Emmy Hennings - Gefängnis

Emmy Hennings - Gefängnis

Emmy Hennings - Gefängnis

Von Monika Buschey

Emmy Hennings erregt Aufsehen, als ihr Roman "Gefängnis" 1919 erscheint. Darin beschreibt sie, wie sie die Willkür des Strafvollzugs erlebt hat.

Emmy Hennings
Gefängnis

Mit Inka Löwendorf
Ungekürzte Lesung
speak low
ISBN 978-3-940018-78-6 1
mp3-CD, 4 Std
35 Min.

Emmy Hennings "Gefängnis" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 28.05.2020 05:44 Min. Verfügbar bis 28.05.2021 WDR 3

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Es ist acht Uhr früh.

"Es klopft. Ob ich die Tür wohl verschlossen habe? Soll ich aufstehen um nachzusehen? Es steht doch jemand von der Tür. Es klopft schon wieder. Ich gebe keine Antwort. Nicht um alles in der Welt. Wenn es aber die Antwort vom Amtsgericht ist? Es bleibt mir nicht viel Zeit zum Überlegen. Soll ich sagen: Bedaure, ich bin soeben verrückt geworden? Oder: Ich bin im Begriff zu sterben? Das Gesicht zur Tür gewandt, riskiere ich halblaut zu äußern: Der Tod entschuldigt alles."

Keine Dokumentation, kein Protokoll, sondern ausgehend vom Erlebten ein Blick nach innen. Emmy Hennings beschreibt vor dem Hintergrund der Ereignisse, was sie in ihr auslösen. Erinnerungen und Träume, Phantasien, Wünsche und Verwünschungen steigen auf. Bilder, die in der Sprache eine Ausprägung finden. Ihr Ton ist leicht und fast scheint es, als staunte sie über sich selbst und alles was ihr begegnet. Sie geht ihrer Verhaftung entgegen. Aber noch ist sie frei.

"Und draußen ist Sonne und tiefblauer Himmel. Ich bin in größter Eile, aber wer dieses Frühlingswetter nicht bemerkt, ist überhaupt kein Mensch. Bei solchem Frühlingswetter wird nicht verhaftet! An solchem Tage muss sich die ganze Welt lieben! Ich erwäge es genau. Um der Sonne willen. Weil der Himmel so wunderbar blau ist."

Mal Kunst, mal Tingeltangel

Emmy Hennings

Emmy Hennings

Emmy Hennings, 1885 in Flensburg geboren, verlässt mit 19 Jahren die Heimat und entfernt sich zugleich von der Tradition, die für Frauen ein ganz bestimmtes Lebensmodell vorsieht. Als Vortragskünstlerin im weitesten Sinn reist sie durch die Lande, tritt in Theatern und Kabaretts auf. Mal Kunst, mal Tingeltangel.
In München und Berlin findet sie Anschluss an die Künstlerszene des beginnenden Expressionismus. Sie befreundet sich mit dem Dichter Erich Mühsam, der sie „ein erotisches Genie“ nennt. Sie tritt zusammen mit Claire Waldoff auf und schreibt erste Gedichte. Gelegentlich arbeitet sie als Prostituierte. Bagatelldelikte führen zu Konflikten mit der Obrigkeit.

"Die Zellentür wird geschlossen, und ich bin allein. Ich suche gierig nach einem bunten Gegenstand, einiger Unordnung, die mich anrege könnte. Aber es ist alles peinlich sauber und grau. Ich konstatiere diese Korrektheit leider nur zu schnell."

Wie soll ich wissen, ob ich vernünftig bin?

Ihre Verurteilung, so viel wird sofort klar, hat weniger mit ihren Vergehen, als mit ihrer Lebensweise zu tun.

"Ist es vielleicht vernünftig, wenn ich mich an dieses Loch gewöhne? Wie soll ich wissen, ob ich vernünftig bin? In diesem Haus werfe ich die Vernunft an die Wand. Hier fliegt jede Vernunft weg. Die vernünftigste Vernunft. Was ist das überhaupt? Totschlagen kann man mich: Ich werde nicht wissen, was Vernunft ist."

Es ist die Geburtsstunde des Dadaismus

Mit ihrem Mann, dem Dichter Hugo Ball, den sie in München kennengelernt hat, geht sie 1915 in die Schweiz. Zusammen mit anderen Künstlern gründen sie das "Cabaret Voltaire". Es ist die Geburtsstunde des Dadaismus. Ermutigt von Hugo Ball wird Emmy Hennings zur Schriftstellerin. Als nach vielem hin und her 1919 ihr Buch mit dem schlichten Titel „Gefängnis“ erscheint, ist die Aufregung groß. Empörung und Zustimmung. Bewundert wird besonders ihre Perspektive als Autorin: Weder Klage noch Anklage. Dafür genaue Beschreibungen, was die Gefangenschaft bewirkt.

"Liege halb an der Wand, um einen Stützpunkt zu haben. Ich finde, mein Körper hält nicht mehr recht zusammen. Meine Glieder sind eine aussichtslose Angelegenheit geworden. Wenn jetzt ein Arzt käme, würde ich ihm raten: Geben Sie mich auf! Würde ich mich entschuldigen, dass so etwas Hoffnungsloses vor ihm liegt, würde sagen: Warten Sie nur einen Augenblick und ich werde sterben!"

Schreibend tastet sich Emmy Hennings voran.

Schwankend zwischen Verzweiflung und Hoffnung geben ihre eindringlichen Schilderungen ein Gefühl dafür, was es bedeutet, gefangen zu sein. Eine hellsichtige Analyse zugleich, die sich mit den Fragen um Schuld und Gerechtigkeit auseinander setzt.

"Ach, mein armer Leib. Nichts Heftiges ist mehr in mir. Ich lehne mich nicht auf und bin doch kaum zwei Tage in diesem Hause. Schon ist meine Kraft vergewaltigt. Wenn das der Zweck des Gefängnisses sein soll, so bin ich mit Erfolg hier gewesen."

Am Ende der Geschichte steht die Befreiung

Inka Löwendorf

Inka Löwendorf

Inka Löwendorf liest so, dass die Verletzlichkeit der Protagonistin zu spüren ist, ihre tiefe Irritation über das, was mit ihr geschieht, ihre verzweifelte Anstrengung, die Erfahrungen, die sie macht, zu deuten.

Eine Gestaltung, die mit schauspielerischen Mitteln arbeitet und die beschriebenen Szenen lebendig werden lässt. Am Ende der Geschichte steht die Befreiung aus der Gefangenschaft.

Ein neues Lebensgefühl erwacht.

"Und ich gehe über das zarte Schneefeld, das weit ausgebreitet liegt vor meinen hemmungslosen Augen. Je länger ich gehe, desto freier fühle ich mich. Tief atme ich die kalte, reine Luft. Der Schnee leuchtet. Ich bin so allein. Niemand begegnet mir. Niemand sieht mich. Ich breite meine Arme aus vor Glück. Ich habe die Stadt noch nicht erreicht und die Menschen."

Stand: 24.05.2020, 18:11