Ulrike Edschmid - Levys Testament

Buchcover:  "Levys Testament" von Ulrike Edschmid

Ulrike Edschmid - Levys Testament

Von Björn Hayer

Vom Hausbesetzer und politischen Aktivisten zum Theaterregisseur – Ulrike Edschmids neuer Roman "Levys Testament" zeichnet den Weg eines wandlungsfähigen Helden durch die Irrungen und Wirrungen des Lebens nach, der erst spät zu tieferen Erkenntnissen über seine jüdische Herkunft gelangt.

Ulrike Edschmid: Levys Testament
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
144 Seiten, 20 Euro.

Ulrike Edschmid: "Levys Testament"

WDR 3 Buchkritik 27.07.2021 03:52 Min. Verfügbar bis 27.07.2022 WDR 3


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Retrospektive auf einen wendungsreichen Lebensweg

Am Anfang stand der Kampf: gegen das Establishment, gegen die Spekulanten und Großprofiteure des Kapitalismus. Wo der gemeinsame Feind klar feststeht, findet man sich zusammen. Sogar eine Liebe kann dabei entstehen.

Von dieser Begebenheit erzählt Ulrike Edschmids neuer Roman "Levys Testament". Es ist das Jahr 1972, als die aus Berlin stammende Ich-Erzählerin auf den Mann trifft, dessen wendungsreichen Lebensweg sie uns aus der Retrospektive erzählen wird. Zusammengeschweißt hat beide die Londoner Hausbesetzerszene. Auch Terroranschläge werden geplant. Zwar zählt das Paar nur zum Umkreis der Täter, verfolgt aber deren Gerichtsverfahren als Bruder bzw. Schwester im Geist:

"Was die Menschen […] auf der Anklagebank sagen, würden auch wir sagen. Was sie denken, denken auch wir. Was uns von ihnen trennt, ist nur ein kleiner, einmal getaner Schritt auf die andere Seite. Ein Schritt, der eine Trennungslinie schafft. Wenn wir aneinandergeschmiegt aus dem Gerichtsgebäude […] gehen, erfahren wir unsere Freiheit jedes Mal als schmerzliches Glück, das am seidenen Faden hängt."

Das Potenzial der Kunst

Doch wie so viele große Liebesgeschichten der Literatur, wird auch diese trotz gemeinsamer Ideale scheitern. Für den Protagonisten, den "Engländer", steht Zeit seines Lebens vor allem der Aktivismus im Vordergrund. Er will den Neonazis und der Geschichtsvergessenheit die Stirn bieten. Was dagegen hilft, ist für ihn das Potenzial der Kunst: Nicht zuletzt aus diesem Grund wird aus dem frühen Rebell, gemeinsam mit italienischen Laiendarstellern, ein später in Frankfurt ansässiger Theatermacher:

"Das erste Immigrantentheater Deutschlands hat ihn bekannt gemacht. Es gibt dem Gallusviertel ein Gesicht und dem Engländer das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein. Im Repertoire haben sie jetzt auch Dario Fos 'Bezahlt wird nicht' und Goldonis 'Streit in Chiozza'. Das Stück 'Einer von uns' hat es ins Frankfurter Kammerspiel geschafft. Und für das Staatstheater in Stuttgart hat er mit einer anderen Gruppe eingewanderter Jugendlicher eine Version der Odyssee inszeniert."

Tradition des Bildungsromans

Thema der besagten Stücke ist mitunter der Mensch als ein sich stetig weiter entwickelndes Subjekt. Jene Idee liegt nicht nur Homers besagtem Versepos zugrunde, eine weitere Quelle stellt potenziell Johann Wolfgang Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" dar. Dieser erzählt davon, wie eine Figur die Irrwege der Existenz beschreitet, um schließlich im Theaterleben Sinnstiftung zu erfahren.

Indem die 1940 geborene Autorin mit ihrem Plot darauf anspielt, schreibt sie sich somit in die Tradition des Bildungsromans ein. Sein Programm lautet: erst durch Krisen wird man reifer und erfahrener. Kann die Ich-Findung als individuelles Projekt so gelingen? Zum Teil, denn auch ein Verhältnis zur kollektiven Geschichte erscheint für den Protagonisten zwingend nötig.

Das Rätsel um die jüdische Herkunft

Diese präsentiert Edschmid als ein Rätsel um die jüdische Herkunft, das der "Engländer" erst im Laufe der Geschichte aufdecken wird. In einem ehemaligen Ghetto wird ihm dabei das ganze Ausmaß der gesellschaftlichen und persönlichen Unwissenheit bewusst:

Dort sind die Gassen wie ausgestorben. Keine Stille, eher ein dumpfes, drückendes Schweigen, unter dem die letzten Wohnstätten der jüdischen Bevölkerung immer tiefer ins Pflaster zu versinken scheinen. Während der Engländer auf dem menschenleeren Platz in der Sonne sitzt, wird er das Gefühl nicht los, als einziger Jude weit und breit in eine überdimensionale, aller Geschichte und überhaupt jeglicher Erinnerung beraubte Ansichtskarte hineingeraten zu sein.

Ein Lehrbuch des Lebens

In ihrer Neuauflage des jahrhundertealten Motivs vom ewigen Juden, der in der Diaspora nach Orientierung sucht, bedient sich Edschmid der für sie typischen Ästhetik. Allen voran ihre Lakonie schafft nicht nur eine Nähe zu den Figuren, sondern hebt vor allem die existenzielle Grundierung des Textes hervor.

Dessen Fokus gilt dem Menschen im Strudel des Schicksals. Von den Widrigkeiten des Daseins erschüttert, muss er sich immerzu neu bewähren. "Levys Testament" ist daher vor allem eines: ein Lehrbuch des Lebens.

Stand: 25.07.2021, 19:33