Emily Bronte - Sturmhöhe

Emily Bronte - Sturmhöhe

Von Christoph Vratz

Knapp 20 Verfilmungen und mehrfache Musik-Adaptionen - da darf man von einem Welterfolg der Autorin sprechen. Jetzt ist Emily Brontës Roman "Sturmhöhe" als vollständige Hörbuch- Lesung erschienen. Christoph Vratz stellt die neue Edition vor.

Ellis Bell

Der Name ist nur wenigen heute ein Begriff. Kein Wunder, denn er diente einst als Pseudonym. Im Jahr 1847 erschien in England der Roman "Wuthering Heights", der heute nicht nur unter dem Titel "Sturmhöhe" bekannt ist, sondern auch unter dem wahren Namen der Autorin: Emily Brontë. Längst ist der Roman ein Klassiker des 19. Jahrhunderts – und ein Welterfolg. Denn inzwischen liegen mehr als ein Dutzend Übersetzungen ins Deutsche vor, knapp 20 (meist britische) Verfilmungen und einige Musik-Adaptionen.

Wuthering Heights

"1801 – Ich bin gerade von einem Besuch bei meinem Gutsherrn zurückgekehrt, diesem einsamen Nachbarn, der mir zu schaffen machen wird. Was für eine schöne Gegend. Ich glaube nicht. dass ich in ganz England meinen Wohnsitz an einer anderen Stelle hätte aufschlagen können, die so vollkommen abseits vom Getriebe der Welt liegt."

Die Geschichte beginnt in der Ich-Perspektive. Erzählt wird sie von einer Randfigur, Mr. Lockwood. Denn im Mittelpunkt steht Heathcliff, ein Findelkind, anfangs ein mittelloser Außenseiter und am Ende ein reicher, aber bis zuletzt rachsüchtiger Gutsherr.

"Wuthering Heights" – "Sturmhöhe" heißt Mr. Heathcliffs Besitz. "Wuthering" ist ein trefflicher mundartlicher Ausdruck, um den Aufruhr der Lüfte zu beschreiben, denen dieser Ort bei stürmischem Wetter ausgesetzt ist.

Seelische und menschliche Stürme

Natürlich ist dieser Ort nicht nur bei unwirtlichem Wetter allerhand Stürmen ausgesetzt. Denn vor allem die seelischen und menschlichen Stürme, die Emily Brontë in ihrem Roman „Sturmhöhe“ beschreibt, finden hier ihre passende Umgebung. Heathcliff, nachdem er von Catherine zurückgewiesen wird, da er nicht den gesellschaftlichen Konventionen entspricht, strebt nach rücksichtsloser Vergeltung.

Autorin Brontë hat ihren Roman aus der Sicht zweier Erzähler gestaltet. Da ist neben dem männlichen Ich-Erzähler auch Nelly (oder auch Ellen) Dean. Sie ist die Hausangestellte auf "Sturmhöhe".

"Unter dem Vorwand, Auskünfte über Anschaffungen für den Haushalt einzuholen, bat ich Mrs Dean, die mir das Abendbrot machte, sich, während ich aß, zu mir zu setzen. Ich hoffte inständig, in ihr eine regelrechte Klatschblase zu finden, die mich mit ihrem Geschwätz entweder ermuntern oder in Schlaf lullen werde.
Sie leben hier schon recht lange, begann ich. Sechzehn Jahre, sagten Sie?
Achtzehn, Mr Lockwood. Ich kam als Mädchen her, als die gnädige Frau heiratete. Und nachdem sie gestorben war, behielt mich der Herr als Haushälterin.
Ach so“. Hier folgte eine Pause."

Beate Rysopp und Wolfgang Berger

Die beiden Schauspieler Beate Rysopp und Wolfgang Berger bilden ein Erzähler-Duo. Gerade Berger meidet Pathos und Wucht des Vortrags, er gibt ganz bewusst den ein wenig distanzierten, außenstehenden Chronisten. Bei Beate Rysopp ist das etwas anders. Sie ist – als Nelly Dean – unmittelbarer am Geschehen beteiligt. Und so liest sie ihren Text szenischer, plastischer. So werden die verschiedenen psychologischen Situationen, in denen sich die Figuren befinden, glaubwürdig eingefangen. Etwa wenn Nelly die wild fantasierende Catherine zu beruhigen versucht:

"Siehst Du das Gesicht nicht?, fragte sie und blickte ernsthaft in den Spiegel. Ich konnte sagen, was ich wollte, es gelang mir nicht, ihr nicht begreiflich machen, dass es ihr eigenes war. Darum stand ich auf und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch.
Es ist immer noch dahinter, fuhr sie unruhig fort. Und es hat sich bewegt. Wer ist das? Hoffentlich kommt es nicht heraus, wenn Du fortgegangen bist. Oh Nelly, in diesem Zimmer spukt es, ich habe Angst allein zu bleiben."

Ungekürzte Lesung

Gerade Passagen wie diese, in denen die dialogische Struktur gut hörbar wird, verleihen diesem Hörbuch seinen Reiz. Noch etwas zeichnet diese neue Edition aus: Hier ist Brontës Roman erstmals in kompletter Länge zu hören. Denn bislang gab es "Sturmhöhe" nur gekürzt: sowohl mit Eva Mattes und Wolfram Koch als auch mit Gudrun Landgrebe (jeweils auf vier CDs) und schließlich die Hörspiel-Bearbeitung durch Kai Grehn von 2012 auf zwei CDs. In dieser atmosphärisch sehr eindrucksvollen Version wird jedoch vieles verdichtet und verknappt:

"Mich überkam das grauenvolle Entsetzen eines Albtraumes, ich versuchte die Hand zurückzuziehen, aber die Hand umklammerte fest die meine. (Geräusche, flüsternde Stimme) Lass mich ein. Wer bist Du? Catherine Linton. Ich bin nach Hause gekommen."

Hörspiel und Hörbuch

Es wäre ungerecht, die famose, aber stark gekürzte Hörspiel-Version mit der neuen, gelesenen Hörbuch-Edition vergleichen zu wollen. Natürlich klingen die verschiedenen Stimmen des Hörspiels eindringlicher, leidenschaftlicher, gieriger, drohender. Doch bei einer vollständigen Lesung würde sich dieser Effekt schnell abnutzen. Daher wählt Beate Rysopp einen geschickten Mittelweg, zwar weniger unmittelbar, aber nicht weniger aussagekräftig. Etwa wenn Catherine dem unbarmherzigen Heathcliff die Meinung geigt.

"Heathcliff, Sie haben niemand, der Sie liebt. Und wie unglücklich Sie uns auch machen mögen, so bleibt uns doch als Rache das Bewusstsein, dass Ihre Grausamkeit nur von Ihrem größeren Elend herrührt? Nicht wahr? Sie sind unglücklich, einsam wie der Teufel und missgünstig wie er. Niemand liebt Sie. Niemand wird weinen, wenn Sie einmal sterben. Ich möchte nicht tauschen mit Ihnen."

Beate Rysopp und Wolgang Berger lesen Emily Brontës "Sturmhöhe" überzeugend und mit geschickt gewählten darstellerischen Mitteln. Das ist insgesamt sehr glaubwürdig.

Stand: 26.04.2017, 17:36