David Diop - Nachts ist unser Blut schwarz

David Diop - Nachts ist unser Blut schwarz

David Diop - Nachts ist unser Blut schwarz

Von Dina Netz

Das Schicksal der schwarzafrikanischen Soldaten im Ersten Weltkrieg – David Diop bringt Licht in dieses düstere Kapitel der französischen Geschichte. Er ist ein politischer Aufklärer und eine ganz eigene literarische Stimme.

David Diop
Nachts ist unser Blut schwarz

Aus dem Französischen von Andreas Jandl
Aufbau Verlag, Berlin 2019
160 Seiten
18 Euro

Schwarzafrikaner in der französischen Armee

Die französische Literatur und Geschichtsschreibung haben in den letzten Jahren nach und nach in die finstersten Keller der französischen Geschichte geleuchtet: Frankreich steht nicht länger als sauberer Sieger der Weltkriege da, als der es sich gern gesehen hat. Die Gräueltaten, die französische Soldaten im Algerienkrieg verübten, sind benannt. Der senegalesisch-französische Schriftsteller David Diop hat nun noch ein weiteres, wohl absichtsvoll vergessenes Kapitel der französischen Geschichte des 20. Jahrhunderts aufgedeckt: das der Schwarzafrikaner, die im Ersten Weltkrieg in der französischen Armee dienten.

Diese Soldaten, die aus dem gesamten Kolonialreich in West- und Zentralafrika kamen, wurden gleich mehrfach missbraucht. 180.000 "Schokosoldaten", wie man sie nannte, wurden während des Ersten Weltkriegs eingezogen, 30.000 von ihnen starben auf den Schlachtfeldern – im Verhältnis weit mehr als europäische Franzosen. Oft wurden sie zuerst aufs Schlachtfeld gehetzt, um den Deutschen Angst einzujagen, schreibt David Diop. Frankreich stattete zudem alle "Schokosoldaten" mit einer Machete aus, die natürlich keine übliche Kriegswaffe war, um ihren Ruf als Wilde zu unterstreichen. Sie hatten den Auftrag, nach der Schlacht die deutschen Schützengräben damit zu "säubern". Frankreich bediente sich also bewusst der Klischees der Négritude:

"Wenn ich in die blauen Augen des Feinds schaue, sehe ich oft die panische Angst vor Tod, Grausamkeit, Vergewaltigung, Kannibalismus. Ich sehe in seinen Augen, was er über mich gehört hat und davon glaubt, ohne mich je gesehen zu haben. Wenn er mich so lächeln sieht, denkt er wahrscheinlich, dass es keine Lügen waren, dass ich ihn bei lebendigem Leibe fressen werde, mit meinen Zähnen, die so weiß leuchten, egal, ob der Mond scheint oder nicht, oder Schlimmeres."

David Diop: "Nachts ist unser Blut schwarz"

WDR 3 Mosaik 28.10.2019 04:51 Min. Verfügbar bis 27.10.2020 WDR 3

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Bei der Wahrheit Gottes

David Diop wurde zu seinem Roman von Feldpostbriefen inspiriert. Von schwarzafrikanischen Soldaten sind allerdings keine überliefert, und so hat Diop eine Geschichte zweier junger Männer erfunden, die absolut glaubhaft ist. "Nachts ist unser Blut schwarz" ist eine Konfession, die Beichte eines schwarzen Soldaten, der Schuld auf sich geladen hat. Alfa Ndiaye hat seinem Kameraden Mademba Diop, der schwerverletzt auf dem Schlachtfeld lag, den Gnadenstoß verweigert:

David Diop

David Diop

"Bei der Wahrheit Gottes, wäre ich schon gewesen, der ich heute bin, hätte ich ihm die Kehle durchgeschnitten wie einem Opferschaf, aus Freundschaft. Aber ich dachte an meinen alten Vater, an meine Mutter, an die innere Stimme, die mir befiehlt, und konnte den Stacheldrahtstrang seiner Leiden nicht durchtrennen. Ich war nicht menschlich mit Mademba, meinem Seelenbruder, meinem Kindheitsfreund. Ich hielt mich an meine Pflicht. Ich sagte ihm nur die falschen Dinge, was die Gesetze der Menschlichkeit mir vorgaben und die Stimme der Pflicht, und war nicht menschlich."

Licht in einem düsteren Kapitel

Die Auseinandersetzung mit der Schuld setzt in Alfa auch einen Reflexionsprozess über die eigene Situation in Gang – der Wahnsinn des Krieges und des blinden Gehorsams gegenüber selbstmörderischen Befehlen werden ihm bewusst. Er entscheidet sich für einen ganz eigenen Weg, mit dem Mangel an Menschlichkeit umzugehen – und hier gerät David Diops Roman ein wenig ins Schlingern. Denn Alfa bestätigt künftig das Bild vom "schwarzen Wilden", indem er in die feindlichen Reihen schleicht und deutschen Soldaten den Bauch aufschlitzt und eine Hand abtrennt. Seine Kameraden glauben, es mit einem dëmm, einem Seelenfresser, zu tun zu haben. Diops Haltung ist hier klar erkennbar: Die eigentlichen Seelenfresser sind die Kriegstreiber und Befehlshaber, die ihre Soldaten wissentlich in den Tod jagen. "Nachts ist unser Blut schwarz" ist deutlich ein Anti-Kriegs-Roman. Trotzdem liest man mit einem gewissen Unwohlsein, dass der Protagonist bei seinem nachvollziehbaren Wunsch nach Rache genau die Klischees bedient, gegen die Diop ja eigentlich anschreibt.

Dennoch – David Diop gebührt das Verdienst, ein wenig Licht in dieses düstere Kapitel der französischen Kolonial- und Kriegsgeschichte zu bringen. Jenseits der politischen Qualitäten ist "Nachts ist unser Blut schwarz" auch literarisch reizvoll. Denn Diop hat seinen Roman als Monolog verfasst, dessen Teile er in Schleifen wiederholt und dann weiterspinnt, eine melodiöse Litanei in einer sehr oralen Sprache – ganz in der mündlichen Tradition der afrikanischen Kultur. Der Übersetzer Andreas Jandl hat diese Melodie behutsam ins Deutsche zu übertragen gewusst. Mit David Diop erklingt nun eine ganz eigene Stimme, die afrikanische und französische Einflüsse vereint, auf dem deutschen Buchmarkt. Eine Stimme, wie wir sie nur selten zu hören und zu lesen bekommen.

Stand: 27.10.2019, 16:55