Ulrike Draesner - Schwitters

"Schwitters" von Ulrike Draesner

Ulrike Draesner - Schwitters

Von Oliver Pfohlmann

Der erste Pop-Artist und sein Gang ins Exil: Ulrike Draesner entdeckt den Roman im Leben des großen Merz-Künstlers Kurt Schwitters.

Ulrike Draesner: "Schwitters"

WDR 3 Buchkritik 13.10.2020 05:32 Min. Verfügbar bis 13.10.2021 WDR 3


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Ulrike Draesner: Schwitters
Penguin Verlag, München 2020.
480 Seiten, 25 Euro.

Der Ahnherr der Pop-Art

Das breitere Publikum kennt heute fast nur noch seine Gedichte "An Anna Blume" und die "Ursonate". Was schade ist, denn Schwittersʼ eigentliche Bedeutung liegt in der bildenden Kunst. Er erschuf die ersten Installationen, noch bevor der Begriff existierte. Und weil ihm Unterhaltungskunst genauso viel wert war wie die hohe, wurde Schwitters zum Ahnherrn der Pop-Art. Sein buchstäblich größtes Werk war der "Merzbau", der seine Besucher regelrecht verschluckte.

"Kurt hatte einen Raum der Erinnerung, Liebe, Verrücktheit geschaffen; eine begehbare Skulptur, die sich inzwischen über mehrere Stockwerke erstreckte. Vor 17 Jahren hatte er im besten Gartenzimmer des Erdgeschosses damit angefangen, neben der Wohnung seiner Eltern. Diesen Sommer hatte der Bau das Dach erreicht. (…) Besucher fühlten sich überwältigt, zum Lachen gebracht oder als habe ihnen jemand einen Kinnhaken versetzt. Manche beschimpften ihn, andere weinten."

Schwittersʼ Merzbau im Hannoveraner Elternhaus fiel 1943 britischen Bomben zum Opfer. Doch zu Beginn von Ulrike Draesners großem Kurt-Schwitters-Roman, im Oktober 1936, existiert die Installation noch. Hauptsächlich wegen ihr zögert Draesners Titelheld, NS-Deutschland zu verlassen. Dabei haben die Nazis seine Kunst längst als "entartet" gebrandmarkt. Zudem muss der Künstler befürchten, als Epileptiker dem Euthanasie-Programm zum Opfer zu fallen. Doch was würde dann aus seiner betagten Mutter werden? Und was aus Helma, der leidgeprüften Gattin des notorischen Schürzenjägers?

In Perspektivewechseln und Zeitsprüngen durch die Geschichte

In Zeitsprüngen hangelt sich die Autorin entlang der Lebensstationen des Künstlers. So kommt es, dass das Folgekapitel schon im norwegischen Exil spielt. Dorthin hat sich Schwitters Monate später doch geflüchtet, zusammen mit seinem erwachsenen Sohn. Um seine Werke und seine Mutter muss sich derweil in Hannover seine Frau kümmern. Weil Draesner kapitelweise die Figurenperspektive wechselt, kann man Helmas wachsende Verbitterung genauso erleben wie Schwittersʼ Schaffenskrise, abgeschnitten von Muttersprache und Publikum. 1940 dann, als Hitlers Wehrmacht Norwegen besetzt, folgt die dramatische Flucht von Vater und Sohn auf dem letzten Eisbrecher nach England. Dort landen die beiden jedoch in einem Internierungslager, als "feindliche Ausländer" – im Roman für Schwitters eine Art Nullpunkt seiner Existenz.

"Man verstand nicht, was man erlebte. Mit der Zeit wurde das eigene frühere Leben durchsichtig. Und löste sich auf."

Was für ein Stoff für einen Roman! Und wer Ulrike Draesners Werke kennt, dürfte kaum überrascht sein, dass ausgerechnet die 58-jährige Erzählerin, Lyrikerin und Essayistin den späten Schwitters für sich entdeckt hat. Denn kennzeichnend für ihr Werk ist neben einem hochentwickelten Sprachbewusstsein das Interesse an bildender Kunst. Hinzu kommt Draesners Beschäftigung mit Flucht und Vertreibung. "Schwitters", so der bündige Titel ihres neuen Buchs, soll sogar der zweite Teil einer Romantrilogie sein. Diese begann 2014 mit "Sieben Sprünge vom Rand der Welt", mit einer erfundenen Hauptfigur im Zentrum.

Sprachkollisionen in England

Dass man aber auch den neuen Roman nicht mit einer Biografie verwechseln sollte, betont die Autorin in ihrem Nachwort. Soll heißen: Die äußeren Fakten stimmen, der Rest besteht aus Empathie und Fiktion, angereichert um eigene Erfahrungen. Zu letzteren gehört zum Beispiel der verstörende Zusammenprall zweier Sprachen im eigenen Denken. Vor über 20 Jahren hat Draesner in ihren Münchner Poetikvorlesungen berichtet, wie sie als Studentin in Oxford solche Sprachkollisionen erlebte. Jetzt lässt sie diese Erfahrung ihren Protagonisten im London des "Blitzkriegs" machen.

"Kurt stand neben einem Haufen, der vor Stunden noch ein Haus gewesen war. Jetzt lag da rubble. Er dachte fast nur noch auf Englisch. In rubble steckte rub, reiben. Zerrieben sein. Auf Deutsch wäre das Schutt? Von Schütten? Schutt Schrott Schrat. Die deutschen Wörter verpackten sich vor ihm in Watte. Mit jedem Monat rückten sie weiter fort. Ab und an trieb ihm eines durch den Kopf, schwamm ihm übers Gesicht, legte sich von hinten um seinen Nacken, kühlte oder wärmte oder würgte ihn."

Die Magie des Neuanfangs

Bei Kriegsende ist Kurt Schwitters längst schwer krank, als er sich im englischen Exil zum Missfallen seines Sohnes noch einmal neu erschafft, nicht zuletzt dank seiner neuen Lebensgefährtin Edith Thomas, genannt Wantee. Sogar ein neuer Merzbau entsteht, in einer Scheune im nordwestenglischen Lake District.

Es ist beeindruckend, wie viel Sprach- und Erzählenergie die Autorin in ihren "Schwitters"-Roman gesteckt hat. Energie verlangen die knapp 500 Seiten freilich auch ihren Lesern ab. Doch die Lektüre dieses anspruchsvollen Romans lohnt sich. Denn "Schwitters" erzählt einfühlsam nicht nur von den Verlusten einer Fluchterfahrung. Sondern ebenso von der Magie des Neuanfangs.

Stand: 12.10.2020, 14:49