Hisham Matar - Ein Monat in Siena

Buchcover: "Ein Monat in Siena" von Hisham Matar

Hisham Matar - Ein Monat in Siena

Von Katja Lückert

Die Stadt der 17 Contraden, des alljährlichen Reiterturniers, des Palio. Hisham Matar reist in die toskanische Stadt Siena, um seine Trauer um seinen Vater zu verarbeiten. Die Kontemplation vor den Bildern der Sieneser Schule hilft ihm dabei.

Hisham Matar: Ein Monat in Siena
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.
Luchterhand Verlag, München 2021.
261 Seiten, 20 Euro.

Hisham Matar: "Ein Monat in Siena"

WDR 3 Buchkritik 30.07.2021 03:47 Min. Verfügbar bis 30.07.2022 WDR 3


Download

Matars Verbindung zu Italien

Seit seiner Kindheit verbindet Hisham Matar viel mit Italien, nicht zuletzt die Sprache. Denn einige italienische Wörter sind während dreieinhalb Jahrzehnten italienischer Besatzung in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ins Libysche eingewandert. So wie "Marciapiede", der Bürgersteig, "Baracca" oder auch "cucina", die Küche.

Doch sind es vor allem die Bilder, die den Schriftsteller nach Siena ziehen. Seine Leidenschaft für Lorenzetti, Pistoletto und Giovanni di Paolo hatte vor dreißig Jahren begonnen. Kurz nachdem sein Vater verschwand, Matar war damals 19 Jahre alt, sah er die Bilder der Sieneser Malerschule zum ersten Mal in der National Gallery in London.

Der Verlust des Vaters

Sein Vater, ein politischer Dissident wurde in Kairo entführt und in einem libyschen Gefängnis zum Verschwinden gebracht, wie "Salz sich in Wasser auflöst", formuliert Hisham Matar. Dieser Verlust wurde zu Matars Lebensthema, das sich, untrennbar mit Siena verknüpfte.

"Die Sienesische Schule ist hoffnungsvoll, aber auch schmeichlerisch, da sie Gemälde hervorbringt, die auf die Gegenwart, die Intelligenz und die Bereitschaft des Betrachters vertrauen, sich zu öffnen. Sie sind frühe Beispiele der später dominant werdenden Art von Kunst, in der ein Bild erst durch das Subjekt des Betrachters vollendet wird."

Kunstwerke in Siena

Hisham Matar mietet eine Wohnung in Siena. Während der ersten Tage begleitet ihn seine Frau noch bei seinen Streifzügen durch die Stadt. Er besucht verschiedene Kirchen und Museen, verbringt viele Stunden vor den Kunstwerken, die im Buch abgedruckt sind.

Etwa Lorenzettis Fresko mit den Auswirkungen von guter und schlechter Regierung im alten Rathaus von Siena. Lorenzetti war übrigens eines der ersten Opfer, als die Pest Mitte des 14. Jahrhunderts die Stadt heimsuchte.

"Die Pandemie hatte bereits viele seiner Zeitgenossen getötet. Verloren war ihre Erfahrung, verloren ihre Fähigkeit, die jüngere Generation auszubilden. Die meisten jungen Künstler waren jetzt ohne Lehrer und finanzielle Unterstützung."

Das geheime Zentrum der Stadt

Hisham Matar trifft alte und neue Freunde, streift durch die Gassen, begeistert sich für den muschelförmigen Platz, den die Sieneser schlicht "Il Campo" nennen und der wie ein geheimes Zentrum wirkt.

"Dort gelangt Siena an seine eigene Mitte, in die sich alles ergießt. Aber hier ist auch seine Quelle, hier treffen sich Anfang und Ende, die gegenläufigen Gezeiten, offen im Licht des Tages. Und es war, als hätten Diana und ich einen Ort betreten, der uns gehörte, an dem wir immer schon vorausgeahnt worden waren und, wie wir annahmen, auch nach unserem Weggang weiter erwartet würden. Ist das nicht zumindest eine Definition des Glücks, dachte ich, vorausgeahnt zu werden?"

Ein literarischer Kunst- und Stadtführer

In den 15 kurzen Kapiteln seiner poetischen Stadtbetrachtung erfährt der Leser einiges über das toskanische Siena, wo die Bindung an die Contrada, das Stadtviertel, so stark ist, dass man Kinder in einer Aufnahmezeremonie feierlich in die Fahne der jeweiligen Contrada einwickelt.

An zwei Tagen im Sommer treten die verschiedenen Stadtviertel, die Contraden, in einem Pferderennen, dem Palio, auf der Piazza del Campo gegen einander an. Hisham Matar hört von einem Einheimischen:

"Ich kann mich nicht erinnern, dass hier mal jemand ausgeraubt oder niedergestochen worden wäre. Meiner Meinung nach liegt das daran, dass wir einen Weg gefunden haben, jedes Jahr all unseren Irrsinn in diese zwei Tage zu pressen. Der Palio ist ein theatralischer Krieg, ein Schlachtenspektakel, und damit letztlich eine Feier der Koexistenz."

Über Siena als Traum- und Sehnsuchtsort, hat Hisham Matar einen literarischen Kunst- und Stadtführer der ganz besonderen Art geschrieben. Er beweist einmal mehr, dass wir uns auf jede Reise auch immer selbst mitnehmen.

Stand: 29.07.2021, 18:15