"Doggerland" von Ulrike Draesner

Buchcover: Ulrike Draesner - Doggerland

"Doggerland" von Ulrike Draesner

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Doggerland, ein großes Landgebiet im Norden, in der Steinzeit besiedelt, bevor es in der Nordsee versank. Für die Autorin Ulrike Draesner ein Ort, an dem die Zivilisation begann.

Ulrike Draesner: Doggerland
Penguin Verlag, 2021
184 Seiten

Ulrike Draesner: "Doggerland"

WDR 3 Buchkritik 11.10.2021 04:09 Min. Verfügbar bis 11.10.2022 WDR 3


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Die Geschichte von Ur-Menschen

Wirklich ein Gedicht, wie es die Autorin nennt? Oder doch ein kleines Epos? Die Geschichte von Ur-Menschen, die vor Tausenden von Jahren auf einem Land lebten, über das heute das Wasser der Nordsee schwappt. Noch wissen sie wenig über sich, sind einfach nur da, eins mit dem Land, dem Wasser.

"scheitern ist
nicht hölzern sondern maritim & alt
schwimmt man ohne zu jammern
im meer erscheinen seelen
um ein geringes verschoben in robben"

Sprachen aus derselben Quelle

Wo es passt, stellt die Autorin hinter deutsche Wörter ihr englisches Pendant, ähnlich in Klang und Bedeutung – der Beweis, dass beide Sprachen aus derselben Quelle stammen. Erstes Wortefinden, beginnend mit dem praktischen Überleben, mit Fischfang und schützendem Deichbau, denn:

"noch teilt man ein land island namenlos
von rhinos mammuts hyänen bald
walen durchpflügt wenn wee we (weird)
die deiche (dam dames) nicht eilends
(fleetingly) flickt"

Die Geburt der Zivilisation

So schwierig das auf den ersten Blick erscheint - ist eine anfängliche Irritation erst einmal überwunden, wird man lesend Zeuge eines Wunders: der Geburt der Zivilisation. Denn Doggerland liegt im Herzen Europas, fruchtbar und lebensfreundlich, und die Menschen dort stehen stellvertretend für alle anderen dieser einzigartigen Spezies, die sich bald zur Krone der Schöpfung erklären wird. In der Einleitung zu "Doggerland" leistet die Autorin Lese- und Verständnishilfe in schlichterer Prosa:

"Der mittelsteinzeitliche Mensch: woran erinnerte er sich, schaute worauf? Tundra und Steppe, Birke und Haselnuss, die sich erwärmende Zeit. Die Vokale zerdehnte man im Mund, in der Unzerteiltheit eines matschigen, von riesigen Farnen, Kiefern, ersten Ulmen bestandenen Waldes."

Entwicklung von Sprache

Gestützt auf Ausgrabungen und Restfunden, auf Archäologie und Linguistik, Naturbeobachtung und Empathie sieht sie Höhlenmenschen, in Horden verbunden, staunend, angstvoll und immer bedroht einer Natur ausgeliefert, die sie aus Beobachtung ein bisschen kennen, aber nicht wirklich verstehen.

Sie entwickeln, langsam, forschend die Sprache, das Instrument der Verständigung über das Praktische hinaus, erst in der eigenen Gruppe, dann auch mit anderen – wie mit den Neandertalern, die plötzlich erscheinen.

"Augen weiß
wie ihre, die mitte hingegen-
- verschlägt ihr den atem
von einer farbe nie erblickt (...)
sie überragt ihn, aber was sie länger ist
ist breiter er. zähne wie schaufeln."

Das Gedicht spiegelt, was es beschreibt

Sicher, das raunt oft und gurrt und ruckelt, und manchmal wird einem der getragene Ton zuviel. Doch dann wieder hat er eine erzählerische Härte, vor allem einen Bilderreichtum, der mit aller zu gewollten Archaik versöhnt. Und je weiter die Geschichte voranschreitet, desto moderner und gebundener werden auch die Wörter.

Das ganze epische Gedicht spiegelt in seiner Form, was es beschreibt: Das Erkennen des Selbst, ein fortschreitendes Denken in Zusammenhängen, gefolgt von Kunst und Religion, von Integration, von Kultur. Und unter allem, wie ein basso continuo, der zweite Ton, das verwandte Englisch, die Schwestersprache.

Ein gelungenes Experiment

"Doggerland": ein phantastisches, sprachlich forderndes und gelungenes Experiment. Mitsamt seinem unterschwelligen Schluss: was denn aus uns wird und unserer Zivilisation, wenn die Meeresspiegel steigen?

"durch jahrtausende starren."

"nur die luft schmeckt noch nach ihnen wildbienen
sterben aus, geier gelöscht. wir schippern nach norden
dem eis hinter (...) 'die natur'
ist so viele dass kein name gegeben wird wir
wären sonst zu sehr teil davon."

Stand: 10.10.2021, 17:56