Dorothea Dieckmann - Kirschenzeit

Dorothea Dieckmann - Kirschenzeit

Dorothea Dieckmann - Kirschenzeit

Von Alban Nikolai Herbst

Wenn die Perseiden vorübergezogen sind – Dorothea Dieckmann erzählt kunstvoll-behutsam von Grünewalds Marienfiguren und dem Unheil unter Frauen.

Dorothea Dieckmann
Kirschenzeit

Faber & Faber, Leipzig 2019
112 Seiten
20 Euro

Ich werde die Kirschzeit immer lieben

"J'aimerai toujours le temps des cerises", haucht Juliette Gréco, "Ich werde die Kirschzeit immer lieben". Le temps de cerises, so hieße eigentlich Dorothea Dieckmanns neue Erzählung. Dass „Kirschenzeit“ draus wurde, ist wohl ein Zugeständnis an den Markt, wenn auch solche Titel zwar die Kassen füllen, doch gemeinhin nicht, wie es im Chanson heißt, "une plaie ouverte", eine offene Wunde, hinterlassen, mit der wir fortan leben werden – und wollen. Wir nehmen sie an.
Worum nämlich geht es?
Eine Mutter fährt nach Colmar, um mit ihrer erwachsenen Tochter Matthias Grünewalds Bilder zu betrachten. Die Begegnung beider Frauen vollzieht sich wie im französischen Film. Eine Dritte, "die Reisende", ist mit ihnen, die für die Objektivität des Geschehens sorgt. Indes:

"Gerade da, wo alles gewiß zu sein scheint, bewegt es sich im Ungewissen."

Insofern ist "Kirschenzeit" nicht nur eine Geschichte über Mutterschaft, sondern auch der Möglichkeit des Erzählens selbst.

"Es ist August, der dunkelrote Monat, kurz nach dem Goldregen der Perseiden...ein Geschmack von Ankunft zwar, und mehr aber noch von Abschied."

Der Bruch des objektiven Erzählens

Dorothea Dieckmann

Dorothea Dieckmann

Die Mutter will das Kind, das längst keins mehr ist, nicht zur eigenen Projektion machen, versucht vielmehr, aus ihm mit ihm herauszuschauen. Die Personen legen sich wie bei Grünewald aufeinander, ohne aber identisch zu werden:

"Maria an der Stelle ihres Kindes: Verwechslungen? Im Lächeln der jungen Maria spielte die Sorge des jungen Johannes, und das Gesicht des Kindes spiegelte das der ohnmächtigen Mutter."

Noch in den Momenten des Einsseins bewirkt die beobachtende Reisende, die zudem bisweilen "ich" sagt, dass sich Differenz nicht kitschig auflöst. Dieckmann selbst spricht hindurch.

Doch ist es eben dieser – eigentlich – Bruch des objektiven Erzählens, was der "Kirschenzeit" Wahrheit verleiht:

"Hat sie der Tochter von dem Einfall erzählt? Denn das war es, eine Erinnerung wie ein Einfall, gefallen in dem Augenblick, in dem die schönen erwachsenen Zähne der Tochter strahlten. Ihn auszusprechen, hätte dem Moment geschadet, deshalb lasse ich die Mutter davon schweigen."

Sätze zu Bildern und Szenen zu Dichtung

Wobei die "schönen erwachsenen Zähne" zu den enormen Momenten dieser Prosa gehören, weil die Sätze selbst zum Bild werden, ganz wie Grünewalds Szenen unvermittelt zu Dichtung:

"Es ist die Angst der Schwangeren vor der gottgleichen Macht, die ihr zugemutet wird: Leben oder Tod zu geben – oder Leben und Tod. Grünewald hatte sie gemalt. Sein Engel rief den ersten Schreck in ihr wach und die seither andauernde Furcht, so groß zu werden wie die eigene Mutter."

Dieckmann erzählt nicht von patriarchalem, sondern dem sich in der Mütterfolge perpetuierenden Unheil: wie jede Frau Mutter da wurde, im Angesicht der grünewaldschen Marienfiguren. Und nennt das Christentum eine "vaterlose Geschichte".

"Vater (riefen sie zusammen), wo bist du? Pass auf uns auf, lass uns nicht untergehen, gibt uns Boden unter den Füßen, zeig uns die Schritte! Und sie redeten vom Tanz. Sie lobten den Widerstand, der den Körper vor dem Zerfließen bewahrt, und besonders das Trommeln rennender Füße auf der Erde."

Hier sei die Lektüre dieses sensiblen Buches empfohlen.

Dorothea Dieckmann: "Kirschenzeit"

WDR 3 Buchrezension 19.11.2019 03:54 Min. Verfügbar bis 18.11.2020 WDR 3

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Stand: 16.11.2019, 22:25