Elif Shafak - Unerhörte Stimmen

Elif Shafak, Unerhörte Stimmen

Elif Shafak - Unerhörte Stimmen

Von Stefan Berkholz

Elif Shafak hat mit dem Roman „Unerhörte Stimmen“ Frauenfiguren geschaffen, die so etwas wie eine Gegenwelt darstellen. Es ist ein Roman für eine freie, demokratische und solidarische Türkei.

Elif Shafak
Unerhörte Stimmen

Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Kein & Aber, Zürich 2019
432 Seiten
24 Euro

So etwas wie eine Gegenwelt

Istanbul ist eine weibliche Stadt, behauptet die Feministin Elif Shafak in ein paar Zeilen vorneweg. Und so hat sie in diesem Roman mit ihren Frauenfiguren so etwas wie eine Gegenwelt geschaffen, der Wirklichkeit zum Trotz.

"As a woman I worried about the fact that especially after certain hours streets belong to men, public squares belong to men. So to me it‘s very important to bring more women into the public space. We need that for egalitarian society.

Übersetzung: Als Frau mache ich mir Sorgen, dass zu bestimmten Stunden die Straßen und Plätze allein den Männern gehören. Für mich ist es sehr wichtig, mehr Frauen in den öffentlichen Raum zu bringen. Das brauchen wir für eine egalitäre Gesellschaft."

Leila hat keine Chance

Die Hauptfigur Leila ist eine vom Schicksal geprügelte junge Frau aus ärmsten Verhältnissen, sie stammt aus Van in Ostanatolien, nahe der iranisch-türkischen Grenze. Leila wurde einst vom Onkel in der Kindheit missbraucht, sie flüchtet nach Istanbul, wird dort erneut missbraucht, und landet mit 16 Jahren in einem Bordell. Leila hat keine Chance. Wir befinden uns im Jahr 1963.

"My characters are outcasts. They are not rich people, they are not privileged people, they are not empowered in any way. Life for them is even tougher. I’m writing about sexworkers, I’m writing about transgender sexworkers, prostitutes or people who are very lonely, and very vulnerable. And they have no legal protection, no social protection. So for them the harshness of the city is even deeper. I wanted to reflect that.

Übersetzung: Meine Charaktere sind Ausgestoßene. Sie sind nicht reich oder privilegiert, sie haben keinerlei Unterstützung. Das Leben für sie ist sehr schwierig. Ich schreibe über Sexarbeiter, ich schreibe über Transgender-Sexarbeiter, Prostituierte oder Menschen, die sehr einsam sind und verletzlich. Sie haben keinerlei Schutz, weder rechtlich noch sozial. Das Raue der Stadt ist für sie noch schmerzlicher. Das wollte ich darstellen."

Geist, Körper, Seele

Die Autorin Elif Safak

Elif Safak

In drei Teile gliedert Elif Shafak ihren Roman. Im ersten Teil, "Geist", erzählt die Schriftstellerin vom Leidensweg ihrer Hauptfigur Leila; im zweiten Teil, "Körper", erfahren wir in kurzen Abschnitten die Zeit nach Leilas Tod und erst in diesem Kapitel, welche Bedeutung Leila für ihre Freunde hatte und dass es neben ihrem Unglück auch glückliche Momente gegeben hat; im kurzen Teil 3, "Seele", entwirft Shafak schließlich ein märchenhaftes Ende, eine Befreiung nach dem Tod, und die Solidarität jener, die wenig Solidarität in ihrem Leben erfahren haben.

"I’m a big believer in global sisterhood and solidarity particularely among women. […] Being unable to go to Turkey, just feeling on outside, brought me even closer to outsiders. In all my fiction I have tried to give voice to minorities, to culture minorities, ethnic minorities, sexual minorities, anyone who feels like the others. I wanted to embrace their story and make other people understand.

Übersetzung: Ich glaube fest an globale Schwesternschaft und Solidarität, insbesondere unter Frauen. […] Da ich nicht in die Türkei gehen konnte und mich außen vor fühlte, kam ich Außenseitern noch näher. In all meinen Erzählungen habe ich versucht, kulturellen, ethnischen, sexuellen Minderheiten eine Stimme zu geben. Ich wollte ihre Geschichte aufgreifen und anderen Menschen verständlich machen."

Fundamentalismus und archaische Sitten

Shafak streift religiösen Fundamentalismus und archaische Sitten, sie skizziert das Schicksal von Armeniern und Kurden, sie erzählt von einem tief zerrissenen Land. Über Istanbul finden sich Sätze, die ganz gegenwärtig wirken.

"Istanbul war eine fließende Stadt. Nichts hatte hier Bestand, nichts war hier ein für alle Mal entschieden. […] Wahrscheinlich flohen die Pessimisten als Erste aus dem Gebiet, während die Optimisten abwarteten, wie sich die Dinge entwickelten. Eine der zahllosen Tragödien der menschlichen Geschichte bestand darin […], dass die Pessimisten eher überlebten als die Optimisten und die Menschheit somit die Gene derer weitergab, die nicht an die Menschheit glaubten."

Themen voller Tabus

Elif Shafak schreibt sehr einfach. Auch "Unerhörte Stimmen" lässt sich in einem Rutsch lesen. Doch die Schriftstellerin streift in ihren Romanen Themen voller Tabus. Damit macht sie sich in einem despotisch regierten Land unmöglich. Im Gespräch erläutert die Schriftstellerin, warum sie ihre Romane heutzutage auf Englisch schreibt.

"If I’m writing about melancholy, longing, sadness I think I find it easier to express these things in turkish. But humor, irony, satire is much easier in English. […] Writing in English gives me maybe a sense of lightness. Because the subjects that I deal with are very heavy. And I need a little bit of space and a little bit of cognitive distance which helps me to analize things with more calmness. I like calmness.

Übersetzung: Wenn ich über Melancholie, Sehnsucht und Traurigkeit schreibe, finde ich es einfacher, diese Dinge auf Türkisch auszudrücken. Aber Humor, Ironie und Satire sind auf Englisch viel einfacher. […] Das Schreiben auf Englisch gibt mir vielleicht ein Gefühl von Leichtigkeit. Weil die Themen, mit denen ich mich beschäftige, sehr schwer sind. Ich brauche etwas Platz und auch Distanz, um die Dinge ruhiger analysieren zu können. Ich mag ruhige Darstellungen."

Eine Weltbürgerin im Exil

Seit drei Jahren hat Shafak es nicht mehr gewagt, in die Türkei zu reisen, seit zehn Jahren lebt sie in London. Sie fühle sich als Weltbürgerin, sagt sie, und sie ist stolz darauf. Ja, sie ist viel in der Welt herumgekommen, ihre Existenz in London fasst sie aber dennoch als Exil auf.

"Of course it’s exile. It is an exile. An exile it’s a difficult subject to talk about. Because sometimes it’s self imposed exile, sometimes it’s imposed from the outside. But this is a feeling that I’m very familiar with. All throughout my life I lived in very different countries. I live a very nomadic life. However I’m a very international soul. I lived in America, in Jordan, in Germany, in Turkey, in the UK. I lived in over twelve cities throughout my life. […] But of course it’s exile.

Übersetzung: Natürlich ist es ein Exil. Ein Exil ist ein schwieriges Thema. Manchmal ist es das selbst auferlegte Exil, manchmal wird es von außen auferlegt. Ich lebe sehr nomadisch, ich bin eine sehr internationale Seele. Ich habe in Amerika gelebt, in Jordanien, in Deutschland, in der Türkei, in Großbritannien, in über zwölf Städten. […] Aber natürlich lebe ich im Exil."

"Unerhörte Stimmen" ist ein Roman gegen Nationalismus und religiösen Fundamentalismus, gegen Militarismus und Männerherrschaft, gegen Aberglauben und archaische Sitten. Elif Shafak schreibt Romane für eine freie, demokratische und solidarische Türkei.

Elif Shafak - Unerhörte Stimmen

WDR 3 Buchrezension 17.07.2019 05:16 Min. Verfügbar bis 16.07.2020 WDR 3

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Stand: 15.07.2019, 15:51