Umberto Eco - Auf den Schultern von Riesen. Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis.

Umberto Eco - Auf den Schultern von Riesen. Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis.

Umberto Eco - Auf den Schultern von Riesen. Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis.

Von Tobias Eisermann

Er puzzelte immer auf höchstem Niveau mit der Geistesgeschichte – ein Band mit Vorträgen zeigt uns posthum noch einmal Umberto Eco mit all seinem Witz und seiner Belesenheit.

Umberto Eco
Auf den Schultern von Riesen. Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis.

Aus dem Italienischen von Martina Kempter und Burkhart Kroeber
Carl Hanser Verlag, München 2019
414 Seiten
32 Euro

Der Spannungsbogen zwischen Populärkultur und akademischer Anwendungsfähigkeit

Lange bevor er 1980 durch den "Namen der Rose" berühmt wurde, hatte Umberto Eco sich in der Wissenschaftswelt bereits einen Namen gemacht. Schon 1962 hatte er in "Das offene Kunstwerk" auf eine, der Postmoderne vorgreifende Weise die vielfältigen Deutungsmöglichkeiten von Literatur erörtert und seitdem in zahlreichen Essaysammlungen die Grenzen der Interpretation ausgelotet. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften des lange Jahre an der Universität Bologna lehrenden Semiotikprofessors war es, den Spannungsbogen zwischen Populärkultur und akademischer Anwendungsfähigkeit zu halten. Der vorliegende Band versammelt Vorträge zu kultur- und medienwissenschaftlichen Themen der unterschiedlichsten Art. Der titelgebende Vortrag „Auf den Schultern von Riesen“ behandelt etwa das ambivalente Verhältnis zwischen Kulturtradition und Kulturbruch, zwischen Bewahrung und Zerstörung seit der Frühaufklärung bis zu den klassischen Avantgarden. Schon hier zeichnet sich Ecos Vortragsstil aus durch die geschickte Verknüpfung von Unerwartetem, indem er immer wieder die Grundmuster menschlichen Denkens in den unterschiedlichsten Epochen und auf den entlegensten Wissensgebieten auffindet. Eco interessierte sich stets auch für die Kehrseiten des vordergründig Offensichtlichen in der Geistesgeschichte. Neben der Schönheit beschäftigte ihn so die Ästhetik des Hässlichen. Zwei Vorträge sind diesen Themenkomplexen gewidmet. Dem Phänomen des Vollkommenen stellt er gerne das Unvollkommene gegenüber, in der Kunst und der Natur, vor allem auch der menschlichen Natur.

"Über die Unvollkommenheit ist schon viel gesagt worden, aber der Begriff läuft Gefahr, unvollkommen zu bleiben. Das menschliche Gehirn ist gewiss unvollkommen, vermag sich jedoch deshalb weiterzuentwickeln. Verglichen mit Gott ist der Mensch sicherlich unvollkommen. Aber Gott oder sonst die Natur haben es vielleicht so gewollt, um ihm seine fortwährende Kreativität zu sichern."

Das Problem von Wahrheit und Lüge

Umberto Eco

Umberto Eco

Alle Vorträge in diesem Band haben einen intellektuellen Fokus, der auch für den Laien gut zu erschließen ist. Beispielsweise erörtert Eco die Phänomenologie des Hasses am Beispiel des Antisemitismus. Die Konstruktion eines Feindbildes sei eine Methode, um sich selbst eine Identität zu schaffen, schreibt er. Und es geht einem hier die Zeitlosigkeit und zugleich die Aktualität der Argumentation unter die Haut. Immer wieder dreht sich die Betrachtung um "Bedeutung" und "Wertung" – und um das Verhältnis zwischen dem eigentlichen Wert einer Sache und demjenigen, der ihr beigemessen wird. Wissen ist nicht immer Macht und Nichtwissen bedeutet auch nicht stets Ohnmacht.

Wenn etwas nicht sichtbar wird, kann es der Bedeutungslosigkeit anheimfallen. Im zentralen Vortrag umkreist Eco auf einem Streifzug durch die europäische Kultur- und Geistesgeschichte, gleichermaßen zugänglich und amüsant, das Problem von Wahrheit und Lüge und führt dabei auch die großen Denker der frühen Neuzeit an, so wie Niccolò Machiavelli und Baltasar Gracián, die empfahlen,

"dass man eher den Fuchspelz als das Löwenfell tragen sollte, denn Lebensklugheit besteht darin, sich verstellen zu können und Schlauheit zählt mehr als Gewalt. Die Dinge gelten nämlich nicht für das, was sie sind, sondern für das, was sie scheinen. Tüchtig zu sein und es zu zeigen, bedeutet doppelt tüchtig zu sein, denn etwas, was man nicht sehen kann, ist so gut wie nicht vorhanden."

Umberto Eco - Auf den Schultern von Riesen

WDR 3 Mosaik 02.08.2019 05:23 Min. Verfügbar bis 01.08.2020 WDR 3

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Das Okkulte, Komplotte, Magie und geheimes Wissen jeder Art

Weitere Themen der in diesem Band versammelten Vorträge sind das Okkulte, Komplotte, Magie und geheimes Wissen jeder Art. Von der Antike über Mittelalter und Renaissance bis zu den Verschwörungstheorien über den Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center 2001. Das menschliche Bewusstsein bleibt für Eco zeitlebens kindlich gestrickt. Wir misstrauen dem Offensichtlichen und sehnen uns nach unverletzlichen und unerreichbaren Geheimnissen. Enthüllte Geheimnisse sind zu nichts nütze.

"Es ist schon immer ein Grundsatz der Geheimdienste gewesen, dass man umso mächtiger ist, je mehr man weiß oder zu wissen vorgibt. Ob es stimmt, spielt keine Rolle. Man muss nur glaubhaft versichern, im Besitz eines Geheimnisses zu sein. Und ein Geheimdienst bricht zusammen, wenn Regierungsarchive geöffnet werden oder es Plattformen wie WikiLeaks gelingt, sie zu knacken."

Die gewohnt lehrreichen Lektüre

Man spürt, wie Eco seine zeitlosen geisteswissenschaftlichen Vorträge immer wieder auch durch hochaktuelle politische und gesellschaftliche Bezüge aufzufrischen wusste. So bietet uns der große italienische Gelehrte drei Jahre nach seinem Ableben in diesem nachgelassenen Band noch einmal die gewohnt lehrreichen Lektüren, auch wenn seine brillante Argumentation zuweilen durch die Menge der Belege ein wenig erdrückend gerät.

Stand: 02.08.2019, 09:00