Tove Ditlevsen - Kopenhagen-Trilogie

 Die Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen

Tove Ditlevsen - Kopenhagen-Trilogie

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Kindheit, Jugend, Abhängigkeit: Die Kopenhagen-Trilogie der dänischen Autorin Tove Ditlevsen besticht durch die fast soghafte Intensität, mit der sie ihren Weg aus Armut und Unwissenheit bis zum Erfolg als eine der bekanntesten Schriftstellerinnen des Landes schildert.

Tove Ditlevsen: Kopenhagen-Trilogie
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein.
Aufbau Verlag, Berlin.
Kindheit: 118 Seiten, 18 Euro.
Jugend: 154 Seiten, 18 Euro.
Abhängigkeit: 176 Seiten, 18 Euro.

Tove Ditlevsen: "Kindheit", "Jugend", "Abhängigkeit"

WDR 3 Buchkritik 12.04.2021 05:21 Min. Verfügbar bis 12.04.2022 WDR 3


Download

Eine Schutzhülle aus Wörtern

Tove Ditlevsen war ein Kind, das von der Mutter auf Abstand gehalten wurde, bis es schmerzte. Doch in diesem Schmerz gab es einen Trost:

"In meinem Innern krochen lange, merkwürdige Wörter hervor und legten sich wie eine Schutzhülle über meine Seele. Ein Lied, ein Gedicht, etwas Linderndes, Rhythmisches und unendlich Melancholisches (...) Wenn mich diese hellen Wogen von Wörtern durchströmten, wusste ich, dass meine Mutter mir nichts mehr anhaben konnte."

Vom sozialen Umfeld als seltsam abgestempelt

Die Wörter, die aus ihr herausströmten, waren das eigentliche, manchmal das ganze Leben der Tove Ditlevsen. Wenn dieses Strömen versickerte – und solche Momente gab es  – fühlte sie sich erstarrt, beraubt, kurz vor dem Sterben. Kein Wunder, dass ihre Umwelt sie als seltsam empfand: die gleichaltrigen Mädchen, die auf den Mülltonnen im Hinterhof über Sex tratschten, die Nachbarn in der Istedgade, der gewalttätig-häßlichen Straße ihrer Kindheit.

Nur selten begriff sie, was die anderen antrieb - dann aber sah sie es so gnadenlos genau, dass es schon wieder weh tat in seiner Klarheit - das Thema ihres Lebens.

"Ich weiß, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat, so wie jedes Kind seine eigene Kindheit (...) Zum Glück verhält es sich so, dass man über die Wahrheiten seines Herzens schweigen kann."

Der Kampf gegen den sozialen Abstieg

Über andere Wahrheiten dagegen nicht: Tove Ditlevsen wurde in Vesterbro geboren, einem Arbeiterviertel von Kopenhagen. Die Familie war arm, aber abgesichert, bis der Vater seine Arbeit als Heizer verlor. Man stemmte sich gegen den sozialen Abstieg, spielte nach außen hin Gelassenheit, während die Wirklichkeit Kaffee und altbackenes Brot hieß. Spannungen, Gereiztheit,  Flucht in Bücher.

"'Ich möchte auch Dichter werden!' Er runzelte die Stirn und erwiderte: 'Bild dir bloß nichts ein. Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.'"

Und da begriff sie:

"Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man sich nicht alleine befreien kann."

Die Trostlosigkeit bleibt auch in der Jugend

"Jugend", der zweite Teil ihres  Lebensberichts, behält diesen Ton bei, weil die Trostlosigkeit blieb: als Dienstmädchen mit 14, sofort gefeuert, oder beim Aufstieg als nutzlose Bürokraft. Sie suchte Liebe und fand mehr oder weniger gefühllosen Sex.  Immerhin erfüllte sie sich ein Stück Lebenstraum:

"Ich hätte so gerne einen Ort, an dem ich üben könnte, richtige Gedichte zu schreiben. Ich hätte gern ein Zimmer mit einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl, mit einer Schreibmaschine oder einem Block und einem Bleistift, mehr nicht."

Eine Betäubung mit schlimmen Folgen

Auch andere Träume wurden wirklich, selbst wenn nicht so wie erhofft: ein Ehemann, ein Kind, Anerkennung. Der Herausgeber einer kleinen literarischen Zeitschrift druckte ihr erstes Gedicht, und sie heiratete ihn. Das Kind bekam sie vom nächsten Ehemann, nachdem sie den ersten verlassen hatte.

Der dritte war Mediziner, der ihr bei einer Abtreibung zur Betäubung ein schmerzlinderndes Opiat verpasste. Schon die erste Spritze machte sie unumkehrbar süchtig.

"Während die Flüssigkeit (...) in meinem Arm verschwindet, breitet sich eine nie gekannte Seligkeit in meinem ganzen Körper aus. Der Raum erweiterte sich zu einem strahlenden Saal, und ich fühlte mich vollkommen schlaff, träge und glücklich."

Der Weg aus der Sucht zur bekannten Schriftstellerin

Bis sie auf 35 Kilo abgemagert in einer Suchtklinik landete. Trotzdem fand sie, getrieben, schlingernd und doch unbeirrbar, ihren Weg in diesem Gestrüpp aus Liebesdramen, Mutterschaft, Befreiung und Abhängigkeit. Sie wurde eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Dänemarks, veröffentlichte Gedichte, Novellen, Romane, schließlich auch ihre Erinnerungen, die jetzt ins Deutsche übersetzte "Kopenhagen-Trilogie".

Heute kennen wir solche autofiktionalen Berichte von Autorinnen wie Annie Ernaux oder Rachel Cusk - damals waren sie eine Provokation, eine literarische Sensation. Tove Ditlevsen schonungslose Offenbarungen - völlig unsentimental und durchaus auch komisch - betören durch einen schwebend-durchsichtigen Stil, einen immer wieder aufklingenden lyrischen Grundton.

"Mir wird klar, dass ich Veränderungen in Wahrheit verabscheue. Es ist schwierig, bei sich zu bleiben, wenn die Dinge ringsherum ihr Gesicht verändern."

Beiläufige Beschreibungen von soghafter Intensität

Die Beiläufigkeit, mit der sie sich beschreibt, selbst ihre Abstürze und Psychosen, ihre feinziselierten, wie hingetupften Beobachtungen – alles von einer unwiderstehlichen, soghaften Intensität.

Allerdings verdunkelt durch das Wissen: obwohl sie schön war und erfolgreich, hat Tove Ditlevsen sich schließlich doch umgebracht, mit Tabletten, 59 Jahre alt. Sie hatte es geahnt, schon am Ende ihrer „Kopenhagen-Trilogie:

"Ich war von meiner jahrelangen Abhängigkeit geheilt, aber noch heute erwacht die alte Sehnsucht manchmal ganz leise in mir, wenn ich mir Blut abnehmen lasse oder an einer Apotheke vorbeigehe. Sie stirbt nie ganz, solange ich lebe."

Stand: 11.04.2021, 17:19