Elisabeth Plessen - Die Unerwünschte

Elisabeth Plessen - Die Unerwünschte

Elisabeth Plessen - Die Unerwünschte

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Adlige Familientradition verdammte „Die Unerwünschte“ zum Schweigen. Als sie sprach, wurde sie verstoßen. Nach Jahren blickt sie zurück – und entdeckt ihre Familie neu.

Elisabeth Plessen
Die Unerwünschte

Berlin Verlag
384 Seiten
22 EUR

Die Regeln, unausgesprochen, wurden eisern eingehalten.

"Gespräche in der Familie führten die Männer. Deine Großmutter übernahm das Muster und sprach nicht mit mir. Ich war ein Mädchen. Weshalb sie ihre Aufmerksamkeit ganz und gar Ludwig widmete, meinem Bruder, zumal er der Erbe war. (...) Mädchen wurden übersehen wie durchziehender Wind."

Und wenn dieses Mädchen, älter geworden, das Regelsystem hinterfragt? Oder sogar bricht? Sich mit einer eigenen Stimme zu Wort meldet – und das nicht nur im Familienkreis sondern sogar in der Öffentlichkeit?

"Sie hatte einen Artikel publiziert, dann noch einen, eine ganze Serie, die beschwiegenen Dinge einer Familie beschrieben, die nicht einmal nur die eigene war, polemisch, impertinent. Ihr späteres Buch erwies sich als landes- und auch ein bisschen weltweit ebenfalls als explosiv."

Kappe die Taue, schwimme ins Offene

Elisabeth Plessen hatte 1976 in ihrem ersten Buch "Mitteilung an den Adel" das ganze System des Nichthinterfragens und des Verschweigens aufgefädelt, das in ihrer traditionserstarrten Familie vorherrschte - eine von vielen, die mit ihrem politisch-kritischen Aufbegehren die eigene Elterngeneration aufs Korn nahmen, egal ob adelig oder bürgerlich. Doch Zorn und Unmut trafen sie stärker als andere, sie wurde als "Nestbeschmutzerin" ausgegrenzt - was sie nicht daran hinderte, den eigenen Lebensentwurf mit stiller Aufsässigkeit weiterzuverfolgen.

"Kappe die Taue, schwimme ins Offene. Vielleicht fing alles damit an. Kopf und Beine – von heute aus gesehen – passten noch lange nicht zusammen. Doch immer waren es Worte, Sätze, die mich weiterbrachten"

Im Kontext der Generationen

Jetzt, rund vierzig Jahre später, schaut sie wieder auf diese, ihre Familie. Sieht sich jetzt aber im Kontext der Generationen, in einem Geflecht aus Begrenzungen und Beschränkungen, Scheitern und zum Teil tragischen Abstiegen. Charlotte heißt das Alter ego, ihre literarische Stellvertreterin im Buch. Die sitzt – so die Rahmenhandlung – mit der Nichte Alma und deren italienischem Freund am Meer und stellt sich den Fragen und Kommentaren der nächsten Generation. Neugierig sind sie, die Jüngeren, kritisch, verwundert und gleichzeitig unbefangen: sie haben sich dem Zwang der Tradition entzogen, können gerechter und großzügiger sein. Auch bei der eigenen Großmutter:

"Eine einsame, schrullige alte Frau, von allem abgeschottet, so habe ich sie erlebt, sagte Alma. Vergiss nicht, sagte Carlo, die schrullige einsame alte Frau hast du erst viele Jahre später im Torhaus erlebt. Man kann nicht einfach eine ganze Generation überspringen. Überspringen macht nicht ihr Leben."

Die Falle der eigenen Geschichte

Die Autorin tastet sich an die Vergangenheit heran, sieht und erinnert Bilder, mal scharf, mal verschwommen, interpretiert sie, vermutet, verlängert. Gibt den oft nur schemenhaft gebliebenen Figuren Charakter, Liebe und Ängste, Verlogenheit und Hass. Zuerst der Elterngeneration, die – Krieg hin oder her – anfangs noch mit sturer Selbstverständlichkeit den alten Normen folgt, in ein Korsett gepresst, das erst Risse bekommt, als ein wirtschaftliches Desaster nach dem anderen die alte Gutsbesitzerherrlichkeit korrodieren lässt. Ländereien und Häuser werden verkauft, die Sippe zerstreut sich.

"Ich bin in die Falle gegangen, sagte Charlotte. In die eigene, die der eigenen Geschichte. Ich spreche von so vielen Leuten, die sind so unbequem tief in mir drin, irgendwo sagte ich: Familienflutung, und es tritt wieder einmal klar zutage, dass das Festhaltbare, die Bilder, Porträts aus vergangener Zeit für sich größeren Raum und klarere Konturen beanspruchen als alles Gegenwärtige."

Mit erwachsener Gelassenheit

Charlotte gehört zur Zwischengeneration, Bindeglied zwischen den Alten, die auf der Tradition beharrten, und den Jungen, die sich wie ihre Nichte Alma von der Familienvergangenheit nur herauspicken, was ihrem Leben Farbe gibt und Anker, und ansonsten ungestüm und ungehindert der eigenen Zukunft entgegenstürzen. Ein weites Panorama also: vom schneidigen Leutnant der Kaiserzeit bis zum Onkel, der als drogenabhängige Tunte in New York krepiert, von den schweigenden Ehefrauen bis zu den widerständig freien Nachfahrinnen, von´m politischen Reaktionärstum zum modernen Kosmopolitismus.

In "Die Unerwünschte" kann Elisabeth Plessen mit erwachsener Gelassenheit urteilen. An die Stelle narzistisch-einseitiger Befangenheit ist der Blick auf das viel kompliziertere Geflecht aus sozialen und psychischen Abhängigkeiten in einer großen Sippe getreten. Keine Autobiographie, sondern ein Roman – weil vieles aus der Vergangenheit eben doch nur vermutet und durch Phantasie ergänzt werden kann.

"Mein Familienlexikon ist noch nicht zu Ende - die höchst selten hervorbrechenden, leise zurückgehaltenen, dezent implodierenden Dramen dieser Menschen und meiner eigenen, - wie denn auch bei dem zahlenmäßig beachtlichen Nachwuchs."

Nachdenklich und klug

Als Leser braucht man trotz hilfreichem Stammbaum anfangs Zeit und Geduld, um sich durch das Gewirr von Namen und Beziehungen zu kämpfen. Und auch der intellektuell-nachdenklichen Sprache, durchaus poetisch, hätte öfter mehr blutvolle Griffigkeit gut getan. Doch Elisabeth Plessens "Die Unerwünschte" fesselt dennoch, nachdenklich und klug: eine Familiengeschichte auch als deutsche Gesellschaftsgeschichte.

Elisabeth Plessen: "Die Unerwünschte"

WDR 3 Buchrezension 27.03.2019 05:54 Min. WDR 3

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Stand: 25.03.2019, 19:50