Jean-Philippe Blondel - Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel, Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel - Ein Winter in Paris

Von Jörg Aufenanger

Wir halten wesentlich mehr aus, als wir denken – der französische Autor Jean-Philippe Blondel verfolgt das Schicksal zweier Außenseiter im elitären französischen Bildungssystem.

Jean-Philippe Blondel
Ein Winter in Paris

Aus dem Französischen von Anne Braun
Deuticke Verlag, Wien 2018
189 Seiten
19 Euro

"Lieber Schriftsteller"

Hat man nur die ersten acht Seiten gelesen, ist man geneigt, das Buch wegzulegen, dermaßen bieder und banal ist es erzählt, Ein Lehrer kehrt mit seiner Familie aus den Sommerferien von Cap Breton nach Troyes zurück, in die Stadt, in der er seit seiner Geburt lebt. Das Meeresrauschen noch im Kopf schaut er widerwillig Mails durch, findet zudem einen Brief vor, den er nur zögernd öffnet. "Lieber Schriftsteller" liest er da. Vor etwa dreißig Jahren sei man einander mal begegnet, nun werde er eingeladen an den Ort von damals, nach Biscarosse. Darunter ein Name: Patrick Lestaing.

"Ich habe nicht weitergelesen. Ich habe mein Spiegelbild im Küchenfenster angestarrt. Ich hätte erwartet, dass sich mein Blick verschleiert. Aber nein. Ich lächelte. Ich sah mich lächeln. Es war der Anfang des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Ich war am Leben. Patrick Lestaing ebenfalls. Und er erinnerte sich an mich. Wir halten wesentlich mehr aus, als wir immer denken."

Jean-Philippe Blondel - Ein Winter in Paris

WDR 3 Mosaik 15.01.2019 04:51 Min. Verfügbar bis 15.01.2020 WDR 3

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Und schon packt die Geschichte den Leser.

Dieser rätselhafte Satz deutet ein besonderes, wohl einschneidendes Ereignis aus lang vergangener Zeit an. Und er erlaubt dem Autor, nun rückblickend davon zu erzählen und schon packt die Geschichte den Leser. 1984 geht der Icherzähler Victor nach Paris, besucht die Vorbereitungsklasse eines Lycées, um später an einer elitären École supérieure studieren zu können. Doch schnell begreift er, dass ihm die Zugangscodes fehlen, kulturell, sprachlich und die Kleiderordnung betreffend. Redlich bemüht er sich, sich anzupassen, doch vergeblich, lebt isoliert als kleinbürgerlicher Spross aus der Provinz.

Jean-Philippe Blondel

Jean-Philippe Blondel

Die Schüler aus gutbürgerlichen Familien reden nicht mit ihm, die Lehrer missachten ihn spöttisch. Blondel schildert anschaulich und mit Zuneigung für den Außenseiter die Elitebildung im französischen Bildungssystem. Deutsche Leser mag dessen hartes Ausleseprinzip befremden. Zu seinem eigenen Erstaunen schafft Victor die Prüfung und wird für das zweite Jahr zugelassen. Nun wechseln die anderen mit ihm immerhin gelegentlich einige Worte. Er aber freundet sich zaghaft mit Mathieu an, einem Schüler des ersten Jahrs, der ebenfalls aus der Provinz kommt, will ihn zu seinem Geburtstag einzuladen. Doch da passiert während des Unterrichts etwas, das einen Schock in dem Schülerleben auslöst:

"Plötzlich ein Beben. Das Geräusch von Holz, auf das geschlagen wird. Da durchschnitt auch schon ein Schrei die Worte, die sich in meinem Kopf bildeten. Durchdringend. Ein dumpfer Knall. Wir saßen alle Kerzengrade da, wie Salzsäulen. Mit weit aufgerissenen Augen. Halb geöffnetem Mund. Wir begriffen sofort. Jemand war gesprungen. Und bevor ich wusste was mich gepackt hatte, rannte ich die Treppen hinunter."

Ich wurde zu einer Vertrauensperson

Er, der Erzähler, sieht Mathieu am Boden liegen. Er war es also, der gesprungen ist, Blut fließt zwischen Victors Füße. Der Tod des Schülers stellt für kurze Zeit das rigide Schulsystem und die zynische Art der Lehrer in Frage. Bald aber geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Victor jedoch ist plötzlich als Freund des Opfers interessant, und selbst der arroganteste Mitschüler sucht, sich ihm anzufreunden.

"Ich wurde zu einer Vertrauensperson, einem Geheimnisträger, zum zukünftigen Schriftsteller von Romanen, die im Paris der achtziger Jahre spielen. Ich war begehrt. Ich entdeckte mein Talent zum Lügen, zum Romanschriftsteller. Mathieu ist zu meiner Romanfigur geworden."

Ein Roman mit tiefer Empathie und Herzenswärme

Raffiniert spielt Blondel da mit dem eigenen Ich, das irgendwann den Roman "Ein Winter in Paris" schreiben wird. Und diese Passagen, die von dem Freitod und seinen Folgen handeln sind szenisch und dramaturgisch großartig erzählt.

Da taucht jener Patrick Lestaing bei Victor in Paris auf, er ist der Vater von Mathieu, der zu verstehen sucht, warum sein Sohn in den Tod gesprungen ist. Immer wieder treffen sie sich und es entsteht eine komplizenhafte Freundschaft zweier Hinterbliebener. Victor besucht Patrick Lestaing gar in dessen Haus in Biscarosse. Inzwischen wachsen in ihm die Zweifel, ob er auf dem richtigen Weg ist. Soll er statt irgendwann der Pariser Bildungselite anzugehören nicht lieber zurückkehren nach Troyes, als einfacher Provinzlehrer? Der Roman ist konventionell erzählt, aber man folgt seiner Geschichte zunehmend gespannt. Mit tiefer Empathie und Herzenswärme zeichnet Blondel die drei Figuren, sein Alter Ego Victor, den jungen Mathieu und dessen Vater. Und darin wird auch der Grund für den Erfolg dieses Autors bei den Lesern liegen.

Stand: 15.01.2019, 09:20