Dorothee Elmiger - Aus der Zuckerfabrik

Dorothee Elmiger - Aus der Zuckerfabrik

Von Orlowski, Corinne

Vom Lottomillionär zum Zuckerhut: Dorothee Elmiger kommt in ihrem assoziativen Recherche-Protokoll der Komplexität der Welt ganz nah.

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik
Carl Hanser Verlag, München 2020.
272 Seiten, 23 Euro.

Dorothee Elmiger - Aus der Zuckerfabrik

WDR 3 Buchkritik 03.11.2020 05:40 Min. Verfügbar bis 03.11.2021 WDR 3


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Zwei Holzfiguren aus Haiti

Alles begann mit dem Sanitärinstallateur Werner Bruni, der in den 80er Jahren erster Lottomillionär in der Schweiz wurde. Doch der hat nach nur wenigen Jahren wieder alles verloren. Bei der Zwangsversteigerung hält der Auktionator zwei Frauenfiguren aus Holz in die Höhe, die angeblich aus Haiti stammen: "Schaut nur diese Brüste", sagt er, um den Preis in die Höhe zu treiben. Und schließlich fällt der Hammer. 35 Schweizer Franken. Die Erzählerin, hinter der deutlich die Autorin Dorothee Elmiger zu erkennen ist, sieht diese Szene und ist fasziniert.

"Je öfter ich zurückkehre in diesen Saal, den ich nur aus einem in den Achtzigerjahren gedrehten Dokumentarfilm kenne, desto deutlicher steht es mir vor Augen, dass mein Verlangen, diesen Ort immer wieder aufzusuchen, nichts damit zu tun hat, dass sich mir dort etwas in besonderer Klarheit zeigen würde. Im Gegenteil vermute ich mittlerweile, dass diese wiederkehrenden Besuche, meine neurotischen Pilgerfahrten ihren Grund in der Tatsache haben, dass es sich um eine gewissermaßen unlösbare Szene handelt."

Reise druch die Zeit- und Weltgeschichte

Was hat es mit diesen Holzfiguren auf sich? Welche Verbindung besteht zwischen dem Mann aus Bern und der karibischen Insel? Auf der Suche nach Zusammenhängen beginnt eine Reise durch die Zeit- und Weltgeschichte. Schließlich hat schon Heinrich von Kleist in seiner Novelle "Die Verlobung in St. Domingo" einen Schweizer nach Haiti geschickt, hat der Zucker die einstigen Kolonialherren von Haiti unermesslich reich gemacht. Der Zucker scheint alles miteinander zu verbinden und wird zugleich eine vieldeutige Metapher für das weibliche Begehren.

"In den Nächten breitet sich C. erneut als sonnenbeschienene Landschaft vor meinen Augen aus – eine immer schon verlorene Landschaft: die Erinnerung an eine Verheißung. Den ganzen Morgen am Fenster gestanden und Musik gehört. Du bist aus Zucker, du bist zart."

Gedanken-Strudel ins Ungewisse

Aber schnell werden aus den kreisenden Gedanken und Notizen ein Nachdenken über die Möglichkeiten des Schreibens selbst. Und die Erzählerin merkt, dass sie als Suchende nicht neutral bleiben kann. Nach und nach schreibt sich der eigene Körper, das eigene Begehren in das Journal mit ein. Sie stellt Bezüge zwischen sich und anderen Frauen her, wie der Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz, der Mystikerin Teresa von Àvila oder Ellen West, die aufgrund einer schweren Essstörung mit Depressionen eine Patientin Ludwig Binswangers war.

Sie liest Max Frischs "Montauk", guckt Filme wie Max Frisch dort, auf Long Island, spaziert, fährt selbst nach Montauk. Immer im Hinterkopf: Wo ist das Visionäre? Was bedeutet es, Autorin zu sein. Wie einen Text schreiben? Dorothee Elmiger gerät mit ihrem Buch "Aus der Zuckerfabrik" in einen Gedanken-Strudel, der einen ins Ungewisse stößt, um sich dann im Gestrüpp zurecht finden zu müssen.

"So ungefähr: Ich gehe durchs Gestrüpp. Es tschilpen auch einige Vögel. - Und dann? - Weiter nichts, es geht einfach immer weiter so. - Es gefällt dir aber, dieses Gestrüpp? - Was soll ich dazu sagen? - Ob es dir gefällt, das Gestrüpp, das kannst du doch sagen; was du dir davon erhoffst, was da für dich drinsteckt. - Aber ich selbst stecke ja mittendrin, du hast offenbar überhaupt keine Ahnung davon, wie das da ist."

Eine besondere Form der Erkenntnis

Orientierungslos watet man zunächst durch den Text, man bleibt hängen, pikst sich an Dornen, um dann nach und nach Entdeckungen zu machen und sich an dieser Text-"Landschaft" zu erfreuen. Das gelingt sprachlich, weil die Sätze spielerisch und aphoristisch gearbeitet sind, Wiederholungen und Überlagerungen ineinandergreifen. Aber auch inhaltlich, weil gleichzeitig aktuelle politische Debatten angesprochen werden: Rassismus und Kolonialisierung, Sexismus und weibliches Begehren, ökonomische Ungleichheit und Konsum.

Gerade weil Elmiger die Erzählung oft verweigert, zeigen sich Verbindungen zwischen den Fakten, Träumen, Mysterien, Biografien. Das ermöglicht eine Form der Erkenntnis, die es so vielleicht nur in der Literatur gibt. Irgendwie geht man klüger aus der Lektüre, ohne je einen Geistesblitz zu haben. Das ist kein klassisches Lesen mehr, sondern eine Herausforderung.

Die Faszination für Figuren und Gegenstände

"Wie geht es dir? - Es wächst mir alles über den Kopf - Das Gestrüpp, von dem du gesprochen hast? - Von mir aus, wenn du es so nennen willst. - Kannst du mehr dazu sagen? - Es wird mir alles zu viel. Wo ich doch am Anfang dachte, ich müsse alles irgendwie zusammenklauben, zusammentragen, drängen sich mir die Dinge nun geradezu auf, ich sehe über Zeichen und Zusammenhänge, als hätte ich eine Theorie von allem gefunden, was natürlich kompletter Unsinn ist."

Sieben Jahre hat Dorothee Elmiger an der Recherche zugebracht und ihr Material zu einer Collage verwoben. Wer sich eine erzählende Handlung erhofft, wird mit diesem Buch seine Schwierigkeiten haben. Doch wer einmal einer Autorin bei der Arbeit und ihrer Faszination an Figuren und Gegenständen zusehen möchte, der sollte "Aus der Zuckerfabrik" lesen. Das Werk einer Autorin, die sich gerade mit ihrer ganz eigenen Poetik in die Literaturgeschichte einschreibt.

Stand: 02.11.2020, 16:03