmal übersichtlich und in alphabetischer Reihenfolge zusammengefasst. Von A wie Ablauf bis Z wie Zurückhaltung. Zwischen Cocktailparty und Kaugummi, Nähkästchen und Pünktlichkeit fehlt es an nichts, wer alledem mit der gebotenen Aufmerksamkeit zu hören will, braucht sechs Stunden. Aber natürlich kann man sich wie in jedem guten Sortiment das jeweils Passende heraussuchen.

"Der Pünktliche räumt der Zeit der anderen denselben Stellenwert ein wie seiner eigenen und lässt eine professionelle Tagesplanung erkennen. Es ist immer gut, eine Begegnung pünktlich und ohne Hetze zu beginnen."

Es gilt bei bei Adam und Eva anzufangen

Nun könnte man meinen, dass sich das eigentlich von selbst versteht. Aber der Experte hat die Erfahrung gemacht, dass die Manieren in weiten Kreisen derart auf den Hund gekommen sind, dass es in Benimmfragen bei Adam und Eva anzufangen gilt. In der Summe hat es etwas Kurioses, was er da alles zusammen getragen hat: Welchen Anzug zu welcher Tageszeit, wer darf wen umarmen, wer gewährt Gnade, wie ordnen sich militärische Dienstgrade. Wer mal so richtig einsteigen will in alle Feinheiten, der ist hier richtig.

"Die Audienz beinhaltet das Recht, erscheinen zu dürfen, nicht notwendigerweise das Recht auf eine Unterredung. Heutzutage sind Audienzen dem Heiligen Stuhl und königlichen Höfen vorbehalten."

Aufmerksamkeit und Nachlässigkeit

Nick Benjamin

Nick Benjamin

Der Vortrag von Nick Benjamin – angemessen korrekt - bleibt weitgehend frei von Ironie, was die Chance bietet, diese Geschmacksnote von Fall zu Fall beim Zuhören eigenständig hinzuzufügen.

Gelegentlich – und das macht die Ausführungen von Enrico Brissa endgültig zum Vergnügen – klingt Philosophisches an. Etwa beim Stichwort Aufmerksamkeit.

"30/ 0:35 Ergänzt wird die Aufmerksamkeit durch eine zweite, nur scheinbar gegensätzliche Geisteshaltung. Nämlich die elegante Nachlässigkeit.

Baltasar Castillione zufolge ist die Anmut davon abhängig, jede Ziererei zu vermeiden und eine gewisse Nachlässigkeit zur Schau zu tragen, die die Mühe verbirgt und alles, was man tut und spricht, als ohne die geringste Kunst und gleichsam absichtslos hervorgebracht erscheinen lässt."

Zum Ausklang ein Zitat, denn es ist immer nützlich, in eleganter Nachlässigkeit einen berühmten Zeitgenossen an seiner Seite zu wissen.

"Das Leben ist kurz, aber man hat immer Zeit für Höflichkeit" – Ralph Waldo Emerson.

Stand: 14.06.2018, 09:33