Buchcover: "Die Stimme" von Jessica Durlacher

"Die Stimme" von Jessica Durlacher

Stand: 25.05.2022, 07:00 Uhr

Eine jüdische Familie in Amsterdam, die aus Erfahrung weiß, was Verfolgung bedeutet, nimmt eine somalische Muslima bei sich auf. Als die sich von ihrem Glauben lossagt, werden sie alle Ziel islamistischer Morddrohungen.
Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Jessica Durlacher: Die Stimme
Aus dem Niederländischen von Annelie Bogener.
Diogenes Verlag, 2022.
496 Seiten, 25 Euro.

"Die Stimme" von Jessica Durlacher

Lesestoff – neue Bücher 25.05.2022 06:00 Min. Verfügbar bis 25.05.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Der 11. September 2001 hat die Welt verändert – auch die des jüdischen Ehepaars Zelda und Bor und ihrer drei Kinder. Da wollen sie nach langem Zusammenleben endlich heiraten, in ihrer Lieblingsstadt New York -  und werden während der Zeremonie Zeugen des islamistischen Attentats auf das World Trade Center. Zelda, die Ich-Erzählerin, begreift sofort:

"Sie überbringen uns eine Botschaft: In dieser Welt der Gewalt spielt es keine Rolle, was du tust oder wer du bist, du stehst nur zur Verfügung, als anonymes Menschenmaterial, das man töten kann, mir nichts dir nicht, ein Gestus höchster Macht.
Das ändert alles, nichts ist mehr sicher."

Diese neue Unsicherheit quält sie auch nach ihrer Rückkehr in die Niederlande. Sie will  gegen ihre Angst ankämpfen und nimmt gerade deshalb als neues Kindermädchen Amal, eine muslimische Somalierin aus dem nahe gelegenen Flüchtlingslager:

"Die Frömmigkeit, die ihr Aufzug ausstrahlte, ließ mich noch mehr frösteln, als ich es ohnehin schon tat.
In New York hatte ich sie verloren: meine Unbefangenheit gegenüber der Frömmigkeit von Fremden, und damit gegenüber allem, was anders war als wir."

Amal, eine schöne junge Frau mit einer überwältigenden Ausstrahlung, die man sogar durch ihre Verschleierung hindurch noch spürt, saugt den Westen auf wie eine Verdurstende, seine Lebensweise, vor allem seine Musik. Sie ist eine großartige Sängern, und die Familie meldet sie zum Wettbewerb der TV-Sendung „Die Stimme“ an. Amal gewinnt – und wirft während eines spektakulären Bühnenauftritts vor einem Millionenpublikum als Protest gegen die Unterdrückung muslimischer Frauen ihre Burka ab. Eine Welle aus Hass, Gewalt- und Morddrohungen zwingt sie zum Untertauchen - ausgerechnet im abgelegenen Gartenhaus der Familie.

"Sicherheit war eine Illusion. (...) Wenn Amals Versteck aufflog, würden sie es ins Visier nehmen, und es schien mir unwahrscheinlich, dass das Wohnhaus von ihrer Wut und ihren unerbittlichen religiösen Überzeugungen verschont bleiben würde."

Jessica Durlacher verarbeitet in „Die Stimme“ Erfahrungen, die sie selbst mit der somalischen Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali gemacht hat, noch bevor diese zur weltbekannten Aktivistin wurde. Auch hier im Roman hilft eine jüdische Familie, in deren Gedächtnis der Holocaust tief eingebrannt ist, einer von politischem Fanatismus bedrohten Frau. Hin- und hergerissen zwischen Zivilcourage und Angst vor den Folgen sind sie aber zunehmend desillusioniert von der Härte, dem unbedingten Erfolgswillen der jungen Somalierin, die alle tolerante Hilfsbereitschaft als Mittel für die eigenen Ziele benutzt. Die Figur der Amal bleibt deshalb seltsam uneindeutig, schillernd, und auch Zelda schwankt zwischen Bewunderung und Bitterkeit.

"Ich kann nicht leugnen, dass ich bei ihr nicht auch willkürlich an Käuflichkeit denken musste. Mir war nicht entgangen, dass sich unter ihrem Talent zum Ruhm etwas subtil Berechnendes verbarg, etwas Manipulatives, die Absicht, andere gezielt zu verführen."

Alle Romane Jessica Durlachers wie  "Die Tochter" oder "Emoticon" bestechen durch ihre subtilen, feinfühligen Charakterzeichnungen - auch ihr neuer, "Die Stimme".

Doch mehr noch als alle anderen fordert dieses beklemmende, schonungslos aufrichtige Buch Haltung vom Leser ein: Wie geht man um mit islamistischem Hass? Mit einer Religion, die diejenigen zum Töten freigibt, die nicht an sie glauben? Ein verdrängtes Problem, wenn es nicht gerade aktuell hochkocht: in Amsterdam nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh, der mit Aayan Hirsi Ali zusammenarbeitete; in Paris beim Anschlag auf Charlie Hebdo; bei den Attentaten in den U-Bahnen von London und Madrid. "Die Stimme" zwingt zum Hinsehen, zum Nachdenken: Wo beginnt die Feigheit? Wo das Ende des Zumutbaren? Der Roman lässt nicht los, bis zur Schmerzgrenze intensiv. Und bitter auch der Preis, den die Familie für ihre Hilfe zahlt: die eigene Zerstörung. Zelda braucht Jahre, um sich damit abzufinden.

"Der Groll schlummert noch in meinem Blut wie ein Virus, macht mich aber nicht mehr so krank wie früher. Ihretwegen verstehen und fühlen wir jetzt die enorme Tragweite des Wortes 'Freiheit'.
Ich erkenne Amals Mut."