Edward Dębicki - Totenvogel. Erinnerungen.

Edward Dębicki - Totenvogel. Erinnerungen.

Edward Dębicki - Totenvogel. Erinnerungen.

Von Dirk Hohnsträter

Von Wanderschaft, Flucht und dem Trost der Musik: Die berührenden Erinnerungen des polnischen Akkordeonisten Edward Dębicki liegen endlich in deutscher Übersetzung vor.

Edward Dębicki
Totenvogel. Erinnerungen.

Aus dem Polnischen von Karin Wolff
Friedenauer Presse, Berlin 2018
270 Seiten
22 Euro

Vater nannten sie "podholsnik"

Manchmal müssen Bücher einen langen Weg zurücklegen, bis sie zu ihrem Publikum finden. Die Erinnerungen des polnischen Akkordeonisten Edward Dębicki zählen dazu. Es war die im Sommer verstorbene Übersetzerin Karin Wolff, die das Manuskript ihres Freundes und Weggefährten zunächst ohne Auftrag übersetzte und einen Verlag im deutschsprachigen Raum dafür suchte. Wer weiß, ob es jemals gedruckt worden wäre, wenn nicht Friederike Jacob die Friedenauer Presse vor ihrer Schließung bewahrt und mit Dębickis Buch ihr erstes Herbstprogramm eröffnet hätte. Nun liegt es endlich vor, 14 Jahre nach der polnischen Erstveröffentlichung, bezaubernd gestaltet und reich bebildert.

"Allabendlich kamen Ukrainer zu uns, ließen sich auf der Bank vorm Haus nieder und sangen, zumeist ukrainische Volkslieder. Vater nannten sie „podholsnik“, das heißt der, der am höchsten singt; er hatte eine schöne, kräftige Stimme. Ich erinnere mich an Abende, an denen richtige Konzerte stattfanden. Beinah vor jedem Haus wurde gesungen. Und wie schön, wie musikalisch, wie rein führten sie die vielstimmigen Gesänge. Einfach bewundernswert! An solchen Abenden vergaßen wir die Tragödie des Krieges und alles Elend."

Edward Dębicki: Totenvogel

WDR 3 Buchrezension 07.11.2018 05:20 Min. Verfügbar bis 07.11.2019 WDR 3

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Im Wagen durch Polen

"Totenvogel" heißt das Buch des 1935 geborenen Musikers und Dichters. In Polen ist Dębicki kein Unbekannter. Vielfach ausgezeichnet, leitet er seit Jahrzehnten sein Ensemble "Terno".

Edward Dębicki

Edward Dębicki

Dębicki ist ein Angehöriger der polnischen Roma und überlebte als Kind die deutsche Besatzung Polens. Seine Erinnerungen erzählen davon, wie er mit seinen Eltern im Wagen durch Polen zieht. Die Musik spielt eine zentrale Rolle:

"In unserer Sippe dominierte die Musik, aber es kamen auch andere Professionen vor, wie Pferdehandel und Wahrsagekunst. Die Musik ging von einer Generation auf die andere über so wie unsere Sprache. Gott sei gedankt, dass er bei unserer Sippe mit künstlerischen Talenten nicht gegeizt hat. Wir hatten stets gute Orchester im Tross, die die Quelle unseres Unterhalts waren; ihre Erwerbsarbeit erlaubte ein einigermaßen anständiges Leben."

Aus friedlicher Wanderschaft wird ständige Flucht

Für den Jungen waren es glückliche Jahre – bis zum Beginn des Krieges. Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 wird aus friedlicher Wanderschaft ständige Flucht – Flucht vor der unfassbaren Brutalität der deutschen Besatzer. Eine Zeit der Angst und des Elends beginnt, die mit den Sorgen, Spannungen und Streitigkeiten der Vorkriegszeit nicht zu vergleichen ist. Von nun an geht es an jedem einzelnen Tag ums Überleben. Die Familie wird verfolgt:

"Der Frühling nahte, es hieß, rasch aufzubrechen und zu flüchten, denn die Deutschen rückten immer näher. Die Juden waren schon fast alle weg. Die Ältesten berieten sich und kamen zu dem Entschluss: Wir ziehen ins östliche Wolhynien. Dort sollten wir die Unseren wiederfinden, denn wenn schon umkommen, dann gemeinsam."

Von unbegreiflichen Begebenheiten

Zum bitteren Schicksal der Roma gehörte es, nicht nur von der Deutschen Wehrmacht, sondern auch von ukrainischen Banden verfolgt zu werden. Es sind unbegreifliche Begebenheiten, von denen Dębicki erzählt. Sie zeugen von humanen Regungen ebenso wie von menschlicher Niedertracht, von rettenden Zufällen und hilfloser Verzweiflung. „Totenvogel“ ist ein berührendes Buch, das ganz auf die Kraft der Erinnerung setzt.

"Wir folgten den Bahngleisen, Züge fuhren keine mehr, die Partisanen hatten die Schienen herausgerissen, und kamen auf die Brücke, von der sich der Anblick einer so schönen Gegend bot, als hätte es hier niemals Krieg gegeben. Ich schaute hinunter und da sah ich auf einmal viele Ermordete. Die Leichen lagen am und im Wasser. Eine Leiche machte an sich keinen Eindruck auf mich. In den Wäldern kamen wir jeden zweiten Tag an Ermordeten vorbei, besonders nach Razzien und Treibjagden, doch so viele auf einmal hatte ich noch nie gesehen. Als der Wind aufkam, war der Gestank furchtbar."

Unsere Wege hatten kein Ende

Dębicki erzählt in Episoden. Die Kapitel seiner Erinnerungen umfassen manchmal nur zwei, selten mehr als vier Seiten. Der Stil ist nüchtern und lakonisch, er will berichten, nicht beeindrucken. Doch indem der Autor seine Familiengeschichte selbst im für Außenstehende bisweilen unerheblich erscheinenden Detail ausbreitet, verleiht er ihr Wichtigkeit und Würde. Dass Dębicki darauf bestand, in der deutschen Übersetzung das Wort „Zigeuner“ zu verwenden, zeugt vom ruhigen Selbstbewusstsein dieses Autors. Welch ein Glück, dass sein Text nach langem Warten den Weg zum deutschsprachigen Publikum gefunden hat!

"In schwierigen Augenblicken linderte die Musik unseren Schmerz. Unsere Wege hatten kein Ende – wir fuhren von Dörfchen zu Dörfchen, von Städtchen zu Städtchen. Der Wald, unser Vater, nahm uns täglich auf in die Nacht."

Stand: 07.11.2018, 08:45