Buchcover: "Die Summe des Ganzen" von Steven Uhly

"Die Summe des Ganzen" von Steven Uhly

Stand: 16.08.2022, 07:00 Uhr

Provokant: Steven Uhly erkundet die Gedankenwelt eines pädophilen Priesters und nutzt dann die Fiktion, um die Opfer von sexuellem Missbrauch zu ermächtigen.

Steven Uhly: Die Summe des Ganzen
Secession Verlag, 156 Seiten, 22 Euro

"Die Summe des Ganzen" von Steven Uhly

Lesestoff – neue Bücher 16.08.2022 04:51 Min. Verfügbar bis 16.08.2023 WDR Online Von Mareike Ilsemann


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Authentische und verfremdete Welt

Steven Uhlys Roman liest sich, wie ein spanisches Buch in Übersetzung. So authentisch und etwas verfremdeter scheint die Welt. Wir befinden uns in Hortaleza, einem nordöstlichen Außenbezirk von Madrid. Die Menschen tragen Masken, es ist unsere Gegenwart. In der Pfarrkirche des Heiligen Isidro sitzt Padre Roque Gúzman in seinem Beichtstuhl und wartet. Aber an diesem Tag scheint niemand mehr aufzutauchen:

"Plötzlich eine leise, gehetzt klingende Männerstimme: 'Padre, ich habe gesündigt.' Der Padre räuspert sich leise und sagt: 'Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit.' (…) 'Padre', beginnt der Sünder erneut. In seiner Stimme schwingt jetzt Resignation mit und eine Trauer, die den Padre aufhorchen lässt. 'Ist es nicht so, Padre, dass man die, die man liebt, manchmal vor sich selbst beschützen muss, weil man ihnen sonst Schaden zufügen würde?'"

Er fühle sich zu seinem Nachhilfeschüler hingezogen, gesteht der Fremde noch, bevor er Hals über Kopf die Kirche verlässt. In den nächsten Tagen wird er zurückkommen und von seinem Seelenpein berichten. Dem Pfarrer erzählen, was der Zehnjährige, den er unterrichtet, in ihm auslöst. Berichten, dass er in "Versuchung" geführt wird. Lukas Hernandez heißt der Fremde, der Frau und Kind verlassen hat und gegen die Zuneigung zu dem Jungen ankämpft. Abwechselnd nehmen wir an der Gedankenwelt des Padres und der von Lukas teil:

"Er hört immer noch die Stimme des Padre, die dieses und jenes sagt. Er fühlt noch immer die Anspannung, unter der er selbst stand. Welche eine Situation! Welch eine Beichte! Eine Beichte, die etwas zum Gegenstand hat, was noch gar nicht geschehen ist, wovon er aber weiß, dass es unvermeidlich stattfinden wird. Unvermeidlich!"

Dialoge über die Knabenliebe

Es folgen Dialoge über vermeintliche Liebe, die Knabenliebe der alten Griechen, die Definition von Sünde. Der Priester erkennt, dass es sich beim potenziellen Opfer um einen Jungen aus dem Knabenchor handelt, den er selbst leitet. Er rät dem Beichtenden, der Versuchung zu widerstehen und den Schüler abzugeben. Man fragt sich, ob der Priester im Beichtstuhl ein Verbrechen verhindern kann, begreift dann aber, dass die Schilderungen des Beichtenden das Begehren des Priesters geweckt haben. Der Priester fühlt sich selbst zu Jungs hingezogen. Der kleine Sänger im Chor schwebt in Gefahr.

"Plötzlich weiß er, dass er nie vollkommen abgelassen hat von der Sünde, denn hätte er ehrliche Reue empfunden, er wäre niemals mehr in die Nähe kleiner Jungen gegangen, er hätte den Rat des Bischofs befolgt, er hätte die Straßenseite gewechselt, wenn ich ein kleiner Junger entgegengekommen wäre, er hätte nie wieder eine Gemeinde übernommen, sondern wäre ins Kloster gegangen, nein, nicht einmal ins Kloster, er wäre in eine Einsiedelei gegangen und hätte dort den Rest seines Lebens verbracht, er hätte sich selbst weggesperrt, um sein Leben in der Läuterung zu widmen und die Menschheit zu verschonen."

Opfer ermächtigen sich über den Täter

In "Die Summe des Ganzen" traut sich Steven Uhly, die Gedankenwelt eines pädophilen Priesters zu erkunden. Die Täterperspektive ist nicht leicht auszuhalten. Dann die Überraschung: Hier ist nichts so, wie es scheint. Uhly führt uns hinters Licht. Der Plot nimmt eine Wendung. Der Roman schafft ein Szenario, in dem es den Opfern gelingt, sich über einen Täter zu ermächtigen und ihn der weltlichen Gerichtsbarkeit zuzuführen. Was in der Realität viel zu selten passiert – ist in der Literatur möglich. Alternativerzählungen zur Welt haben eine entlastende und aufbauende Funktion. In dieser Geschichte kommt sie voll zum Tragen, was an Uhlys perfektem Romanaufbau liegt.