Juan José Martínez - Man nannte ihn El Niño de Hollywood. Leben und Sterben eines Killers der Mara Salvatrucha.

Juan José Martínez - Man nannte ihn El Niño de Hollywood. Leben und Sterben eines Killers der Mara Salvatrucha.

Juan José Martínez - Man nannte ihn El Niño de Hollywood. Leben und Sterben eines Killers der Mara Salvatrucha.

Von Kersten Knipp

Alle gegen alle: Die beiden Brüder Oscar und Juan José Marínez erzählen am Beispiel eines 2014 ermordeten Gangmitglieds vom Elend Lateinamerikas.

Óscar Martínez, Juan José Martínez
Man nannte ihn El Niño de Hollywood. Leben und Sterben eines Killers der Mara Salvatrucha.

Übersetzt von Hans-Joachim Hartstein
Verlag, Antje Kunstmann, München 2019
320 Seiten
25 Euro

El Niño de Hollywood

Miguel Ángel Tobar, genannt El Niño de Hollywood, wurde 30 Jahre alt. Im November 2014 wurde er von mehreren Kugeln aus dem Leben gerissen, abgefeuert von Mördern, wie er selber einer war. Dass es so kommen würde, wusste Tobar seit rund fünf Jahren, seit er Mitglieder seiner Gang, der Hollywood Mara Salvatrucha, an die Polizei verraten hatte. Tobars kurzes Leben weist weit über sich hinaus. In ihm spiegeln und konzentrieren sich die letzten 150 Jahre der Geschichte El Salvadors.

Óscar Martínez

Óscar Martínez

Es ist eine Geschichte der Gewalt, so umfassend, dass die, die sich auf der falschen Seite – der Seite Schwächeren – befinden, kaum Chancen haben, ihr zu entkommen. Welchen Problemen Männer wie Tobar gegenüberstehen: Das haben der Journalist Óscar Martínez und sein Bruder, der Anthropologe Juan José Martínez, in ihrem gründlichst recherchierten, auf jahrelanger Arbeit gründendem und zudem höchst spannend zu lesenden Buch "El Niño de Hollywood" ausführlich dargestellt. Überzeugend zeigen sie, wie junge Menschen aus den Armenvierteln in El Salvador in eine Situation geboren werden, die stärker ist als sie selbst, und in der Gewalt für sie zum selbstverständlichen Lebensstil wird.

"Sie fanden den Sinn ihres Lebens in der Rivalität zu anderen, lebten einzig und allein dafür, die anderen zu schikanieren und sich nicht von ihnen schikanieren zu lassen. So waren sie mit den anderen untrennbar verbunden. Um sich zu definieren, brauchten sie das Gegenüber. Es waren Hunderte desorganisierter Splittergruppen, die aus mit Fahrradketten, Rohren und Macheten bewaffneten Kindern und Jugendlichen bestanden. Alle gegen alle. Einfach so."

Gesetz gegen Faulheit

El Salvador: im 19. Jahrhundert Exportland des aus der jiquilite-Pflanze gewonnenen Färbemittels Indigo. Doch dann gelingt es dem Chemiker William Henry Perkin im fernen Großbritannien, den Farbstoff synthetisch herzustellen. Die Produzenten in El Salvador gehen binnen weniger Jahre in den Ruin. Bald darauf beginnen sie den Kaffeeanbau. Die empfindliche Pflanze braucht enorme Pflege. Die entsprechenden Kräfte finden die Großgrundbesitzer unter den Indigenen. Ein so genanntes "Gesetz gegen Faulheit" stellt es unter Strafe, erwerbslos zu sein. Zehntausende Indios werden in die Zwangsarbeit getrieben.

Juan José Martínez

Juan José Martínez

Ihr Zorn entlädt sich 1932 in einem weite Teile des Landes umfassenden Aufstand. Der wird niedergeschlagen, doch die sozialen Verhältnisse bleiben. Die Ermordung des Erzbischofs Oscar Romero 1980 gibt den Startschuss zu neuer Gewalt – einem Bürgerkrieg, der seine Kraft ebenfalls den sozialen Missständen des Landes verdankt. 11 Jahre Bürgerkrieg – geführt nicht zuletzt mit zahlreichen zwangsrekrutierten Jugendlichen aus den Armenvierteln. Zahllose von ihnen fliehen als illegale Migranten in die USA, vor allem nach Los Angeles. Nicht wenige haben zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre Kampferfahrung hinter sich.

"Sie verstanden Los Angeles nicht, und Los Angeles verstand sie nicht. Und doch hielt die Stadt ein Geheimnis für sie bereit, das sie faszinieren sollte. AC/ DC, Slayer, Black Sabbath […] Heavy Metal. Laute, harte Musik, ganz anders als die Rancheras und Balladen, die in den salvadorianischen Dörfern zu hören waren. Lange Haare, Ketten und schwarze Stiefel wurden zu Identifikationsmerkmalen. Was in der Geschichte des Rock nur ein kleines, fast bedeutungsloses Detail war, ermöglichte den rauen Flüchtlingen, sich um ein Symbol zu scharen, mit dem sie sich identifizieren konnten."

Bandenkriege mit bislang unbekannter Gewalt

Es folgen Bandenkriege. In den vernachlässigten Vierteln kämpfen die langsam sich entwickelnden Gangs aus El Salvador gegen die Banden aus Mexiko wie auch gegen die der Afro-Amerikaner. Schritt für Schritt setzen sich die kriegserfahrenen Salvadorianer mit bislang unbekannter Gewalt gegen die anderen Gangs durch. Zugleich schließen sie sich zusammen zu einem riesigen Verband. Dessen Name: Mara Salvatrucha. Anfang der 90er Jahre werden die ersten Gangmitglieder auf politischen Druck zurück aus den USA in ihre Heimat gebracht. Eine verhängnisvolle Entscheidung: in den schwachen Sozialstrukturen El Salvadors radikalisiert sich das Bandenwesen in nicht gekannter Weise.

"Die Abschiebung der Bande war ein misslungener Schachzug der US-amerikanischen Behörden, auch wenn sie glaubten, dass sie das Problem damit lösten. Sie warfen sie hinaus, doch die Aktion wurde zum Bumerang. Das sollte sich später zeigen, als die abgeschobenen Bandenmitglieder nach Jahren illegal zurückkamen, um ganze Stadtviertel von New York, in Virginia, in Maryland oder von Houston zu erobern."

Wo Menschen keinen Grund zur Hoffnung

Óscar und Juan José Martínez haben ein faszinierendes und vor allem unendlich kluges Buch geschrieben. Wie unter einem Mikroskop lässt sich die Entstehung einer Bandenkultur verfolgen, die sich längst zum organisierten Verbrechen entwickelt hat und einem ganzen Land zusetzt. Das aus zahlreichen kleinen, wie in einem Kriminalroman stets aus neuer Perspektive erzählenden Kapiteln zusammengesetzte Buch macht wieder und wieder deutlich: Wo Menschen keinen Grund zur Hoffnung haben, greifen sie zu Gewalt - wenn es sein muss, auch zur äußersten.

Ó. und J. J. Martínez: - "Man nannte ihn El Niño de Hollywood"

WDR 3 Buchkritik 13.12.2019 05:35 Min. Verfügbar bis 12.12.2020 WDR 3

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Stand: 09.12.2019, 17:50