Don DeLillo - Spieler

Don DeLillo - Spieler

Don DeLillo - Spieler

Von Peter Meisenberg

Schon in seinem frühen, jetzt wieder aufgelegten Roman "Spieler" erweist sich Don DeLillo als ein so scharfsichtiger Analytiker der amerikanischen Zivilisation, dass ihm vom Jahr 1977 ein Blick in die Zukunft, auf den 11. September 2001 gelingt.

Don DeLillo
Spieler
Aus dem amerikanischen Englisch von Matthias Müller
Kiepenheuer & Witsch, 2017
256 Seiten
9,99 Euro

Ein über der Stadt schwebendes Flugzeug

Natürlich lehnt er diese Zuschreibungen ab. Doch Don DeLillo ist ein Prophet. Lange, sehr lange vor dem 11. September 2001 spielen die Twin Towers des World Trade Center in seinem Werk bereits die Rolle, die ihnen an diesem Tag zukommen wird. In seinem 1977 veröffentlichten Roman "Spieler" beobachtet Lyle, der, wenn man so will "Held" des Romans, ein über der Stadt schwebendes Flugzeug und stellt sich vor, es würde in eines der Hochhäuser hinein fliegen. Und wenig später heißt es über Lyles Frau Pammy, die im dreiundachtzigsten Stock des Nordturms arbeitet:

"Für Pammy hatten die Türme nichts Dauerhaftes. Sie blieben bloße Konzepte, trotz ihrer Masse nicht weniger flüchtig als irgendeine herkömmliche Lichtverzerrung."

Don DeLillo - Spieler

WDR 3 Buchrezension | 04.12.2017 | 05:07 Min.

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Die Stadt als Spiegel

Die Twin Towers, ja die ganze Stadt New York werden in diesem frühen Roman DeLillos zu Insignien der sich in Auflösung befindenden amerikanischen, ja überhaupt der gesamten kapitalistischen Zivilisation. Zumindest für die in ihr lebenden Individuen ist sie im Verschwinden begriffen, nicht mehr greifbar, erst recht nicht mehr begreifbar. Zwar bewegen sie sich in ihr, arbeiten, gehen über die Straßen, in Bars, treffen Leute, unterhalten sich. Aber sie bewegen sich dabei irgendwie in einem luftleeren Raum, orientierungslos, ziellos, rastlos, wie Schauspieler, die vergessen haben, in welchem Stück sie spielen. – Allerdings nimmt der Autor nie eine psychologische Perspektive ein, verweigert jeden Einblick in ihr Innenleben. Allenfalls zeigt sich die Stadt als Spiegel ihrer inneren Befindlichkeit.

"Der Verkehr auf dem East River Drive war ungewöhnlich manisch-depressiv, ein taumelnder Blitz von Überspanntheit und selbstmörderischer Düsternis."

Zivilisation am Abgrund

Blick vom Empire State Building, New York und Portrait Don DeLillo

Don DeLillo

Nicht von ungefähr arbeiten die beiden Hauptfiguren des Romans – Lyle und Pammy – an den neuralgischen Punkten dieser sich stetig auf den Abgrund zubewegenden Zivilisation. Lyle hält als Broker in der Wall Street die internationalen Kapitalströme in Fluss, ohne sie wirklich durchschauen oder gar beeinflussen zu können. Pam versucht sich an der Bewältigung der psychischen Folgen solcher anonymen Prozesse - in einer auf Angstbewältigung und Trauerarbeit spezialisierten Agentur. Ihr Eheleben besteht darin, dass sie gelegentlich mechanisch miteinander Sex treiben und vorher und nachher in einer kindischen Privatsprache abwechselnd Zynisches und Banales plappern; ansonsten zappen sie durch die Fernsehprogramme. Getrennt. Jeder für sich in seinem Zimmer.

"Den Gegenständen wohnte ein partielles Gefühl von Gemeinsamkeit inne. Pammy und Lyle nahmen den Blick kein einziges Mal von ihrem jeweiligen Fernsehgerät."

Ein Entfremdungsdrama wird zum Thriller

Nur manchmal, in winzigen Augenblicken, werden sie sich ihrer entfremdeten Existenz gewahr, dann tauchen wie ferne Erinnerungen wirkliche Gefühle auf, doch verglühen die im nächsten Augenblick auch schon wieder. – In diesem endlosen Alltag emotionaler Ereignislosigkeit geschieht eines Tages etwas, dem Lyle zunächst überhaupt keine Bedeutung beimisst: Auf dem Parkett der Wall Street wird er Zeuge, wie ein Broker von einem Fremden erschossen wird. Da er den Broker nicht kennt, kümmert ihn der Vorfall nicht. Erst später erfährt er durch einen Zufall, dass beide Männer sich kannten und der inzwischen im Gefängnis sitzende Täter ein gesuchter Terrorist ist. Lyle sucht daraufhin Kontakt zur CIA und wird wenig später als deren Doppelagent zu einem Kurier der Terrororganisation.

Aus dem sich im ersten Romanteil andeutenden Entfremdungsdrama wird im zweiten Teil im Handumdrehen ein Thriller, zumindest der Anfang eines Thrillers. Denn die Dramaturgie dieses Genres interessiert DeLillo nicht wirklich. Er bleibt bei der Beschreibung seines Protagonisten. Und der Leser ist eigentlich nicht erstaunt, wenn Lyle Sympathien mit den Terroristen und ihrem Plan, mit seiner Hilfe die Börse in die Luft zu sprengen, zu entwickeln scheint. Was daran liegt, dass sie etwas aussprechen, was er unbewusst vielleicht ebenso empfindet.

"Eine Art, die Revolution zu verraten, ist, Theorien über sie zu verbreiten. Wir stellen nicht nur Doktrinen auf. Wir sind hier, um zu zerstören. Theorie ist eine schwächliche Ablenkung. Die einzig brauchbare Doktrin ist kalkulierter Wahnsinn."

Terror als Konsequenz

Don DeLillo scheint deshalb über prophetische Qualitäten zu verfügen, weil er ein überaus exakter Diagnostiker seiner Gesellschaft ist und seine analytische und schriftstellerische Intelligenz darauf verwendet, die dunklen Seiten, die Abgründe unter deren glatt funktionierenden Oberfläche sichtbar zu machen. Deshalb gelingt es ihm, lange bevor es allen offenkundig wurde, den Terror als eine mehr oder weniger zwangsläufige Konsequenz der sinnleeren postmodernen Zivilisation auszumachen.

Stand: 04.12.2017, 10:00