"Die militante Madonna" von Irene Dische

Buchcover: "Die militante Madonna" von Irene Dische

"Die militante Madonna" von Irene Dische

Ein unglaubliches Leben, viele Gesichter: Chevalier d’Eon de Beaumont lebte im 18. Jahrhundert als Mann und als Frau. Irene Dische erweckt diese schillernde Persönlichkeit wieder zum Leben. Eine Rezension von Corinne Orlowski

Irene Dische: Die militante Madonna
Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach.
Hoffmann & Campe, 2021.
219 Seiten, 22 Euro.

"Die militante Madonna" von Irene Dische

Lesestoff – neue Bücher 29.11.2021 05:15 Min. Verfügbar bis 29.11.2022 WDR Online Von Corinne Orlowski


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Wiedererweckung einer engelsgleichen Gestalt

Auch in üppigen Frauenkleidern und mit unpraktischer Perücke führte sie ihren Degen besser als jeder Edelmann. Sie war hochgebildete Spionin am Hof der russischen Zarin und Nonne in einem französischen Kloster. Er war aber auch Geheimdiplomat unter Ludwig XV. in London, trat als heldenhafter Soldat und Autor ökonomischer Schriften auf. Der 1728 in Frankreich hochwohlgeborene d’Eon de Beaumont war so vieles, mal als Mann, mal als Frau.

Die US-amerikanische Autorin Irene Dische erweckt diese engelsgleiche Gestalt in ihrem neuen Roman "Die militante Madonna" wieder zum Leben. Und die plaudert gleich los:

"Ich betrachte Sie in Ihrem seltsamen Jahrhundert voller Verwunderung. Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben Sie offenbar, Sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein. In meiner Zeit und in meinen Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel. Am kultiviertesten Hof der Welt kleideten sich die Männer wie Frauen und die Frauen wie Männer, und niemand regte sich über solche Kinkerlitzchen auf."

Hohe Wetteinsätze

Dass man sich dann aber doch ganz schön aufregte und es nicht als selbstverständlich hinnahm, wenn eine Person mal als Mann oder als Frau lebte, zeigt das turbulente Leben des Chevalier d’Eon. An der Londoner Börse wurden horrende Wetten über sein Geschlecht abgeschlossen, die den heutigen Gegenwert von zwei Millionen Pfund übersteigen.

"Aber ich hatte mich verrechnet. Indem ich mein Geschlecht zu einem kostbaren Rätsel machte, sorgte ich nicht etwa für meine Sicherheit, sondern setzte mich weit größeren Gefahren aus, denn jetzt lohnte es sich, mich umzubringen, und sei es nur, um mir die Hose runterzerren [sic!] und mein Geschlecht begaffen zu können."

Ein sonderbares Trio

D’Eon gelingt es, den Kopf immer wieder aus der Schlinge zu ziehen. Er trifft in London auf den – heute würde man sagen – Boulevard-Journalisten Morande und auf Pierre de Beaumarchais, den Uhrmacher, Geheimagenten und Librettisten von "Figaros Hochzeit". Als sonderbares Trio machen die drei krumme Geschäfte. Beauchmarchais wird gar d’Eons große Liebe.

"Ich hatte eine hohe Stimme und schlanke, wenn auch starke Beine. Meine Haut war auffällig glatt. Ich fragte mich, wie ein so gewiefter Mann mich einschätzen würde. Würde er die Wahrheit erkennen? Ich wollte ihn hinters Licht führen, wie ich alle Menschen hinters Licht führte."

Das Fehlen von Identitätskonflikten

Es ist ein amüsanter Kniff, dass Irene Dische ihren Helden selbst erzählen lässt. Dadurch liest sich der Roman äußerst kurzweilig. Hier hatte jemand Spaß beim Schreiben. Doch bald wird man des Tons des ununterbrochen über seine Aufs und Abs daher parlierenden d’Eon überdrüssig.

Und überhaupt hat dieser Roman durchaus seine Probleme. Denn Irene Dische lässt einen faszinierenden Wiedergänger aus dem 18. Jahrhundert auftreten, macht den allerdings eher zum Agenten ihrer Botschaft. Sie scheint zeigen zu wollen, dass ihre Figur vermeintlich ohne Identitätskonflikte lebte. Dann wünscht man ihr aber mehr psychologische Tiefe.

Heute würde man d’Eon wahrscheinlich als homosexuellen cross dresser bezeichnen. Er oder sie schlüpft in die Kleidung des anderen Geschlechts – und zwar im vollen Bewusstsein diesem nicht anzugehören. Mit Transgender oder der hitzigen Diskussion um Gendersternchen hat das wenig zu tun. Die aktuelle Debatte um die Geschlechter wiegt zu schwer, als dass Dische sie in dieser Art aufzulockern vermag.

"So, jetzt haben Sie alles gesehen. Sie haben einen Blick in meine Seele erhascht. Sie können dann gehen. James wird Sie hinausgeleiten."

Stand: 28.11.2021, 16:46