Yavuz Ekinci - Die Tränen des Propheten

Yavuz Ekinci - Die Tränen des Propheten

Yavuz Ekinci - Die Tränen des Propheten

Von Stefan Berkholz

"Die Tränen des Propheten" ist der zweite Roman des türkischen Schriftstellers Yavuz Ekinci, der auf Deutsch erschienen ist. Ein Gleichnis auf die Blindheit und Gewalttätigkeit des Menschen.

Yavuz Ekinci
Die Tränen des Propheten

Aus dem Türkischen von Oliver Kontny
Verlag Antje Kunstmann, München 2019
208 Seiten
18 Euro

Der Mensch sieht nicht, hört nicht, ahnt nicht

Babylonische Zeiten werden in diesem Roman angedeutet, apokalyptische Zustände. Der Mensch sieht nicht, hört nicht, ahnt nicht; er lärmt vor sich hin, lässt sich treiben, zerstört Natur, Umwelt, Vertrauen, Partnerschaft. Der Mensch hat seinen Verstand, Würde und Moral verloren. So war das immer schon, die Geschichte des Menschen ist blutig: Vertreibungen, Pogrome, Jagd auf Minderheiten, all das hat auch die Große Stadt, von der die Rede ist, schon gesehen.

"Als das Zeitalter der Katastrophen anbrach, überstürzten sich die Ereignisse in der Großen Stadt. Menschen mit Schaum vor dem Mund, blutunterlaufenen Augen, Hass in der Seele und Finsternis im Herzen stürmten in die Straßen, in denen Griechinnen, Armenier, Jüdinnen, Aramäer, Chaldäerinnen und Kurden lebten, und brachen in ihre Häuser ein. Eine Wolfsmeute mit Säbeln und Beilen ging auf Menschenjagd. Sie plünderten und raubten, vergewaltigten und mordeten."

Verzeiht das Unverzeihliche

Mehdi ist Informatiker. Er ist einer der letzten Aufrechten, sensibel, mitfühlend, das Leiden anderer auf sich nehmend, "vom Gram gezeichnet", heißt es. Mehdi erträgt den Lärm in den Straßen nicht, er leidet unter der Rücksichtslosigkeit der Menschen, er vertieft sich in die heiligen Bücher der Weltreligionen. Und irgendwann fühlt er sich erleuchtet, meint, die Stimme des Erzengels Gabriel vernommen zu haben, glaubt, von fern gesendet zu sein und die Menschen nun aufklären zu müssen über ihr Unglück.

"Die Erde brennt. Alles ist voller Sünde: Hass, Missgunst und Zorn haben die Herzen in Beschlag genommen. Ihr Menschen, hütet euch vor den Wölfen in Schafspelzen! Und verzeiht einander. Verzeiht das Unverzeihliche. Vergebt das nicht zu Vergebende. Wisset, dass die Welt ein Ort der Prüfung ist. Die Welt ist nur der Schatten eines Baumes“, sprach Mehdi und öffnete seine beiden Arme gen Himmel. „Tut Buße! Kehret um! Ich bin Gottes Knecht und Gesandter. Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe“, fuhr er fort.

Yavuz Ekinci: "Die Tränen des Propheten"

WDR 3 Buchrezension 09.12.2019 05:42 Min. Verfügbar bis 08.12.2020 WDR 3

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Eine große Prüfung

Hohn und Spott und Gewalt erntet der selbst ernannte Prophet. Mag ja sein, dass er verrückt ist, wer will das wissen? Aber Mehdi spricht Dinge aus, die andere nicht mal denken; er sieht Schemen im Nebel, die andere nicht ahnen; und er erkennt Abgründe, die andere verleugnen. All die Demütigungen aber durch die Unberührbaren begreift er als große Prüfung, der er standzuhalten hat, wie die Heiligen Schriften es ihm nahelegen.

Yavuz Ekinci

Yavuz Ekinci

"In unserem Zeitalter Prophet zu sein, war schwer. Die Menschen waren nicht mehr wie damals. Sie hatten sich komplett verändert. Niemand glaubte mehr an irgendwas. Skeptizismus hatte sich in unserer Gesellschaft ausgebreitet wie ein Geschwür. Ich hatte dem Friseur Musa, dem Fischer Yunus und dem Bäcker Ibrahim eröffnet, dass ich Prophet war, und sie hatten mich gefragt, ob ich ein Wunder gewirkt hätte, und wenn ja, welches. Ich hatte meiner Frau anvertraut, dass ich Prophet war. Sie hatte mir gesagt, ich wäre schizophren und sie hätte Angst vor mir, hatte unsere Tochter genommen und mich verlassen. In unserem Zeitalter Prophet zu sein, war schwer."

Mehdi lässt sich durch die Stadt treiben.

Er entdeckt alte Stadtviertel, beobachtet die Menschen, hofft auf Erlösung, hofft, dem Erzengel Gabriel zu begegnen und als Auserwählter gesegnet zu werden, eine Sendung zu erfüllen, doch er erreicht die Menschen nicht. Alle sind wie in ein Kokon eingesponnen, alle sind genervt. Großstädter auf der Flucht vor sich selbst. Und mit der "Großen Stadt" ist gewiss Istanbul gemeint.

"Ich sah das Meer südlich des Turms, den Fluss, dessen Nebenarme sich durch die Große Stadt zogen, die Häuser mit ihren Dächern, die Wolkenkratzer, die gigantischen Krankenhäuser und die Minarette, die sich in die Höhe reckten. Und ich dachte wieder an die Blicke der Menschen in der Metro, an die Lästereien der Nachbarn in meinem Viertel, an das höhnische Lachen der jungen Männer unten in der Kirche und wurde tieftraurig."

Ich denke gar nicht daran, wegzugehen.

In seinem literarischen Werk befasst sich Yavuz Ekinci vorrangig mit dem Leben der Kurden in der Türkei. Ekinci ist selbst Kurde. Insofern sei er persönlich ein Teil des kurdischen Problems, sagt er. Für ihn aber dennoch kein Grund, ins Ausland zu gehen. Er arbeite als Kurde an einer staatlichen Schule in Istanbul und sei dort bisher auch nicht diskriminiert worden. Und wenn sich die Situation in seiner Heimat weiter verschärfe?

"Ich denke gar nicht daran, wegzugehen. Exil bedeutet, dass man vertrieben wird. Und ich hoffe natürlich, dass ich nicht vertrieben werde. Ich kann mir im Moment nicht so recht vorstellen, ob ich mich fürs Exil entscheiden würde oder für die Alternative, die dann drohen würde. Aber ich weiß sehr, sehr gut, dass ein erzwungenes Exil so schlimm sein kann wie der Tod."

Propheten zählen nichts

Der Roman "Die Tränen des Propheten" ist nicht so zwingend gestaltet wie Ekincis vorangegangener Roman, "Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam". Dort war es das Warten auf den Krieg, hier ist es das Warten auf die Apokalypse. Auch im neuen Roman spielt der Schriftsteller mit Mythen und Legenden, mit dem Stoff aus Bibeln. Doch Ekinci greift hier zu allerlei Wiederholungen, Situationen und Ereignisse ähneln sich, der Ausgangsplot – Propheten zählen nichts unter den Menschen - erschöpft sich. Zuletzt deutet der Schriftsteller leise Hoffnung auf ein Innehalten an. Der Leser darf aufatmen.

Stand: 07.12.2019, 13:54