Dostojewski - Die große Hörspiel-Edition

Hörbuchcover: Dostojewski - Die große Hörspiel-Edition

Dostojewski - Die große Hörspiel-Edition

Von Christoph Vratz

Nur wenige Schriftsteller haben so genau in die Abgründe der menschlichen Seele geschaut wie Fjodor Dostojewski. Jetzt ist eine Edition mit neun Hörspielen erschienen, die auf seinen Erzählungen und Romanen basieren.

Dostojewski - Die große Hörspiel-Edition
Mit Eva Garg, Ignaz Kirchner, Leslie Malton u.a.
Der Audio Verlag, 2021.
10 CDs, 8 Stunden und 50 Minuten Laufzeit, 30 Euro.

Fjodor Dostojewski: "Die große Hörspiel-Edition" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 29.07.2021 05:10 Min. Verfügbar bis 29.07.2022 WDR 3


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Ein Mörder wird von Erinnerungen eingeholt

Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Raskolnikov. Ein hoch begabter Student, aber arm.

"'Dann ist es ganz schlimm, wenn er die Stimmen hört.'
'Was für Stimmen?'
'Das weiß ich nicht, aber er hört Stimmen. Er sitzt dann aufrecht im Bett und hört zu, was sie ihm wohl zu sagen haben.'"

Traumverloren, krankhaft schwankend zwischen Erinnerungen und Halluzinationen erleben wir Raskolnikov. In Dostojewskis Roman "Schuld und Sühne" (bekannt auch als "Verbrechen und Strafe") ist Raskolnikov ein kaltblütiger Mörder. Er erschlägt die alte, habgierige Pfandleiherin Iwanowna und ihre Schwester. Jetzt holen ihn die Erinnerungen an seine Tat wieder ein. Die Stimmen in seinem Kopf scheinen ein Duell miteinander zu führen:

"'Rodion Romanowitsch Raskolnikow.'
'Geh weg, Du. Ich kann es nicht mehr hören.'
'Du hörst nur Dich. Und Du wirst Dich immer wieder hören.'
'Guten Tag, Aljona Iwanowna.'
'Guten Tag, Aljona Iwanowna.'
'Du fängst in möglichst ungezwungenem Tone an, doch Deine Stimme gehorchte Dir nicht und bebte und versagte.'
'Ich bringe hier einen Wertgegenstand. – Gehen wir doch zum Fenster.'"

 Indizien werden in Rückblenden gesammelt

Anders als im Roman, wird Raskolnikows Tat im Hörspiel in Form einer Rückblende erzählt – ein Kniff des Regisseurs Curt Goetz-Pflug, der Dostojewskis Roman 1958 für den damaligen SFB in Szene gesetzt hat. Hier werden erst nach und nach wichtige Indizien zusammengetragen, die dem Leser des Buches längst bekannt sind.

"'Das ist das Merkwürdige an der Sache. Da begeht einer mit aller Raffinnesse einen Doppelmord und lässt die Beute liegen.'
'Hört Ihr wohl jetzt endlich auf und macht, das Ihr rauskommt. Lass mich in Ruh! Lasst mich alle in Ruh!'"

Die reiche Tante am Roulette-Tisch

Neun Hörspiele auf zehn CDs enthält die neue Edition "Fjodor Dostojewski", darunter Adaptionen des Romans "Aufzeichnungen aus einem Kellerloch" und der Erzählung "Der Doppelgänger". Es handelt sich um Produktionen verschiedener Rundfunkanstalten, entstanden über einen Zeitraum von knapp fünf Jahrzehnten.

Das Hörspiel "Der Spieler" ist die jüngste Produktion in dieser Edition und stammt aus dem Jahr 2004. Dostojewskis Roman spielt in dem fiktiven Kurort Roulettenburg – ein hoch verschuldeter General hofft auf die baldige Erbschaft seiner reichen Tante – bis anstelle einer Todesnachricht die resolute Dame selbst erscheint:

"'Vom Roulette kommst Du hier nicht los. Bist du blank?'
'Roulette? Bei meiner gesellschaftlichen Stellung. Ich? Ihnen ist vielleicht nicht ganz wohl.' 'Rede keinen Unsinn. Ich sehe mir das mal an, das Roulette, noch heute.'"

Ihren Worten lässt die Tante gleich Taten folgen:

"Babuschkas Erscheinen im Roulettesaaal machte beim Publikum großen Effekt. An den Roulette-Spieltischen und am anderen Ende des Saals, wo der Tisch für Trente et quarante stand, mochten sich 150 oder 200 Spieler drängen, in mehreren Reihen.
'Nun Jetzt erklär Du mir mal, wie man setzen muss.'
Ich ging auf die Feinheiten im Zahlensystem ein."

Spielsucht, aber mit überzeugender Stimme

Selbst ein großes Vermögen kann am Roulette-Tisch sich schnell in Luft auflösen. Diese Erfahrung wird auch die reiche Tante machen:

"Wir verloren auch den zweiten Friedrichsdor, wir setzten den dritten. Babuschka geriet außer sich. Sie schlug sogar mit der Faust den Tisch:
'So ein Kerl. Wenn’s mich das Leben kostet, ich bleibe sitzen bis zum Zéro.'"

Überzeugend klingen die Stimmen von Jennifer Minetti als Tante, die mehr und mehr der Spielsucht verfällt, und in den weiteren Rollen Milan Peschel, Sophie von Kessel sowie Walter Renneisen.

Bitterer Humor und existenzielle Fragen

Einer der Höhepunkte dieser Dostojewski-Edition ist "Der Großinquisitor", ein separates Kapitel aus dem Roman "Die Brüder Karamasow" – hier in der zynischen Adaption durch George Tabori. Es ist ohnehin einer von Dostojewskis radikalsten Texten, der um die Frage kreist: "Gibt es einen Gott?". Hier erfährt er eine leidenschaftliche Umsetzung mit Leslie Malton, Ignaz Kirchner und Hermann Lause.

"Wenn Du wissen willst, ob Du Gottes Sohn bist, Brüderchen, so stürze Dich hinab von der Spitze des Tempels, denn es steht geschrieben: Denjenigen würde Engel auffangen und davontragen. Wir werden nicht fallen und nicht verletzen. Dann weißt Du, ob Du Gottes Sohn bist, und beweist Du, welcher Art Dein Glaube an Deinen Vater ist."

Die neue Dostojewski-Hörspiel-Edition liefert einen breiten Querschnitt durch das Werk des russischen Schriftstellers. Sie fängt exemplarisch seinen bitteren Humor ein, seine existenziellen Fragen und seine dämonisierte Sicht auf die Welt.

Stand: 28.07.2021, 20:29