Elizabeth Taylor - Angel

Elizabeth Taylor - Angel

Elizabeth Taylor - Angel

Von Mareike Ilsemann

Das traurige Geschäft des Schreibens – in ihrem Roman über eine Trivialschriftstellerin zeigt Elizabeth Taylor ihr ganzes Können.

Elizabeth Taylor
Angel

Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Mit einem Nachwort von Gabriele von Arnim
Dörlemann, Zürich 2018
400 Seiten
18,99 Euro

Verwöhnte Göre oder verkanntes Genie?

Angels Lehrerin glaubt ihr nicht, dass Angel den Schulaufsatz selbst verfasst hat. Angel fühlt sich ungerecht behandelt. Aber nur wenig später wird die Fünfzehnjährige den Nachbarskindern auf dem Schulweg Lügengeschichten über ihr angebliches Zuhause, einen Herrensitz namens Paradise House, erzählen. Verwöhnte Göre oder verkanntes Genie? Die Figur der Angelica Deverell, Angel genannt, erzeugt von Anfang an Ambivalenz. Sie will es allen zeigen:

"Plötzlich erkannte sie, dass sie kühn und skrupellos sein musste, wenn sie Erfolg haben wollte. Sie konnte es sich nicht leisten, weiter heimlich zu tun oder sich um die Meinung anderer zu scheren. Sie zog das Schreibheft unter ihrem Kissen hervor und hielt es hoch, damit ihre Mutter es sah. Davon wünsche ich mir ein halbes Dutzend, sagte sie rasch. „Außen marmoriert wie dieses hier, bitte. Ich schreibe einen Roman, und ein Heft wird nicht reichen."

Anlagen zum Größenwahn

Elizabeth Taylor

Elizabeth Taylor

Die Künstlerin als junge Frau. Schon hier finden sich Anlagen zum Größenwahn. Wir befinden uns in einer englischen Kleinstadt im letzten Lebensjahr Queen Victorias. Noch nie hat Angel im Gemüseladen der Mutter nur einen Finger krumm gemacht. Ein Kind, das eine Privatschule besucht, soll sich nicht hinter dem Tresen erniedrigen müssen - darin sind sich die alleinstehende Mutter und Tante Lottie einig. Sie ergötzen sich daran, Angels Französischkenntnissen zu lauschen. "Sie wussten nicht, dass sie einen schauderhaften Akzent hatte – den sie ihr Leben lang behalten würde", kommentiert Taylor bissig.
Angel schickt ihr fertiges Manuskript kurzerhand an die Oxford University. Ist sie tatsächlich ein Wunderkind?

"Gilbright & Brace waren geteilter Meinung gewesen, genauso wie die Gutachter. Willie Brace sagte, er habe sich beim Lesen halb totgelacht. Über seinen Partner, der das Buch verteidigte, machte er sich mit einer eigenen Version von Angels Sprache lustig. „Hebe doch bitte deinen funkelnden Bart von diesen irisierenden Seiten schillernden Unfugs und gestatte deinen messerscharfen Gedanken einen messerscharfen Moment lang, sich uns zuzuwenden, die wir dereinst zweifellos im schillernden Armenhaus dahinsiechen werden. Frage dich – o nein, gehe so weit, dein Herz zu befragen, wie wir einen so brillanten Kokolores unterstützen und weiterleben sollen, o nein, nicht nur leben, sondern existieren …
Du übertreibst es mit den O nein, sagte Theo Gilbright.
Auf jeder Seite steht eins. Meine Frau hat mitgezählt."

Eine "Hohepriesterin des Ramsch"

Elizabeth Taylor braucht ihre Figur nicht bloßzustellen, das überlässt sie ihrem Personal. Die Verleger wissen, dass sie Schund vor sich haben und veröffentlichen den Roman doch. Der Leser weiß nicht, ob er staunen, lachen oder sich fremdschämen soll. Zum Beispiel, wenn Angel, ohne mit der Wimper zu zucken, Shakespeare als ihr Vorbild nennt. Ohne jemals ihre Erfolgsformel zu ändern, wird sie eine Romanze nach der anderen abliefern. Angel ist Edwardianischen Erfolgsautorinnen nachempfunden, eine "Hohepriesterin des Ramsch" nennt Hilary Mantel sie in ihrer Einführung zur amerikanischen Klassikerausgabe.

"Je mehr die Kritiker lachten, desto länger waren die Schlangen in den Büchereien. Die einfachen Leute fesselte die Kraft ihrer Romantik; die Gebildeten ergötzten sich an den absurden Situationen, die sie sich ausdachte; und ihre flammende Empörung, wenn eine flüchtige Wut sie von der Handlung ablenkte und zu Denunziationen und Belanglosigkeiten verleitete, rief bei manchen Lesern ernste Zustimmung und bei anderen Lachkrämpfe hervor."

Was Literatur kann

Die Kritiker zerreißen die Erfolgsschriftstellerin in der Luft, das Publikum liebt sie, der Verlag nimmt das Geld mit, solange sie zieht. Quasi nebenbei rechnet Autorin Elizabeth Taylor augenzwinkernd mit den Mechanismen des Literaturbetriebs ab. Vor allem aber liefert sie eine feine Charakterstudie von Angel im Aufstieg und Fall. Alles, was Angel nicht hat - Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen, Humor - nutzt ihre Schöpferin, um die tragische Seite ihrer ruhmsüchtigen Hauptfigur zu zeigen, der jegliche Welterfahrung und Herzensbildung fehlt. Eine versierte Autorin zeigt am Leben einer überbezahlten Schundschriftstellerin, was Literatur kann: Das Wesen des Menschen in seiner ganzen Tragik erfassen. In diesem Fall auf äußerst unterhaltsame Art und Weise.

Stand: 26.04.2018, 09:23