Geoff Dyer - White Sands. Erlebnisse aus der Außenwelt

Geoff Dyer - White Sands. Erlebnisse aus der Außenwelt

Geoff Dyer - White Sands. Erlebnisse aus der Außenwelt

Von Andreas Wirthensohn

In neun eigenwilligen Reportagen demonstriert Geoff Dyer, dass er der literarische Meister der Abschweifung ist.

Geoff Dyer
White Sands. Erlebnisse aus der Außenwelt
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
DuMont, 2017
254 Seiten
24,00 Euro

Heller als frisch gefallener Schnee

White Sands macht seinem Namen offenbar alle Ehre. Auf diesem riesigen Gipsfeld im US-Bundesstaat New Mexico ist der Sand, der sich dort zu Dünen anhäuft, heller als frisch gefallener Schnee. Ein fast unwirklich wirkender Ort, unbefleckte Wildnis, die eine beglückende Erfahrung vermittelt. Doch Geoff Dyer und seine Frau müssen abends wieder in El Paso sein, und so steigen sie schweren Herzens ins Auto und machen sich auf den Weg. Unterwegs nehmen die beiden, gut gelaunt, wie sie sind, einen Anhalter mit, einen Schwarzen Ende zwanzig. Es entspinnt sich ein lockeres Gespräch. Doch kurz darauf wird die entspannte Atmosphäre empfindlich gestört, als ein Schild am Straßenrand verkündet:

HINWEIS: KEINE ANHALTER MITNEHMEN. VOLLZUGSANSTALTEN IN DER UMGEBUNG.
"Ich hatte das Schild gesehen, Jessica hatte das Schild gesehen, unser Anhalter hatte das Schild gesehen. Wir alle hatten das Schild gesehen, und das Schild hatte unser Verhältnis zueinander grundlegend verändert. Was mich beschäftigte, war der Plural: nicht eine Vollzugsanstalt, sondern Vollzugsanstalten. Mehrere. Das Hinweisschild – und die Tatsache, dass es sich als Hinweis verstand, nicht als Warnung, baute mich etwas auf – gab nicht an, wie viele, aber es waren eindeutig mehr als eine. Ich guckte Jessica nicht an. Sie guckte mich nicht an. […] Abgesehen davon, dass wir nicht schauten, sprach auch niemand ein Wort. Ich habe immer an das Prinzip der Schwingungen geglaubt: gute Schwingungen, schlechte Schwingungen. Nachdem wir das Schild gesehen hatten, veränderten sich die Schwingungen im Auto – die sehr gute Schwingungen gewesen waren – komplett und wurden zu sehr schlechten Schwingungen. […] Das Auto war nicht mehr derselbe Ort, der es noch eine Minute zuvor gewesen war."

Orte und Begegnungen

Es sind die verschiedensten Örtlichkeiten, die Geoff Dyer in seinem jüngsten Buch aufsucht. Der Brite, der zur Zeit in Los Angeles lebt, besichtigt mehrere Land-Art-Projekte, er sucht in Kalifornien nach den Spuren, die der Emigrant Theodor W. Adorno dort hinterlassen hat, er bereist die Verbotene Stadt in Peking und jagt in Norwegen dem Nordlicht hinterher. Nur: Über all diese Orte erfährt man zwar einiges, mehr noch aber über denjenigen, der sie besucht. Statt von White Sands erzählt Dyer also davon, wie er den Anhalter einigermaßen elegant wieder loswurde. In China hat er nur Augen für die gut aussehende Reiseleiterin. Und in Norwegen beginnt das winterliche Unternehmen Nordlicht wenig vielversprechend.

"Wir konnten vierundzwanzig Stunden am Tag damit verbringen, das Nordlicht zu sehen, das Nordlichterlebnis zu genießen, doch zunächst kamen wir in Oslo in den Genuss des Kostspieligkeitserlebnisses. Wie schön es sein muss, dort zu leben und irgendwohin zu verreisen, in London anzukommen, in Tokio […] und ganz aus dem Häuschen darüber zu sein, wie billig dort alles ist. Die Zugfahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum kostete ein Vermögen. Dann liefen wir von unserem teuren Hotel durch die eingefrorene Stadt […] und aßen im teuersten Restaurant der Welt, das für Osloer Verhältnisse allerdings noch vergleichsweise günstig war. Wir waren fassungslos darüber, wie kalt und wie teuer es war, aber nicht so fassungslos, dass wir nicht einen Anflug von Reue verspürten, in ein gefrorenes, dunkles und halsabschneiderisches Land gekommen zu sein."

Dass am Ende nicht einmal das Nordlicht zu sehen ist – wen wundert’s?

Geoff Dyer

Geoff Dyer

Dyers Texte bieten eine, wie der Autor selbst es nennt, "Mischung aus fiktionaler Erzählung und Sachbuch". Man könnte auch von Autofiktion sprechen, von autobiographischem Reiseessay, von Selbst- und Welterkundungen. Nur verfehlt man damit den Kern seines Schreibens. Denn den Rahmen dieses abschweifenden, assoziativen Erzählens bildet eine „allumfassende Ziellosigkeit“. Und Dyers Annäherungen an Orte und Biographien sind im Grunde Dokumente des Scheiterns. Oder anders gesagt: Wir lernen dank dieser Texte wenig über die geschilderten Orte, aber viel darüber, dass das Leben eine ziemlich kontingente, von Zufällen bestimmte Angelegenheit ist. Und das auch noch auf hochkomische, mitunter slapstickhafte Weise.

Der Anfang am Ende

Das gilt ganz besonders für den abschließenden Text mit dem paradoxen Titel "Beginn". Darin berichtet Dyer von einem Hirninfarkt, den er in Kalifornien erlitten hat. Nach zahlreichen Untersuchungen steht zwar nicht fest, was genau die Ursache war. Dafür aber etwas anderes:

"In der Zeit unmittelbar nach dem Schlaganfall dachte ich oft an diese Zeile aus Tarkowskis Film Solaris: Wir wissen nie, wann wir sterben werden, und deshalb sind wir zu jedem beliebigen Zeitpunkt unsterblich. Selbst jetzt, viele Monate später, nachdem ich all diese Tests absolviert habe und mein Sinn für den sich zwangsläufig einstellenden Überdruss am Leben vollauf wiederhergestellt ist, selbst jetzt, da der Entschluss, jeden einzelnen Tag wie ein Geschenk anzunehmen, weitgehend in Vergessenheit geraten ist, fühlt es sich noch immer gut an, dort zu sein, wo ich immer sein wollte […]. Über dem Pazifik braut sich gerade ein wilder Sonnenuntergang zusammen. Das Wasser leuchtet türkis, die Farbe des Himmels verwandelt sich in ein irres Pink, die Lichter des Riesenrads von Santa Monica beginnen im Dämmerlicht zu pulsieren und zu rotieren. Das Leben ist so interessant, dass ich gern für immer bleiben würde, nur um zu sehen, was passiert, worauf das alles hinausläuft."

Dyers Texten haftet etwas eigenartig Metaphysisches an. Sie spielen auf ganz eigene Weise mit der eigenen Vergänglichkeit, alles kann jeden Moment immer ganz anders sein. Die Beiläufigkeit, mit der er darüber schreibt, die ins Komische lappende Lakonie, die nie ins Alberne abgleitet – sie sind es, die Dyers Bücher, den Sound dieses Schreibens so unverwechselbar machen.

Stand: 07.01.2018, 17:40