Rüdiger Schaper - Elefanten / Holger Teschke - Heringe

Hörbuchcover:  "Elefanten. Ein Portrait" von Rüdiger Schaper

Rüdiger Schaper - Elefanten / Holger Teschke - Heringe

Von Christel Wester

Auch wenn Heringe und Elefanten im Mittelpunkt stehen: Die Hörbuchreihe "Naturkunden" erzählt immer auch Kultur- und Menschheitsgeschichte.

Holger Teschke: Heringe. Ein Porträt
Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky
Ungekürzte Lesung von Frank Arnold
DAV, 2 CDs mit Booklet, Laufzeit 2 h 32 min.

Rüdiger Schaper: Elefanten. Ein Porträt
Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky
Ungekürzte Lesung von Frank Arnold
DAV, 3 CDs mit Booklet, Laufzeit 3 h 18 min.

Naturkunden - R. Schaper "Elefanten" / H. Teschke: "Heringe"

WDR 3 Buchkritik 17.06.2021 05:19 Min. Verfügbar bis 17.06.2022 WDR 3


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Verdächtige Unterwassergeräusche

Von wegen: Fische sind stumm. Holger Teschke überrascht in seinem Porträt der Heringe mit anderen Erkenntnissen:

"Nicht nur Wale können Töne produzieren und wahrnehmen. Schon in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts konnten Ichthyologen im Umkreis von Heringsschwärmen zwischen Rügen und Hiddensee Töne aufzeichnen, die immer dann ertönten, wenn ein Schwarm sich sammelte oder von Tauchern gestört wurde."

Regisseur Torsten Feuerstein arbeitet für diese Hörbuchreihe mit dem Tierstimmenarchiv des Berliner Naturkundemuseums zusammen. Hier fand er auch die „Heringsfürze“, wie die Fischer diese Töne nennen.

Schwedische Meeresbiologen erkannten erst Anfang der 1990er Jahre in diesen Tönen, die Heringe mit Hilfe ihrer Schwimmblase erzeugen, ein ausgefeiltes Kommunikationssystem. Doch ihre Untersuchungen wurden jahrelang von der schwedischen Marine als geheim klassifiziert.

"Um eine Blamage des Militärs zu verhindern. Jahrelang hatte die Admiralität vermeintlichen sowjetischen Atom-U-Booten nachgespürt, die sie für die Urheber der verdächtigen Unterwassergeräusche hielt. Am Ende war es dann nur ein Heringsfurz."

Elefantengeschichten

Diese Anekdote ist charakteristisch – nicht nur für Holger Teschkes Porträt der Heringe, sondern für die ganze Naturkunden-Reihe. Denn die Geschichten von den Tieren erzählen immer mindestens genauso viel über die Menschen. So sagt denn auch Rüdiger Schaper in seinem Elefanten-Porträt:

"Elefantengeschichten sind Menschengeschichten, schon weil wir und nicht die Elefanten sie erzählen."

Regisseur Torsten Feuerstein lässt die Elefanten dennoch auch selbst zu Wort kommen. Untereinander kommunizieren Elefanten jedoch meist in hochfrequenten Lauten, die das menschliche Ohr nicht wahrnehmen kann. Wie überhaupt die vermeintlichen Dickhäuter sensible Artgenossen sind, deren Haut an vielen Stellen sogar ausgesprochen zart ist, wie Rüdiger Schaper bei einer Elefantensafari in Thailand aus eigener Anschauung erfahren konnte.

"Es ist eigentümlich, auf einen Elefanten zu klettern. Kein Metallzaun, kein Wassergraben zwischen uns wie im Zoo, kein Scheinwerfer und Trommelwirbel wie im Zirkus. Das verstärkt noch das Ereignishafte: Du allein und das Tier. Seine Haut. Sie fühlt sich weich an."

Das Silber des Meeres

Die Autoren dieser Tierporträts sind keine Biologen und auch keine Naturwissenschaftler, ihr Interesse gilt der Kulturgeschichte. Das spürt man in jedem Satz. Ihren jeweiligen Tieren nähern sich beide Autoren über eine sehr persönliche Perspektive, in die der Sprecher Frank Arnold mit großer Einfühlsamkeit hineinschlüpft.

"Ich bin mit dem Hering aufgewachsen."

Holger Teschkes Heimatstadt Sassnitz auf Rügen war einer der wichtigsten Fischereihäfen an der Ostseeküste der DDR.

"In meinen Kindertagen holten die Familien ihre Seemänner nach den Fangreisen noch am Anleger ab. Und so stammen meine ersten Erinnerungen aus dem Sassnitzer Hafen."

Holger Teschkes Vater war Heringsfischer und brachte seinem Sohn schon früh bei, wie man die Fische schlachtet und filetiert. Er kennt sich aus mit Fangmethoden, ist selbst Ende der 1970er Jahre auf einem Fischereischiff zur See gefahren und hat auch in einer Fischfabrik gearbeitet. Sein Verhältnis zum Hering ist leidenschaftlich und emotional. Er weiß nahezu alles über diesen Fisch, der früher einmal als "Silber des Meeres" galt und um den Kriege geführt wurden.

Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Herings

Ohne Hering keine Großmächte, sagt Teschke. Er verfolgt die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Herings vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart und spickt seine Erzählung mit vielen Anekdoten.

"Meine Mutter erinnerte sich an den Fischer Stübber-Koch, der seine frischen Heringe auf einem Karren durch den Ort schob und dabei ausrief: 'Hering, Hering, so dick wie Hermann Göring.' Das brachte ihm Ärger mit der NSDAP-Ortsgruppe ein, der er nach einer Vorladung zusichern musste, nicht mehr mit dem gereimten Reichsmarschall zu werben. Deshalb rief er bei seiner nächsten Runde durch die Stadt: 'Hering, Hering, so dick wie vor zwei Tagen, ich darf’s bloß nicht mehr sagen.'"

Das Leiden der Elefanten

Holger Teschke ist auch in allen Gattungen der Kunst auf Heringsfang gegangen. So wie Teschke den Hering auf der Bühne, in der Literatur und auf der Leinwand aufspürt, erzählt auch Rüdiger Schaper zahlreiche literarische Elefantengeschichten und beschäftigt sich ebenfalls mit der Rolle des majestätischen Rüsseltiers in den Religionen. Vor allem aber beleuchtet Schaper die vielen Grausamkeiten, die der Elefant durch den Menschen erfuhr – als Entertainer, Kriegswerkzeug und Jagdtrophäe.

"Die Menschheit hat den Elefanten zum Sklaven und zum König gemacht."

Auch der Hering galt einmal als der König der Fische und dann wieder als Armeleutespeise. Ihm wurden magische Fähigkeiten zugesprochen und er ist wie der Elefant vom Aussterben bedroht.

Stand: 16.06.2021, 16:57