John Dos Passos - USA-Trilogie

Buchcover: John Dos Passos: USA-Trilogie

John Dos Passos - USA-Trilogie

Von Kurt Darsow

Amerikanische Landeskunde auf 1600 Seiten: John Dos Passos erforscht die zerstörerischen Triebkräfte einer rastlosen Nation.

John Dos Passos: USA-Trilogie
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020.
1646 Seiten, 50 Euro.

John Dos Passos: "USA-Trilogie"

WDR 3 Buchkritik 28.09.2020 05:47 Min. Verfügbar bis 28.09.2021 WDR 3

Download

Kein stilles Glück für Fainy MacCreary

"Das Leben in San Diego war sonnig und ruhig. Mac fuhr mit dem Dampfbus morgens zur Arbeit und abends nach Hause. Sonntags machte er sich im Haus nützlich, und manchmal setzte er sich mit Maisie und der Kleinen an den Strand. Sie waren stillschweigend übereingekommen, dass er zu tun hatte, was Maisie sagte."

Mac heißt eigentlich Fainy MacCreary. Als Sohn armer irischer Einwanderer ist er für das stille Glück im Winkel nicht geschaffen. Sobald er ein arbeitsfähiges Alter erreicht hat, muss er für sich selbst sorgen. Fortan jagt er mit wachsender Wut schlecht bezahlten Jobs nach. Auch nachdem er in San Diego eine feste Anstellung gefunden hat und mit Frau und Kind im Vorort Ocean Beach wohnt, kommt er nicht zur Ruhe.

Die Schulden lassen ihm keine andere Wahl als sich auf den Spuren Jack Londons erneut in das "Abenteuer des Schienenstrangs" zu stürzen: In Yuma ist es heiß wie die Hölle. In Mexiko dagegen ist Mac in seinem Element. Die Erniedrigten und Beleidigten, die in seiner Heimat von brutalen Deputies niedergeknüppelt werden, greifen dort nach der Macht. An Hand von zwölf Lebensläufen wie demjenigen von Mac entwirft John Dos Passos in seiner "USA-Trilogie" ein Kaleidoskop der Jahre vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Wie der vom Gelegenheitsarbeiter zum Gewerkschaftsaktivisten gewordene Mac sind ihre Protagonisten allesamt Getriebene. Der entfesselte Kapitalismus erlaubt ihnen weder beruflichen noch persönlichen Stillstand. "Alles Ständische und Stehende verdampft", heißt es schon bei Karl Marx.

Auch im Frieden geht der Mensch vor die Hunde

"Erst der dichte Nebel im Westen, dann die niedrigen, schachtelartigen Häuser, die aussahen als wären sie abgesoffen, dann der weiße Streifen Sand der Rockaways; die Holzachterbahnen von Coney Island; die üppig grünen Sommerbäume und die grauen Holzhäuser auf Staten Island; alles sah auf herzzerreißende Weise nach Heimat aus."

Hoffnungsvoll kehrt der Harvard Absolvent Dick Savage aus den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs in seine neuenglische Kindheitswelt zurück. Um seinem Leben nach ziellosen Universitätsjahren eine Orientierung zu geben, hatte er sich dem Vaterland als Sanitätsfahrer des Roten Kreuzes zur Verfügung gestellt. Doch vom patriotischen Aufbruch blieben dem desillusionierten Intellektuellen in der Pariser Etappe nur ein paar alkoholgetränkte Zynismen übrig.

Auch im Frieden geht der Mensch vor die Hunde, ruft Dos Passos uns aus den katastrophalen Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu. Um Beweise für diese immer noch gültige Einschätzung zu sammeln, war er wie ein investigativer Reporter von Küste zu Küste unterwegs. "Dos Passos war der größte Reisende der Lost Generation“, bemerkt ihr Chronist Malcolm Cowley. Keine seiner leuchtenden Landschaftsbilder und farbkräftigen Stadtansichten ist erfunden. Mit den Arbeitskämpfen von Paterson, New Jersey kannte der Faktensammler sich genauso aus wie mit den Cocktail-Parties von Manhattan. So etwas wie einen amerikanischen Identitätskern hat er in seinem multiplen Roman ohne Hauptfiguren dennoch nicht zu bieten. Die dürre Begrifflichkeit der Soziologen war nicht seine Sache.

 Der "starke Duft des echten Lebens"

"Eine so wunderbare Frau, so talentiert, eigentlich eine Künstlerin. Als das Dienstmädchen heute Morgen kam, hat sie sie tot in ihrem Bett gefunden. Und wir waren vor zwölf Stunden noch bei ihr – es ist grauenhaft. In einigen Zeitungen steht etwas von einer Überdosis Schlaftabletten."

Der heimatlose Hobo, der wohlerzogene Harvardstudent und die schöne Selbstmörderin also. In den Geschichtsbüchern sind sie wie die übrigen acht Testpersonen des Romans nicht zu finden. Berühmtheiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur wie Woodrow Wilson, Andrew Carnegie, Henry Ford, Rudolph Valentino und Isidora Duncan erweist Dos Passos in tiefenscharfen Kurzporträts die Ehre, die zu den erzählerischen Highlights der "USA-Trilogie" gehören. Zusammen mit Schlagzeilen, Zeitungsschnipseln und Songtexten werden sie in unterschiedlichen Schriftarten in den Collageroman eingeblendet.

Hinzu kommt eine "Das Auge der Kamera" überschriebene Textsorte, die den Autor selbst in Form von Erinnerungsfragmenten und Traumsequenzen zu Wort kommen lässt. Bei den Lebensläufen dagegen sieht Dos Passos von Innenansichten dieser Art ab. Man hat ihm deshalb Kaltherzigkeit vorgeworfen.

Dennoch ist die rasant erzählte, formal ambitionierte "USA-Trilogie" alles andere als ein ausgeleerter Zettelkasten. Sie atmet auf wundersame Weise auch heute noch den "starken Duft echten Lebens", den Sinclair Lewis ihr einst nachsagte. "Ich hatte das Gefühl, dass alles hineinsollte", hat John Dos Passos rückblickend über sein Hauptwerk festgestellt. Bis in seine letzten Lebensjahre verstand er sich in erster Linie als registrierender und nicht als belehrender Autor. Besuchern der George Peabody Library in Baltimore hat er sich als bienenfleißiger älterer Herr mit Goldrandbrille eingeprägt, der im dortigen Lesesaal noch in hohem Alter jeden Tag seinen Studien nachging. Auch wenn er schriftstellerisch nie mehr an sein 1938 erschienenes Breitwandepos herangekommen ist: Mit Amerika war der ewigen Student noch nicht fertig.

Stand: 27.09.2020, 15:32