John von Düffel - Der brennende See

John von Düffel - Der brennende See

John von Düffel - Der brennende See

Von Nicole Strecker

Wasser-Experte John von Düffel beschäftigt sich in seinem dystopischem Roman mit dem Klimawandel - und meint es ein bisschen zu gut.

John von Düffel
Der brennende See

Dumont Verlag, Köln 2020
320 Seiten
22 Euro

John von Düffel: "Der brennende See"

WDR 3 Buchkritik 06.07.2020 05:19 Min. Verfügbar bis 06.07.2021 WDR 3

Download

Der See

Er ist nicht gerade eine, wie es heißt: "Postkarten-Schönheit". Der See, um den in John von Düffels Roman die Gedanken aller Figuren ständig kreisen, ist eigentlich nur ein Baggerloch, über das das Rauschen der nahegelegenen Autobahn weht. Immerhin: gefüllt mit klarstem Grundwasser.

"Hannah glaubte die Tiefe zu sehen wie einen Schatten, der sich über das Wasser erstreckte und ins Bodenlose fiel. Auch an einem strahlend hellen Tag wie heute war die Oberfläche dunkel, glich nicht einmal einer Fläche, sondern einer Wölbung, gebeugt wie der Rücken von etwas Großem."

Das Geheimnis ihres Vaters

Hannah, die Hauptfigur in John von Düffels Roman, ist an den See ihrer Heimatstadt nach vielen Jahren Abwesenheit zurückgekehrt. Ihr Vater ist gestorben, sie muss die Erbschaftsangelegenheiten regeln. Der Vater war Schriftsteller und leidenschaftlicher Schwimmer im See. Natürlich muss man jetzt sofort an den Autor John von Düffel selbst denken, bekanntlich obsessiver Langstreckenschwimmer und seit seinem wunderbaren Romandebüt "Vom Wasser" vor 22 Jahren der Experte schlechthin für alles, was in der Belletristik mit diesem Element zu tun hat. Naheliegend, dass er einmal einen Roman über den Schutz seines favorisierten Ökosystems schreiben würde. Dafür hat er sich ein kluges Konstrukt ausgedacht: Seinen titelgebenden See bedrohen kapitalistische Nutzungskonzepte: von der Privatisierung bis zur Umwandlung in eine Mülldeponie. Dagegen kämpft die Jugend in John von Düffels Roman ums Biotop. Über einige Verwicklungen in der Handlung verbindet der Autor die individuelle Erbschaftsgeschichte seiner Figur Hannah mit der großen Frage des Generationenvertrags:

John von Düffel

John von Düffel

Was vererben wir unseren Nachkommen, in welchem desaströsen Zustand lassen wir ihnen den Planeten zurück? Für die Hauptfigur Hannah gilt zunächst: Sie erbt - nichts. Ihr Vater hat in seinen letzten Lebenstagen alles einer Stiftung überschrieben. Als sie in seiner Wohnung auch noch das Foto einer jungen Frau entdeckt, ist sie vollends verunsichert: Eine Geliebte? Oder gar eine Halbschwester? Kannte sie ihren Vater überhaupt? Über vier Tage erstreckt sich die Handlung des Romans. In dieser Zeit versucht Hannah wie in einem Enthüllungsdrama, das Geheimnis ihres Vaters zu lüften, überrascht von der Intensität der eigenen Gefühle.

"Sie hatte den Tod unterschätzt. Ihr hätte klar sein müssen, dass er nie nur einen Einzelnen betraf, sondern alles um ihn herum erfasste. Der Tod war die letzte große Besitzergreifung. In ihm kulminierte die gesamte Macht eines Menschen über das Leben der anderen. Er war auch nicht wie das Sterben, durch das sich eine Kluft auftat zwischen dem Sterbenden und der Welt. Der Tod war nicht einsam, sondern die Aufhebung aller Einsamkeit. Seither spürte Hannah ihren Vater mehr als im Leben."

Eine radikale Umweltschützerin und das Zweite Gesicht

Hannah begegnet in ihrer Heimatstadt ihrer alten Schulfreundin Vivien. Deren 16 jährige Tochter Julia entpuppt sich als die Frau auf dem Foto und als radikale Umweltschützerin. In der vertrackten Familienkonstellation könnte dramatisches Potenzial liegen - wären da nicht die zwei ziemlich seelenlos-thesenhaften Frauenfiguren. Hannah geht einem bald auf die Nerven als lasch-labile Heldin, die sich ständig mit viel Alkohol abschießt und die einfach nie die naheliegenden Fragen stellt. Warum sich die anderen Figuren ständig so um die schroffe, peinlich betrunkene Frau bemühen, bleibt rätselhaft. Wo Hannah die vernebelte, verantwortungslose Generation der Enddreißiger symbolisiert, dient ihre vermeintliche Halbschwester Julia als rebellisches Fridays-for-Future-Gegenbild. Eine Greta-Thunberg-Kopie, die unangemessen altkluge Vorträge im Klima-Aktivisten-Sprech hält. Viel gelungener dagegen eine Nebenfigur: Julias kleiner Bruder Marvin. Ein offenbar hochsensibles Kind, das die Erwachsenen verstört, weil es besser als sie selbst weiß, was sie gerade fühlen.

"Das Zweite Gesicht, dachte Hannah, der Junge hatte es wirklich. Doch sie konnte ihm einfach nicht böse sein, denn gleichzeitig tat er ihr leid, so wie er dasaß in dem viel zu großen Korbsessel, starr und vollkommen regungslos, als würde er immer und ewig so dasitzen müssen."

Der See wird gerettet

Eine wunderbar originelle Kinderfigur, ein bisschen mysteriös und trotzdem psychologisch glaubwürdig. Gelungen skurril wirkt auch der tote Schriftsteller-Vater, dessen letzter Roman nur aus der Beschreibung von Wolkenformationen besteht - der schrullige Beitrag des Senior-Dichters zu den Weltretter-Ambitionen der Jugend. Seine besungenen Regenwolken mutieren in der Wirklichkeit des Romans bald in giftige Rauchwolken, die über der Kleinstadt schweben. In solchen kunstvollen Metaphern-Netzen wie auch in der subtilen Ironie seiner Konstruktion, zeigt sich der begnadete Dramaturg John von Düffel. Und im zynischen Happy End seines unheilvollen Klimawandelromans: Der See wird gerettet, allerdings nicht durch Idealismus, sondern nur dank eines cleveren Coups der Kapitalisten.

Stand: 05.07.2020, 14:53