Philipp Blom - Eine italienische Reise. Auf den Spuren des Auswanderers, der vor 300 Jahren meine Geige baute.

Philipp Blom, Eine italienische Reise. Auf den Spuren des Auswanderers, der vor 300 Jahren meine Geige baute.

Philipp Blom - Eine italienische Reise. Auf den Spuren des Auswanderers, der vor 300 Jahren meine Geige baute.

Von Werner Wettersheim

Der Historiker und Amateur-Geiger Philipp Blom versucht herauszufinden, wer vor 300 Jahren sein Instrument gebaut haben könnte. Seine Recherche besticht durch eine Fülle von Erkenntnissen zur Geschichte des Geigenbaus.

Philipp Blom
Eine italienische Reise.
Auf den Spuren des Auswanderers, der vor 300 Jahren meine Geige baute.

Hanser, München 2019
317 Seiten
26 Euro

Sie klang jämmerlich

In Amsterdam, in der kleinen Werkstatt eines Geigenbauers, hat sich Philipp Blom in das Instrument verguckt. Es schien dort, im Halbdunkel, nur darauf gewartet zu haben, von ihm entdeckt zu werden. Zuerst fällt ihm nur das Äußere auf – die Schlankheit des hölzernen Körpers, die aufwärts strebenden Linien mit den sorgsam geschnitzten und auffallend senkrecht stehenden F-Löchern, schließlich der schöne, wenn auch etwas kleine Kopf. Die Violine ist etwas ganz Besonderes, und sie hat ohne Zweifel Charakter. So nimmt er sie mit zu sich nach Hause – zur Probe. Dort die erste Enttäuschung: Ihre Stimme gefällt ihm nicht; sie stößt ihn regelrecht ab. Blom schreibt:

"Sie klang jämmerlich; dünn und kellerfeucht, schrill und hohl, als hätte der Klang sich tief in ihrem Inneren verschanzt."

Der Ton wurde wärmer

Philipp Blom lässt aber nicht locker, spielt intensiv auf der Violine, bis dann nach einigen Tagen…

"… neue Resonanzen erschienen, der Ton wurde wärmer und tragender, auf der untersten Saite entstanden dunkel gemaserte Klänge, warm und hauchend wie die Stimme einer Jazz-Sängerin, die kein einfaches Leben gehabt hat, eine Stimme, die Freude und Leiden gleichermaßen tief in sich aufgesogen hatte."

Offenbar also eine Geige mit einer schönen Seele. Kein Wunder, dass Bloms Historiker-Neugier geweckt wird. Wo mag das Instrument gebaut worden sein? Und von wem? Und wann? Von welchen Kriegen könnte die Geige erzählen, von welchen gesellschaftlichen Umstürzen und kulturellen Moden?

Forschungsarbeit wie ein Detektivroman

Der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom

Philipp Blom

Viele Monate lang gibt er sich einem wahren Rechercherausch hin, arbeitet die erreichbare Fachliteratur durch, filzt Masche für Masche das weltweite Netz und besucht einen Experten nach dem anderen. Für den Leser hat die Schilderung seiner Forschungsarbeit etwas von einem Detektivroman, dessen Auflösung man entgegenfiebert. Leider lässt die Spannung aber rasch nach. Denn der Autor verrennt sich öfters in einem Gewirr von Haupt- und Nebenstraßen und noch mehr Sackgassen. Dass er auch noch seiner Vorliebe für das autobiografische Schildern seiner körperlichen, psychischen und finanziellen Krisen nachgibt, macht die Sache nicht konziser. Und trotzdem; es steckt viel Interessantes in den aufgetürmten Faktenhaufen.

Zum Beispiel die Geschichte vom Aufstieg und Fall der Lauten- und Geigenmacherstadt Füssen im Allgäu. Sie belieferte einstmals halb Europa mit Instrumenten und Einzelteilen von hoher Qualität. Doch der Dreißigjährige Krieg und die Verlagerung wichtiger Verkehrsverbindungen brachen dem Ort wirtschaftlich das Genick. Der Raubbau an den Baumarten, die für den Instrumentenbauch unverzichtbar sind, verschärfte die Situation zusätzlich. Der Füssener Geigenmachernachwuchs konnte in seiner Heimat nichts mehr werden und wanderte nach Venedig und nach Oberitalien aus. Ihre Familien sahen die Handwerksburschen niemals wieder. Mit der Schilderung einer Alpenüberquerung im 17. Jahrhundert ist Blom ein echtes Kabinettstück gelungen: Man kann gut nachempfinden, dass in vortouristischen Zeiten die Alpen alles andere als eine Attraktion waren, sondern ein Ort der Gefahren. Plötzliche Geröllabgänge; schmale, rutschige Wege am Rande schroffer Schluchten; wacklige Brücken, die oft nur auf dem Bauch rutschend zu überqueren waren – wer das einmal hinter sich gelassen hat, wollte sich kein zweites Mal ins Hochgebirge vorwagen. Es spricht viel dafür, dass Bloms Geige in Venedig von einem Allgäuer Auswanderer gebaut worden ist. Hannes, so nennt er den Erbauer seines Instruments. Eine erfundene Figur. Sie ist merkwürdigerweise gestaltet nach dem Vorbild eines 14jährigen, pubertierenden und unsicheren Jungkellners, den Blom in einem Restaurant nahe der Autobahn beobachtet hat. Der Violinenmacher-Hannes bleibt freilich blass und nichtssagend. Die Einführung dieser schwachen Kunstfigur kann auch nicht helfen, Greifbares über den Schöpfer von Bloms geliebter Violine zutage zu fördern.

Ich habe Geschichte gesucht und Geschichten gefunden

"Ich bin der historischen Wahrheit nicht so nahe gekommen, wie ich es gehofft und, um ehrlich zu sein, erwartet hatte. Jede Meinung kam flankiert von Argumenten, jede Gegenmeinung von Gegenargumenten. Ich habe Geschichte gesucht und Geschichten gefunden, und inzwischen weiß ich, dass auch offizielle Echtheitszertifikate und Gutachten großer Koryphäen meine eigenen Zweifel nicht ausräumen können, den letzten, hartnäckigen, nicht eliminierbaren Rest einer Möglichkeit, es könnte alles auch ganz anders gewesen sein."

Fast möchte man Philipp Blom trösten. So schlimm ist es doch gar nicht. Immerhin belohnt er den Leser fürs Durchhalten mit vielen kulturgeschichtlichen und instrumentenkundlichen Erkenntnissen - und manch schönem Seitenhieb gegen die Auswüchse des modernen, völlig überhitzten Handels mit alten Geigen.

Philipp Blom: "Eine italienische Reise"

WDR 3 Buchrezension 23.08.2019 05:19 Min. Verfügbar bis 22.08.2020 WDR 3

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Stand: 22.08.2019, 16:07