Wolfgang Herrndorf liest - Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Wolfgang Herrndorf liest, Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Wolfgang Herrndorf liest - Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Von Christel Wester

Wolfgang Herrndorf liest "Diesseits des Van-Allen-Gürtels"
Drei Jahre bevor der Roman "Tschick" Wolfgang Herrndorf berühmt machte, erschien 2007 ein Band mit Erzählungen. Sie waren sein erster literarischer Erfolg. Nun erscheint eine Studioaufnahme des 2013 verstorbenen Schriftstellers.

Wolfgang Herrndorf liest:
Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Digitales Hörbuch
tacheles Roof Music
Laufzeit: 2 Std. 7 Min
ISBN: 978-3-86484-610-6

Wolfgang Herrndorf "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 07.11.2019 05:57 Min. Verfügbar bis 06.11.2020 WDR 3

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Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf wurde bekannt durch seinen Roman "Tschick", in dem er zwei Jungs in einem geklauten Lada auf eine große Reise durch die deutsche Provinz schickte. "Tschick" erschien 2010, wurde fürs Theater adaptiert, von Fatih Akin verfilmt und erhielt zahlreiche Preise. Noch im Jahr seines großen Erfolgs wurde bei Wolfgang Herrndorf ein Hirntumor diagnostiziert. Schreibend rettete er sich durch die kurze Lebenszeit, die ihm noch blieb. Er veröffentlichte den Roman "Sand", für den er den Preis der Leipziger Buchmesse bekam, und verfasste ein bewegendes Protokoll seines Lebens mit der unheilbaren Krankheit, das er in dem Blog "Arbeit und Struktur" veröffentlichte und das postum kurz nach seinem Tod im Jahr 2013 auch in Buchform erschien. Jetzt hat das Hörbuchlabel tacheles / Roof Music eine frühe Studioaufnahme mit einer Lesung von Wolfgang Herrndorf als Digitales Hörbuch zum Download herausgebracht: "Wolfgang Herrndorf liest "Diesseits des Van-Allen-Gürtels".

Diesseits des Van-Allen-Gürtels

So lautet der Titel von Wolfgang Herrndorfs erstem literarischen Erfolg: Mit dieser Erzählung trat er 2004 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb auf: Ein Mittdreißiger unterhält sich mit einem 13-jährigen Jungen, der Kosmonaut werden möchte und von der Mondlandung träumt.

"Ich bin der 13. – Der was? – Der 13. auf dem Mond! Zwölf waren schon da. – Kein Mensch, sagte ich. – Armstrong, Aldrin, Conrad, Bean, Mitchell, Shepard, Irvin, Young, Scott… – Hey, sagte ich. – Duke, Cernan, Schmitt – zwölf! – Zwölf Mann in Hollywood, ich bin beeindruckt."

Gezielt zerstört der Ältere den Traum des Jungen, indem er ihm erzählt, dass die Apollo-Mission nur eine Hollywood-Inszenierung gewesen sei. Gleichzeitig erinnert er sich an seine eigenen, sehr viel weniger hochfliegenden Jungenträume:

"Natürlich hatte das amerikanische Raumfahrt-Programm auch mich wie jeden anderen mit einem gewissen bizarren Schauder erfüllt, mit Entsetzen und Begeisterung über die eigene Nichtigkeit. Aber ich wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, Astronaut werden zu wollen. Ich wollte immer Firmenmitarbeiter werden, weil mein Großvater Firmenmitarbeiter war. Erst als ich meinen Abschluss machte und eine Lehrstelle suchte, stellte ich fest, dass ich keine Ahnung hatte, was ich eigentlich wollte. Ich habe es ehrlich gesagt auch nie herausfinden können."

Über Lebensträume und Desillusionierung

Wolfgang Herrndorf

Wolfgang Herrndorf

Mit dieser ebenso melancholischen wie komischen Geschichte über Lebensträume und Desillusionierung, über Initiationsriten des Erwachsenwerdens und über eine zerbrechende Liebe gewann Wolfgang Herrndorf beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis. Das ist bezeichnend für seine Karriere als Schriftsteller, denn auch „Tschick“ wurde durch die Geheimtipp-Empfehlungen von Lesern zu einem preisgekrönten internationalen Bestseller. Das gerade erschienene Hörbuch enthält nicht die Original-Bachmann-Lesung, sondern basiert auf einer Studioaufnahme aus dem Jahr 2007, bei der Wolfgang Herrndorf insgesamt drei Erzählungen las.

Die beiden weniger bekannten sind sogar die besseren. Eine führt an die Kunstakademie in Nürnberg, an der der Autor selbst in den 1980er Jahren Malerei studiert hat. Denn Herrndorf begann seine berufliche Laufbahn als Bildender Künstler und arbeitete u. a. als Illustrator für das Satiremagazin Titanic und als Buchgestalter für den Haffmans Verlag. Sein Ich-Erzähler ist ein angehender Kunststudent.

"Die praktischen Prüfungen waren leicht, nicht dass ich Bäume ausgerissen hätte oder so, aber ich konnte sehen, dass das um mich herum auch keiner tat. Die meisten hätte man nach dem ersten Tag aussortieren können. Abends lag ich in der Jugendherberge und starrte die Decke an, den Handtuchspender, den Spiegel. Ich fand es albern in dem Alter in einer Jugendherberge, aber ich war nicht der einzige. Zehn oder zwölf Mitbewerber, man erkannte sich an den Mappen."

Herrndorfs Figuren

Wolfgang Herrndorf liest diese Geschichte mit einer betont monotonen Stimme, die zunächst irritiert. Aber der Autor charakterisiert seinen Ich-Erzähler mit diesem Sprechduktus treffend: Dieser Kunststudent legt eine eigentümliche Gleichgültigkeit an den Tag, die gepaart ist mit einer gewissen Arroganz. Eine Pose, die charakteristisch ist für Herrndorfs Figuren, dahinter verbergen sich Unsicherheit, Einsamkeit, aber auch Widerwillen gegenüber Autoritäten und eine Abneigung gegen jede Form von Gefühligkeit in der Kunst.

"Das Studium war ein Desaster. Unsere Professorin erschien genau einmal die Woche, ließ sich Bilder zeigen und redete mit uns, als wären wir Fünfjährige. Für jeden Studenten hatte sie einen eigenen Satz: Frau Reifkast, Sie lesen zu wenig. Herr Brischke, denken Sie mal über Ihr Menschenbild nach. Es war unglaublich. Mein Satz lautete: Sie sind innerlich unbeteiligt. Jedes Mal, wenn ich Arbeiten zeigte: Sie sind innerlich unbeteiligt. Ich wusste nie, was damit gemeint war."

Seinen Mitstudenten schien die Kritik wenig auszumachen.

"In der Aufnahmemappe hatten die meisten Bleistiftzeichnungen und kleine Landschaften transportiert. Nach zwei Wochen an der ABK malten sie mannshohe Leinwände mit Schrubbern voll."

Diese Erzählung ist eine hinreißende Satire auf den Kunstbetrieb, die das Klischee des exzentrischen Künstlers ebenso aufs Korn nimmt wie Moden und Trends des Kunstmarkts. Und sie trägt nicht umsonst den Titel „Der Weg des Soldaten“. Denn sie gipfelt darin, dass einer der Studenten einen hochdotierten Preis gewinnt: und zwar mit dem Röntgenbild eines Zinnsoldaten, den seine Freundin für ihn verschluckt hat.

"Das Militär auf dem Weg zum Arsch, sagte Franco, während er die Bilder mit Tesafilm an Alexanders Küchenfenster heftete. Ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Pazifismus, sagte ich und schaute Mara an, die die Kohorten von Spielzeugsoldaten, die durch ihren Körper marschiert waren, offenbar gut verkraftet hatte."

Zentrale Intelligenz Agentur

Die dritte Erzählung dieses Hörbuch heißt "Zentrale Intelligenz Agentur". Ein Schlüsseltext über den Literatur- und Medienbetrieb, in dem etwa der Blogger Sascha Lobo Ritalin verteilt und der Ich-Erzähler mit sarkastischen Seitenhieben auf Wichtigtuer glänzt. Aber dies ist auch eine lakonische Bestandsaufnahme des akademischen Prekariats, gewürzt mit einer ironischen Prise Existenzialismus. Doch Herrndorfs Erzählungen erschöpfen sich nicht in der Satire, sie sind immer auch psychologische Studien über Freundschaften und Beziehungen, voller absurdem Aberwitz. Mit welcher subtilen Raffinesse Wolfgang Herrndorf diese Mixtur beherrschte, das bringen diese Originallesungen des vor sechs Jahren im Alter von 48 Jahren verstorbenen Autors eindrücklich zu Gehör.

Stand: 05.11.2019, 19:31