Theodor Fontane - Die schönsten Gedichte

Theodor Fontane - Die schönsten Gedichte

Theodor Fontane - Die schönsten Gedichte

Von Christoph Vratz

Ende 2019 jährt sich der Geburtstag von Theodor Fontane zum 200. Mal. Die Vorbereitungen laufen auf vollen Touren, auch auf dem Hörbuch-Markt. Den Lyriker Fontane zeigt eine CD, auf der verschiedene Sprecher "Die schönsten Gedichte" aufgenommen haben.

Theodor Fontane
Die schönsten Gedichte

Sprecher: Donata Höffer, Stephan Schad, Karl Menrad,
Rolf Nagel, Julia Nachtmann, Uve Teschner, Dietmar Wunder
GoyaLit
CD
ISBN 978-3-8337-3903-3

Theodor Fontane

Theodor Fontane

Es gibt nicht den einen Theodor Fontane. Dieser Autor lässt sich nicht auf eine Facette begrenzen, er war Romancier, Kriegsberichterstatter, Theaterkritiker und nicht zuletzt Lyriker. Am 20. September ist sein 120. Todestag und Ende des nächsten Jahres jährt sich Fontanes Geburtstag zum 200. Mal. Wie sehr die Vorbereitungen bereits jetzt auf vollen Touren laufen, zeigt nicht nur das groß angelegte Projekt "fontane.200" in Brandenburg. Auch der Hörbuch-Markt trägt diesem Anlass Rechnung. Verschiedene Sprecher haben nun Fontanes "Schönste Gedichte" aufgenommen.

Theodor Fontane - Gedichte

WDR 3 Buchrezension | 23.08.2018 | 06:04 Min.

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Im Garten

Sein Debüt als Lyriker hatte Theodor Fontane 1840 im "Berliner Figaro" gegeben, nur drei Jahre später zählte er bereits zum Kreis der Autoren des renommierten „Morgenblattes für gebildete Leser“. 1845 erschien das Gedicht "Im Garten", hier gelesen von Dietmar Wunder.

Dietmar Wunder

Dietmar Wunder

"Im Garten
Die hohen Himbeerwände
Trennten dich und mich,
Doch im Laubwerk unsre Hände
Fanden von selber sich.

Die Hecke konnt’ es nicht wehren,
Wie hoch sie immer stund:
Ich reichte dir die Beeren,
Und du reichtest mir deinen Mund.

Ach, schrittest du durch den Garten
Noch einmal im raschen Gang,
Wie gerne wollt’ ich warten,
Warten stundenlang."

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Es ist eines von 35 Gedichten, die nun auf der CD mit dem Titel „Theodor Fontane – Die schönsten Gedichte“ zu hören sind, gelesen von sieben Sprechern. Eines der berühmtesten Gedichte, "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland", bildet den Rahmen. Dieser Text ist zweimal zu hören. Zu Beginn liest Donata Höffer.

"Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste ‘ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ‘ne Birn.«
So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam."

Ein großzügiger Gutsherr

Dem Gedicht vom Herrn von Ribbeck liegt eine Sage zugrunde: Ein großzügiger Gutsherr weiß um den Geiz seines Sohnes. Daher lässt er sich eine Birne ins Grab legen – und sorgt durch deren späteren Ertrag für seine Bauern und deren Kinder. Jetzt der Schluss mit Rolf Nagel.

Theodor Fontane (1819-1898) /Tower Bridge

Theodor Fontane

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: »Wiste ‘ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ di ‘ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Brück’ am Tay

Von früher Jugend bis in die letzten Tage seines Lebens hat Theodor Fontane Gedichte geschrieben. Seine Lyrik-Produktion hat er einmal als Passion" genannt: „Mit dem Schwersten muss man immer anfangen, dadurch kriegt die Geschichte einen Glorienschein“, meinte er mit ironischem Unterton. Besonders als Balladendichter hat sich Fontane früh einen Namen gemacht, bis heute finden sich einige Titel in vielen Anthologien und Schulbüchern. Einer der bekanntesten Texte ist die "Brück’ am Tay". Die Ballade handelt vom dramatischen Einsturz einer Eisenbahnbrücke in Schottland. Gleichzeitig handelt es sich um die Adaption von Shakespeares "Macbeth" -Tragödie, denn am Anfang treten drei Hexen auf. Es liest Uve Teschner, der diese drei Stimmen behutsam unterschiedlich gestaltet, ihnen allen drei aber den Gestus des Unheimlichen verleiht.

Uve Teschner

Uve Teschner

"Wann treffen wir drei wieder zusamm’?
Um die siebente Stund’, am Brückendamm.
Am Mittelpfeiler.
Ich lösch die Flamm’.
Ich mit. Ich komme vom Norden her.
Und ich vom Süden.
Und ich vom Meer.

Hei, das gibt ein Ringelreihn,
und die Brücke muß in den Grund hinein.
Und der Zug, der in die Brücke tritt
um die siebente Stund’?“
Ei, der muß mit.
Muß mit.
Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand."

Das Besondere an dieser Ballade war bei ihrer Entstehung 1880, dass Fontane hier Mythologie, Literatur und Technik zusammenführt und daraus ein beinahe ‚symphonisches‘ Ganzes formt. Uve Teschner liest das geheimnisvoll und eindringlich. Die Auswahl der Gedichte auf dieser CD ist gelungen – sie bildet einen repräsentativen Querschnitt durch Fontanes Lyrik-Schaffen. Die Präsentation allerdings ist schlicht, um nicht zu sagen: lieblos. Es gibt kein Begleitheft, keinen Einführungstext, keine Erklärung zur Reihenfolge. Die Texte sind weder thematisch geordnet, noch chronologisch. Neben Donata Höffer, Uve Teschner, Dietmar Wunder und Rolf Nagel, sind die weiteren Sprecher: Stephan Schad, Julia Nachtmann – und Karl Menrad.

Ein gelungener Einstieg

"Spätherbst
Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün,
Reseden und Astern im Verblühn,
Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht,
Der Herbst ist da, das Jahr wird spät.

Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht –
Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!
Banne die Sorge, genieße, was frommt,
Eh Stille, Schnee und Winter kommt."

Die sieben Stimmen sorgen für entsprechend viel Abwechslung, sie lassen sich aber nur schwer auf einen Nenner bringen. In jedem Fall fangen alle Schauspieler den jeweiligen Charakter, die Stimmung der Gedichte mehr oder weniger intensiv ein. Mit Blick auf das Fontane-Jahr 2019 ist diese Produktion ein gelungener Einstieg, ihrer achtlosen Aufmachung zum Trotz.

Stand: 23.08.2018, 06:05