"Every" von Dave Eggers

Buchcover: "Every" von Dave Eggers

"Every" von Dave Eggers

Aus "The Circle" wird "Every"! In Dave Eggersʼ Fortsetzung seines dystopischen Weltbestsellers ist der Tech-Konzern endgültig allwissend und allmächtig geworden. Eine junge Technikkritikerin kämpft dagegen an. Teilweise glänzend erzählt, teilweise ermüdend. Eine Rezension von Oliver Pfohlmann.

Dave Eggers: Every
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Kiepenheuer & Witsch, 2021.
592 Seiten, 25 Euro.

"Every" von Dave Eggers

Lesestoff – neue Bücher 15.11.2021 05:01 Min. Verfügbar bis 15.11.2022 WDR Online Von Oliver Pfohlmann


Download

Scham als Druckmittel für Veränderung

Willkommen in der schönen smarten Welt von Every! In der überall Kameras stehen und Verbrechen daher Geschichte sind. In der aber auch Alltagsverhalten quasi in Echtzeit geahndet wird. Egal, ob es nun verletzend oder diskriminierend ist oder einfach nur unvernünftig und riskant.

Du willst dir eine Zahnbürste aus Plastik kaufen, schon fragt dich dein Smartphone, ob du dir wirklich sicher bist. Du verbrauchst beim Duschen zu viel Wasser, schon wirst du in den sozialen Medien als Ressourcenverschwender geshamt. Du schreist zuhause dein Kind an, prompt schlägt der mitlauschende Smartspeaker bei der Polizei Alarm. Und selbst, wer nur etwas zu lange auf die Brüste seines Gegenübers schielt, wird von der Eyetrackingsoftware im Handy an den digitalen Pranger gestellt.

"(…) es war natürlich streng genommen kein Vergehen; kein Gesetz konnte jemand daran hindern, irgendwohin zu schauen, wo er nicht hinschauen sollte. Aber Scham war die Folge, und Scham war verdient, und Scham war die Währung und das Druckmittel des Internets für Veränderung."

Zerstörung von Innen ist der Plan

Der "Circle" aus Dave Eggers‘ Roman von 2013 heißt jetzt "Every". Nach seiner Fusion mit dem größten Online-Händler ist der Tech-Gigant endgültig allmächtig und allwissend geworden. Die Romanfortsetzung spielt etwa zehn Jahre nach dem ersten Teil. Wieder gibt es eine weibliche Heldin, die neu bei dem Tech-Konzern einsteigt.

Anders als Mae Holland – in der Verfilmung von "The Circle" von Emma Watson gespielt – ist Delaney Wells aber kein naiver Newbie, der sich von der dunklen Seite der Macht verführen lässt. Im Gegenteil, die junge Technikkritikerin Delaney will den Konzern von innen heraus zerstören. Und zwar mit Ideen!

So brillanten, aber perfiden Ideen für neue Apps, die den Bogen überspannen. Dass das Band zwischen dem Konzern und seinen Milliarden von Usern zerreißt und es zum Aufstand kommt, ist der Plan.

Teuflische Ideen werden zum globalen Erfolg

Um es vorwegzunehmen: Delaneys Plan funktioniert nur halb. Der Teil mit den teuflischen Ideen klappt, der mit dem Aufstand weniger. Denn was immer sich Delaney einfallen lässt, wird ein globaler Erfolg, ungeachtet der oft immensen sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Ihr größter Hit wird ein App, die die Ehrlichkeit des Gegenübers misst; wenig überraschend wird ihr dieser Einfall später selbst noch Probleme bereiten.

"(…) binnen Kurzem war die App ein genauso akzeptables und allgegenwärtiges Messinstrument wie das Thermometer oder der Zollstock. Denn die Menschheit war sich einig, dass jede Person das Recht hat zu wissen, ob sie belogen wird und wer ein wahrer Freund ist."

Natürlich könnte das Timing für Eggers Roman-Sequel kaum besser sein. Nicht nur weil in der Realität Facebook jüngst von einer Whistleblowerin bloßgestellt wurde. Sondern weil seit Corona der Konflikt zwischen digitaler Sicherheit und individueller Freiheit quasi scharfgestellt wurde. Und auch die Folgen des Klimawandels dürften kaum anders als durch "smarte" Technik zu managen sein, aber um welchen Preis?

Selbstoptimierungseifer und Bewertungsterror

Eggersʼ Digitalisierungs-Dystopie ist immer da glänzend erzählt, wo der Autor es versteht, das satirische Potenzial seiner Every-Welt in Szenen und Figuren auszuschöpfen.

Etwa als Delaney eine Every-Toilette aufsucht und von einem künstlichen Assistenten in Gestalt eines Cartoon-Stinktiers so lange dort festgehalten wird, bis sie sich für mindestens 20 Sekunden die Hände gewaschen hat. Oder als Delaneys Kollegin Kiki vor lauter Selbstoptimierungseifer und Bewertungsterror in den Wahnsinn getrieben wird.

Wiederholende Muster werden vorhersehbar

Dennoch wirkt der fast 600 Seiten lange Roman auf die Dauer ermüdend. Zu vorhersehbar ist das sich wiederholende Muster von neuer, noch verrückterer Idee und folgendem Desaster für Eggersʼ Heldin. Und allzu platt wirkt mitunter die Kritik des US-Autors an der hypersensiblen, aber technikaffinen Generation Woke. Ohnehin kann man nur hoffen, dass es Dave Eggers nicht so ergeht wie seiner Hauptfigur – und er mit seinen teuflischen Every-Einfällen Google und Co. unfreiwillig auf neue Ideen bringt.

Stand: 13.11.2021, 14:31