Jáchym Topol - Ein empfindsamer Mensch

Jáchym Topol - Ein empfindsamer Mensch

Jáchym Topol - Ein empfindsamer Mensch

Von Holger Heimann

Der Tscheche Jáchym Topol führt mit seinem neuen Roman in die Räume einer randständigen Welt, die weit entfernt ist von der beschaulichen Gemütlichkeit in bürgerlichen Wohnzimmern. In seiner Heimat hat das nicht allen gefallen.

Jáchym Topol
Ein empfindsamer Mensch

Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
494 Seiten
25 Euro

Eine Rückkehr zu alten Mustern?

Die Zeiten, da Schriftsteller in Europa von der Politik gemaßregelt wurden, weil sie in ihren Büchern angeblich zu negativ waren, sind seit der politischen Wende von 1989 vorbei. Dachte man. Doch womöglich erlebt Tschechien unter seiner so polarisierenden wie populistischen Staatsführung eine Rückkehr zu alten Mustern. Das jedenfalls glaubt der wohl wortgewaltigste tschechische Schriftsteller der Gegenwart Jáchym Topol:

"Ich bin sehr überrascht, dass in unserer Zeit die Literatur wieder zu einem Politikum geworden ist. Der ehemalige Präsidenten der Tschechischen Republik Václav Klaus jedenfalls hat einen äußerst aggressiven Artikel in einer durch und durch kommunistischen Sprache verfasst unter der Überschrift: „Kann der Schriftsteller Jáchym Topol ein Buch mit dem Titel ‚Ein empfindsamer Mensch’ schreiben?“ Das hat, glaube ich, mit dazu beigetragen, dass der Roman ein Erfolg wurde. Aufgrund dieser Besprechung haben sich Menschen das Buch gekauft, die sonst nicht lesen. Ich vermute, Leute wie Klaus stören sich daran, dass ich ein anderes Tschechien schildere, als die postkommunistischen Potentaten es sehen wollen."

Menschen am Rand

Jáchym Topol

Jáchym Topol

Topols Tschechien ist rau, anarchisch und schwer zu entziffern. Der Autor zeigt Menschen am Rand, die nicht vom Glanz der Hauptstadt beschienen werden. Der Baschta-Clan betreibt mitten im Wald sein Business: einen gigantischen Schrottplatz für Elends- wie Luxuskarossen, die auf einer Rampe ausgeweidet und neu zusammenmontiert werden. In den halbkriminellen Dunstkreis der eigentümlichen Unternehmer verschlägt es eine tschechische Künstlerfamilie nach einer längeren Odyssee durch ein unübersichtliches Europa. Die reisenden Komödianten, die Jáchym Topol in seinem Roman begleitet, sehen sich staunend wild-verwahrlosten Menschen gegenüber. Den Chef des Clans, den alten Baschta, beschreibt Topol so:

"Seine überhängenden Krötenlider triefen. Die Brust ist in ein Plastikkorsett eingezwängt, darunter quillt der Bauch aus einer roten Trainingshose. Aufgedunsenes, braungebranntes Gesicht. Die Arme, Holzscheite im Trainingsanzug. Handflächen mit einer harten, festen Schicht Fleisch bedeckt, mit lauter Schwielen von den Krücken. Aus seiner Wintermütze fallen ihm dichte, wuschelig graue Zotteln auf die Schultern. [...] Sein Atem pfeift und röchelt, der Alte holt ihn irgendwo tief aus dem Hals, der aus vertikalen ledrigen Talsenken besteht. Beim Reden hüpft ihm der Adamsapfel, das kleine, harte Ding."

Die Eigenarten der Menschen

Jáchym Topol hat einen untrüglichen Blick für die Eigenarten der Menschen. Er zeigt sie mit ihren Verletzungen und Schwächen, doch er stellt sie nicht bloß. Vor allem aber schreibt dieser Autor eine übermütig-karnevaleske Prosa und hinreißend überdrehte Dialoge in einem gebrochenen Tschechisch, das seine Übersetzerin einfallsreich ins Deutsche gebracht hat. Es ist eine Sprache, wie sie Topol den einfachen Menschen aus seiner Heimat abgelauscht haben mag.

Jáchym Topol: "Ein empfindsamer Mensch"

WDR 3 Buchrezension 24.04.2019 05:26 Min. Verfügbar bis 23.04.2020 WDR 3

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"Ich schreibe in dem Roman von vergessenen Leuten, die im Wald arbeiten und auf dem Land wohnen, die sich von billigen Lebensmitteln ernähren und viel Bier trinken. Ich schreibe über einen Ort, den ich gut kenne, und ein Bordell dort. [...] In dieses Dorf komme ich gerne zurück. Es ist mein großer Vorteil, dass ich kein Intellektueller bin. Ich durfte unter dem kommunistischen Regime nicht an der Universität studieren. Stattdessen habe ich bis ich 26 Jahre alt war ganz unterschiedliche Jobs gemacht. Ich war Heizer, Maurer. Ich spreche gern mit den Leuten, die ich im Buch beschreibe und glaube, ich kenne sie sehr gut."

Ein weltbekanntes Russenprodukt

Die Leute im Buch, die zum Beispiel Löti, Richie oder Knöllchen gerufen werden, verfallen am Ende des Romans auf die aberwitzige Idee, mit dem Schuss aus der Kanone eines Panzers die Hochzeit von einem der Baschta-Söhne in einem Bordell einzuleiten. Den russischen T 34 hat der Baschta-Clan aus einem Fluss geborgen und wieder fahrtüchtig gemacht. Welch ein Prachtstück den Russen 1968 beim Einmarsch in der Tschechoslowakei abhanden kam, wird dem staunenden Publikum rasch erklärt:

"Ein weltbekanntes Russenprodukt. So wie Kalaschnikow oder Topol-Rakete. Dieser Panzer hat die Trosse der Nazis zerstört, aber auch den Kommunismus in der DDR feingetunt, das war mal ein Teil von Deutschland, Jungens. 1950 hat diese Maschine das beschissene Nordkorea aus der Taufe gehoben, und sechsundfünfzig hat sie dann in Ungarn die antisowjetischen Rebellen zermanscht. Und insgesamt sechstausenddreihundert von diesen Stahlkäfern haben achtundsechzig die Tschechoslowakei plattgewalzt, das habt ihr wohl sicher in der Schule gelernt, was das für’n Staat war. Ist ’ne gute Maschine."

Der Sound des Ostens

Das ist der absurde, schräge Sound eines anarchisch-abenteuerlichen Ostens, der nicht zuletzt an einer schwierigen Vergangenheit trägt. Mit den Halbkriminellen, zwielichtigen Polizisten und geschäftstüchtigen Prostituierten, die diesen Roman bevölkern, führt Jáchym Topol in die Räume einer randständigen Welt und zeigt einen Alltag, der weit entfernt ist von der beschaulichen Gemütlichkeit in bürgerlichen Wohnzimmern.

Stand: 18.04.2019, 14:33