Romain Gary - Die Jagd nach dem Blau

Romain Gary - Die Jagd nach dem Blau

Romain Gary - Die Jagd nach dem Blau

Von Tobias Eisermann

Vierzig Jahre nach seinem Tod erscheint einer der berühmtesten Romane des legendären französischen Schriftsteller Romain Gary erstmals auf Deutsch.

Romain Gary
Die Jagd nach dem Blau

Roman
Originaltitel: Les Cerfs-volants
Rotpunkt Verlag/Edition Blau, Zürich 2019
376 Seiten
24,00 EUR

Eine pralle Geschichte voller Leben und Verrücktheit

Romain Garys letzter Roman erzählt die Geschichte des Waisenjungen Ludo, der in der Zwischenkriegszeit bei seinem Onkel in der Normandie aufwächst und sich später der Résistance anschließt. Ludos Onkel Ambroise ist ein ausgewiesener Kriegsheld. Er hat sich in der Normandie aufs Land zurückgezogen und arbeitet als Postbote. Seine Freizeit verbringt er ausschließlich mit seinen Flugdrachen, denen er exzentrische Namen gibt. Manchmal scheint es eher, dass die Flugdrachen ihn an der Leine führen als umgekehrt. Er ist durch und durch Pazifist, aber man zweifelt – wie später auch bei Ludo - an seinem Verstand:

"Der soll nicht ganz richtig im Kopf sein, seit er 14-18 eine Granate an den Nüschel gekriegt hat. Der nennt sich Pazifist und Kriegsdienstverweigerer, aber er ist wohl einfach nur ein ganz gerissener Bursche, der unheimlich gut Reklame für sich zu machen weiß. Zum Totlachen!"

Ludo hat Größeres im Sinn

Der Onkel sieht für Ludo die Chance, ebenfalls einen Posten bei der Provinzpost zu ergattern. Ludo hat allerdings Größeres im Sinn. Er verliebt sich in die Tochter eines polnischen Grafen, dessen Sommersitz sich in der Nachbarschaft befindet. Eine funkelnde Exzentrizität zeichnet die Figur des Ludo aus Er bewegt sich auf wunderbare Weise zwischen Traumwelt und Rebellion. Die ganze Struktur des Buches hat etwas von der Unvorhersehbarkeit des wirklichen Lebens. Skurrile Dialoge und mitunter slapstickhafte Handlungssprünge wechseln ab mit düsteren Beschreibungen von Krieg und Besatzung. Im zweiten Weltkrieg schließt sich Ludo einer Widerstandsgruppe an. Er hat ein phänomenales Gedächtnis – er kann sich hunderte von Namen und Daten einprägen. Er gerät unter Verdacht, wird von der polnischen Grafentochter an die Gestapo verraten und entgeht auf traumwandlerische Weise der Gefahr, indem er für verrückt erklärt wird. Um die Mitte des Romans tritt eine weitere Figur in den Mittelpunkt, welche die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zunehmend in Auflösung geraten lässt: Die jüdische Ex-Prostituierte Julie Espinoza, die sich eine Persona geschaffen hat als ungarische Gräfin.

"Sie ist eine vornehme Dame, erklärte mir der Wirt vom Feinschmeckerlokal Clos Joli. Eine Pariserin aus sehr guter Familie. Einmal war ich bei ihr zu Hause. Sie hat ihr gewidmete Photos auf dem Klavier stehen. Eines, du wirst es nicht glauben, von Hitler persönlich, mit der Widmung ‚Der Gräfin Esterhazy von ihrem Freund Adolf Hitler."

Altern? Eine Katastrophe!

Dier Originalausgabe des Romans erschien 1980 bei Gallimard in Paris. Wenige Monate später, am 2. November, wählte Gary den Freitod. Seine Lebensgefährtin Jean Seberg hatte sich mutmaßlich ein Jahr zuvor das Leben genommen. Gary legte Wert darauf, eine Notiz zu hinterlassen, dass er es nicht ihretwegen getan habe. Daran hat man natürlich gezweifelt. In jedem Fall dürften sich aber zwei Lebenswütige und Todessüchtige gefunden haben. Hier Seberg, berühmt geworden in der Rolle als amerikanische Zeitungsverkäuferin und Geliebte ihres Filmpartners Jean-Paul Belmondo in Jean-Luc Godards "Außer Atem" von 1960, dem Gründungsmanifest der Nouvelle Vague. Und dort Romain Gary, der vierundzwanzig Jahre ältere Skandalautor. Zusammen waren sie eines der schillerndsten Paare der europäischen Bohème. Gary hatte bereits 1956 mit seinem Roman "Die Wurzeln des Himmels" den renommierten Prix Goncourt gewonnen. Zwei Jahre später wurde das Buch von John Huston mit Juliette Gréco und Errol Flynn verfilmt. 1975 erhielt Gary ein weiteres Mal den Prix Goncourt, unter dem Pseudonym Émile Ajar. Das war einmalig in der französischen Literaturwelt. Das Ende von Romain Gary und Jean Seberg bleibt rätselhaft. Zwei Jahre vor seinem Tod gesteht Gary in einem Interview:

"Altern? Eine Katastrophe! Aber das wird mir nie passieren. Niemals. Ich stelle mir das als etwas Schreckliches vor. Ich selbst bin dazu nicht in der Lage. Daher habe ich mit jenem Herrn da oben einen Pakt geschlossen, Sie wissen schon, wen ich meine. Wir haben einen Pakt geschlossen und demnach werde ich niemals alt werden."

Eine Außenseiterfigur

Unter den modernen französischen Intellektuellen, den Surrealisten und Strukturalisten, war Gary definitiv seinerzeit eine Außenseiterfigur. Avantgardisten waren, gemäß einem seiner Bonmots, Leute, die nicht genau wissen, wo sie hin wollen, aber als erste da sind. Gary selbst verstand sich in vielerlei Hinsicht eher als Traditionalist. Er berief sich auf die klassische französische Erzählkunst und war stolz, ein Teil davon zu sein.

Romain Gary: "Die Jagd nach dem Blau"

WDR 3 Buchrezension 26.03.2019 04:21 Min. WDR 3

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Stand: 25.03.2019, 18:43