"Was wäre wenn" von Lizzie Doron

Buchcover: "Was wäre wenn" von Lizzie Doron

"Was wäre wenn" von Lizzie Doron

In ihrem neuen Buch erzählt die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron die Geschichte einer ersten Liebe und der Wiederbegegnung am Sterbebett. Eine Rezension von Dorothea Breit.

Lizzie Doron: Was wäre wenn
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke.
dtv, München 2021.
144 Seiten, 18 Euro.

"Was wäre wenn" von Lizzie Doron

Lesestoff – neue Bücher 27.10.2021 05:02 Min. Verfügbar bis 27.10.2022 WDR Online Von Dorothea Breit


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Wiedersehen am Sterbebett

Fast vierzig Jahre haben sie einander nicht gesehen. Umso schockierter ist sie, als er sie in den letzten Stunden seines Lebens im Dezember 2018 zu sich ins Krankenhaus bittet. 

"Bevor ich gegangen bin, hat er die Augen aufgeschlagen, hat mich angesehen und gesagt: 'Es tut nicht weh.' Und 'Danke' hat er auch gesagt. Und ich habe gesagt, 'Bye' – als würden wir uns morgen wiedersehen."

Erinnerungen in der Nacht

Die Ich-Erzählerin in Lizzie Dorons neuem, autobiografisch gefärbtem Buch ist völlig aufgelöst nach dem Besuch des ehemaligen Jugendfreunds Ygal. Zurück in ihrer Tel Aviver Wohnung überfallen sie in der darauffolgenden durchwachten Nacht die Erinnerungen, blitzlichtartig und ungeordnet.

Die Erzählung springt zwischen der Gegenwart dieser Nacht und der Kindheit in den 1950er Jahren hin und her, zwischen der Wiederbegegnung am Sterbebett und der jugendlichen Liebelei, den Jahren ihrer politischen Irrtümer als junge Patriotinnen und Patrioten und den späteren Bekehrungen und Einsichten.

Konflikt mit der Mutter

Drei Jahre ist sie alt, als der Sinai-Krieg beginnt, es folgt der Sechs-Tage-Krieg in ihrer Grundschulzeit. Während die Mutter für die Tochter Ballett- und Klavierunterricht vorsieht, zieht es die Tochter zu den Pfadfindern.

"Mit ihnen trete ich zum Appell an, marschiere in Dreierreihen, tanze Hora und singe: (...) Ich bin ausgelassen und lache, auch über meine Mutter, die einen Buckel hat und Jiddisch spricht und im Holocaust war.
Uns wird so etwas nie passieren.
Aber meine Mutter will nichts hören davon. Beflissen und mit großem Erfolg macht sie die Hausaufgaben in Mathematik, Englisch, Chemie und sogar Zeichnen.
Eine Musterschülerin. (...) Wie es hätte sein sollen, wenn … Denn bei ihr ist alles ein einziges Was-wäre-wenn."

Ein traumatisiertes Land

Die Ich-Erzählerin heißt Lizzie wie die Autorin und erlebt wie diese als Rekrutin den Jom-Kippur-Krieg. Mit dem Patriotismus ist es dann vorbei, als der ehemalige Freund Ygal, dem alle eine Kariere als Generalstabschef prophezeit hatten, 1974 aus syrischer Gefangenschaft zurückkehrt.

Er leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung und steckt Lizzie wie ein Stalker Zettel in den Briefkasten. Aber nicht nur er, ganz Israel ist ein von wiederkehrenden Kriegen traumatisiertes Land, das macht dieses in wenigen Stunden zu lesende Büchlein aufs Neue bewusst.

"Unser Traum, siegreich aus allen Kriegen hervorzugehen, und die blinde Verehrung für alles, was mit unserer Armee zu tun hat, wurden uns zum Verhängnis. Ich kann nicht begreifen, (...) wie wir während der Wache eingeschlafen sind und unsere besten Freunde haben sterben lassen."

Eine Befreiung aus dem Gefängnis der Erinnerungen

Ygal demonstriert fortan gegen das Militär und den Nationalismus, er kämpft für gemeinsame Werte, für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und ein Ende der Okkupation. Lizzie liest und zitiert seine bisweilen auch zynischen Posts auf Facebook. Womit die einst im Land gefeierte Schriftstellerin wiederum ein Publikationsverbot in Israel provoziert.

Ihr autobiografisch inspirierter Text ist eine Hommage an Ygal im dramatischen Stakkato der Reue ebenso wie eine emotional aufgewühlte Befreiung der Ich-Erzählerin aus dem Gefängnis ihrer Erinnerungen. Eine Art Requiem auch und Wiedergutmachungsversuch an dem ehemaligen Freund, den sie hartnäckig ignoriert hat, und der trotzdem wie ein Phantom durch ihr Leben geisterte.

Stand: 24.10.2021, 10:03