Julio Cortázar - Die Katzen/Los gatos

Julio Cortázar - Die Katzen/Los gatos

Julio Cortázar - Die Katzen/Los gatos

Von Tobias Eisermann

Julio Cortázar ist bekannt für seine meisterhaften Erzählungen , die den Einbruch des Magischen in die reale Welt schildern. Jetzt wird aus dem Frühwerk ein Text erstmalig verfügbar gemacht, in dem der Autor Unbekanntes von sich preiszugeben scheint.

Julio Cortázar
Die Katzen/Los gatos

Zweisprachige Ausgabe
Aus dem Spanischen und mit einem Nachwort
von Henriette Terpe und Frank Henseleit
Herausgegeben von der Kunststiftung NRW
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2018
128 Seiten
18 Euro

Eine kleine Sensation

"Von Julio Cortázar zu sprechen, bedeutet heute in Argentinien, von einem der beiden großen Mythen der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts zu sprechen. Der andere Mythos ist Borges. Cortázar ist einer der beiden großen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts."

So lobt die argentinische Literaturkritikerin Gabriela Cabezón Cámara ihren großen Landsmann Julio Cortázar, der 1984 starb. Fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod wurde in Argentinien ein Konvolut aus seinem Nachlass bekannt, das manch interessanten Text barg, unter anderem ein unveröffentlichtes Kapitel seines Romans "Rayuela – Himmel und Hölle", der ihn in den frühen sechziger Jahren weltberühmt machte. Der Düsseldorfer Lilienfeld Verlag veröffentlicht nun in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung NRW aus ebendiesem Nachlass die frühe Erzählung "Die Katzen" ein sehr schönes zweisprachiges Bändchen, samt Nachwort der Übersetzer. In gewisser Weise eine kleine Sensation. Denn, so fragt man sich sofort, warum hat Cortázar diese großartige Novelle nicht zu Lebzeiten in einem seiner zahlreichen Erzählbände untergebracht? Der Grund hierfür deutet sich vielleicht schon in den ersten Zeilen des Textes an. In unverhohlenem Sadismus konfrontiert uns der vierunddreißigjährige Cortázar nämlich gleich zu Beginn mit der Beschreibung des Verhältnisses von Cousin und Cousine, das hier im Mittelpunkt steht:

"Als Carlos María acht Jahre alt war, reizte er an seiner Cousine gerne alle Möglichkeiten eines gnadenlosen, ausgeklügelten Spiels aus, um damit die Stunden der Siesta zu füllen. Marta zögerte, bevor sie in die Rolle des Häuptlings der Sioux schlüpfte, denn sie fürchtete das knallende Lasso, das sie unter der Weide in die Enge trieb, die gefesselten Knöchel, den selbstgerechten Blick Buffalo Bills, wenn er sie vor das Gericht der Bleichgesichter zerrte."

Wie sich zankende Katzen

Julio Cortázar

Julio Cortázar

Cortázar gilt im Grunde vor allem als Autor phantastischer Geschichten. Viele seiner kurzen Texte haben unter Kennern, was den Aspekt der Phantastik angeht, ikonischen Charakter. Man nehme die Geschichte vom "Axolotl", ein exemplarischer Text über die Begegnung mit einem offenbar übernatürlichen Ereignis und dem Moment der Ungewissheit. Der Erzähler sieht sich im Aquarium von Paris mit diesem eigenartigen Unterwasser-Salamander konfrontiert, in dessen stillem, beunruhigenden und einsamen Verhalten sich sein eigenes Ich spiegelt.

Andere Texte wie das berühmte "Tagebuch für eine Erzählung" nehmen mit ihren übereinander gelagerten Handlungsebenen den postmodernen Charakter voraus. Die Erzählstoffe verlieren ihre Eindeutigkeit. Vieles löst sich in unzuverlässiges Schillern auf. Los gatos zeigt Cortázar durchaus schon auf der Höhe seines Erzähltalents, aber es fehlt noch das gewisse Etwas, das seine späteren Texte auszeichnet. Der Touch des Phantastischen, das Mysteriöse und die subtile Ironie.

Der knapp fünfundfünfzigseitig Seiten zählende Text, der mit spanischem Original und Nachwort der Übersetzer auf etwa 120 Seiten kommt, stammt aus dem Jahr 1948. Cortázar war damals vierunddreißig, also nicht mehr der Jüngste und hatte schon einen Band spätsymbolistischer Gedichte veröffentlicht. Der Text schildert die Vertrautheit und dann auch wiederum das Sich-voneinander-Entfernen von Cousin und Cousine. Carlos Maria und Marta, seine Cousine, die elternlos bei ihnen im Hause lebt, haben ein eigenartiges Verhältnis. Die Komplizenschaft, das Neckische, das Sich-immer-wieder-zueinander-Hingezogenfühlen, all das zeugt von einer zumindest auch erotischen Leidenschaft. Sie sind wie Katzen. Wie sich zankende Katzen.

"Ein stummer Widerstand wuchs in ihm, und gerne hätte er die Kühnheit besessen, Marta in einem stillen Moment in die Enge zu treiben sie lange und heftig zu küssen, um sie für immer als seinen alleinigen Besitz zu zeichnen. Er malte es sich so lebhaft und köstlich aus, dass er es nicht in die Tat umzusetzen brauchte, aber was ihm davon blieb, war ein Verlangen, sich zu streiten, ihr ständig zu widersprechen."

Warum blieb die Erzählung unveröffentlicht?

Es stellt sich die Frage, was Cortázar dazu bewegt haben dürfte, diese Erzählung nicht zu veröffentlichen, sie andererseits aber auch nicht zu vernichten und im Nachlass zu verwahren. Die Übersetzer des Bandes selbst sprechen im Nachwort von einem offenen Charakter des Textes und von einem Selbstexperiment des Autors. Es gab keine Cousine im Hause Cortázar, aber er hatte eine jüngere Schwester. Wäre die Erzählung "Die Katzen" im Band der frühen Erzählungen Cortazars enthalten, würde sie heute allerdings nicht besonders auffallen. Ihr posthumes Erscheinen macht sie interessant und der mögliche Umstand, dass der Autor den Text wegen der inzestuösen Thematik erst einmal unterschlagen, letztlich aber der Nachwelt auch wiederum nicht vorenthalten wollte.

Stand: 22.07.2018, 14:03